29.09.2026 |
Ein Umzug bedeutet weit mehr als Kisten-Schleppen und viel Organisation
Aussortieren, Kisten packen, Umzugshelfer finden, die Ummeldung beim Amt – wer umzieht, hat viel um die Ohren. Dabei ist ein Umzug weit mehr als nur der Wechsel von einer Bleibe zur nächsten.
Wer umzieht, ist oft mit ganz verschiedenen Gefühlen konfrontiert.
Der Auszug aus dem Elternhaus, der Job in einer anderen Stadt, das Zusammenziehen mit dem Partner, das eigene Haus, später vielleicht der Einzug in eine kleinere Wohnung oder das Pflegeheim – immer wieder ziehen Menschen im Laufe ihres Lebens um. Neben aller vordergründigen Umzugsorganisation hat ein Wohnungswechsel aber auch eine viel tieferliegende Dimension, die beachtet werden will.
Familientherapeutin Heike Nagel unterstützt Menschen bei Lebensübergängen. „Wenn wir einfach nur denken: ‚Ich beginn etwas Neues!‘, verkennen wir, mit welchen Umwälzungen diese Entscheidung einhergehen kann“, schreibt sie in ihrem 2022 erschienenen Buch „Übergangsweise“. Damit ein Neustart – ob in einer neuen Wohnung oder in einem anderen Lebensabschnitt – gelinge, müsse das Alte zunächst bewusst beendet werden. „Allzu oft beginnen wir einfach etwas Neues, ohne das Alte wirklich abzuschließen“ und zu betrauern, beobachtet Nagel.
Unangenehmer Schwebezustand
Bei Lebensumbrüchen beobachtet sie drei Phasen, die auch parallel ablaufen können. In der ersten Phase – etwa dem Abschied von der alten Wohnung – gebe es viel zu regeln, etwa zusammenzupacken und auszusortieren, während der Neuanfang „schon seine Fühler“ ausstrecke. Physisch am neuen Ort angekommen, befinde man sich in einer „neutralen Zone“. Diese Phase sei oft mit intensiven Gefühlen wie Trauer verbunden: „Das Alte gilt nicht mehr, das Neue greift noch nicht.“ Obwohl man doch umziehen wollte, fühle man sich am neuen Ort – noch – nicht angekommen und heimisch. Dieser Schwebezustand werde oft als quälend, irritierend und beängstigend empfunden. Statt sie einfach wegzudrücken sollten solche Gefühle zugelassen werden. Wer dieses emotionale Chaos bewusst akzeptiere, dem gelinge der Neuanfang leichter.
Eine Erfahrung, die auch die katholische Autorin Manuela Pfann aus Plochingen in ihren SWR-„Morgengedanken“ beschreibt: Sie habe ihren Umzug nicht nur als äußere Veränderung erlebt. „Kisten umzuziehen ist das eine. Aber auch meine Seele muss von einem Ort zum anderen gelangen.“
Geholfen habe ihr dabei der alte Familienkater. Nach dem Umzug zog er sich für eine Woche im Haus zurück und schlief fast nur. In der zweiten Woche habe er sich an die Fenster gesetzt „und einfach nur geschaut und beobachtet“. Erst in der dritten Woche habe er vor die Tür gewollt. „Wir haben ihm dann ein Geschirr angelegt, ihn an die Leine genommen und nach und nach mit ihm seinen Radius ums neue Haus herum vergrößert.“ Dabei seien längst nicht alle Kartons ausgepackt gewesen.
Ausgebremst durch die langsamen Spaziergänge mit dem Tier habe sie gemerkt, wie gut ihr dieses Nichtstun tat und dass sie dabei auch um ihre alte Bleibe trauern konnte. Sie habe gespürt, dass sie „im Moment gar nicht die Power für mehr“ hatte. Im Nachhinein ist Pfann froh, diesen Zwischenzustand ausgehalten zu haben. „Denn genau das ist notwendig, damit die Energie zurückkommen kann“, erinnert sich die Autorin. Bald habe der Kater das ganze Quartier erkundet und alleine den Weg zurück in sein neues Zuhause gefunden. Und sie konnte in Ruhe anfangen, „Bilder aufzuhängen und die Nachbarn kennenzulernen“.
Rituale helfen beim Loslassen und Ankommen
Laut Heike Nagel können auch Rituale bei einem Umzug helfen. „Wir haben wenig Rituale in unserer Gesellschaft“, beobachtet sie. Dabei bieten sich diese aus ihrer Erfahrung gerade bei einem Umzug an. Klare Rituale zum Abschied von der alten Wohnung und von Nachbarn helfen laut Nagel der Seele. Das können Erinnerungsfotos an die alte Wohnung sein oder auch ein schriftlicher Rückblick, was man alles in seinem alten Zuhause erlebt habe. Begrüßungsgesten am neuen Ort wie ein Fest, das den Neuanfang feiert, erleichtern laut Nagel das Ankommen. „Man kann sich im neuen Zuhause auch jede Woche einen frischen Blumenstrauß gönnen als Zeichen: Ich feiere mein neues Zuhause.“
Und was trägt dazu bei, dass die neuen Räume zu einem echten Zuhause werden? „Ankommen geschieht durch den Prozess der Aneignung“, sagt die österreichische Wohnpsychologin Barbara Perfahl. Wer neu in eine Wohnung oder ein Haus ziehe, müsse die Umgebung so gestalten, „dass sie uns guttut“. Dies sei sehr individuell.
Das Zuhause als „unsere dritte Haut“
Wie lange dauert es, bis man im neuen Zuhause angekommen ist? „Das braucht Zeit – beim einen mehr, beim anderen weniger“, beobachtet Perfahl. Menschen hätten oft schon ein paar Tage nach dem Einzug das Gefühl: „Das ist jetzt meine neue Wohnung.“ Die meisten Möbel hätten ihren Platz gefunden, und viele Umzugskisten seien schon ausgepackt. Aber es dauere oft Monate, bis die letzte Lampe hänge. „Die Aneignung braucht Zeit und Energie, und der Alltag nimmt schnell wieder überhand“, erklärt die Wohnexpertin das Phänomen.
„Viele räumen ihren Räumen wenig Zeit ein“, bedauert Perfahl. Schließlich sollten Wohnung oder Haus einladend sein und „ein Ort, wo wir auftanken, uns erholen und uns zurückziehen können“. Für die Wohnpsychologin ist eine Wohnung „so etwas wie unsere dritte Haut“. Sie sollte so gestaltet werden, dass sie einem rundum wohltut. Ein Umzug kann dafür ein guter Anlass sein.