Hochzeit des Dankes

30.09.2026 |

Danken hängt sprachlich mit Denken zusammen, mit Erinnern und Aufbewahren. Ein bunter Streifzug durch das reiche Erntejahr 2026.

... und das ist das Ergebnis: Der Erntedankteppich in der Kirche St. Johann Baptist in Hagnau zeigt eine herzliche Begegnung, Jesus begrüßt ein Kind. 
 
Die Ernte 2026 sei schlecht ausgefallen, mit „teils gravierenden Ertragseinbußen“, konstatierte Bundeslandwirtschaftsminister Rainer (CSU) Ende August im Presse-Gespräch zum Erntebericht. Die deutsche Landwirtschaft stehe, wie viele andere, vor großen Herausforderungen: „durch die Energiekosten und die Inflation“. 

Nach den Folgen der Wetterlage auf die Ernteerträge gefragt, nannte Rainer die Trockenheit mit teils großen Ertragseinbußen. Wobei sich regionale Unterschiede; bei der Getreideernte muss etwa der Süden starke Verluste hinnehmen. Aber: „Es geht nicht darum, jede Ertragsschwankung staatlich auszugleichen“, so der Minister.

Immerhin die Obstbauern meldeten eine gute Kirschenernte und erwarten diese auch bei den Birnen. Auch die Imkerzunft zeigte sich zuletzt zufrieden über den heimatlichen Wabenstand, vor allem in den von Raps geprägten Regionen. Die aktuellen Erntezahlen dürften jedoch „nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Zahl der Bienenvölker sinkt und der Klimawandel die Imkerei vor zunehmende Herausforderungen stellt“. Was auch für die Fischerei gilt, für die Holzindustrie, Milch- und Fleischwirtschaft etc. Es sieht aus, als müssten wir uns dauerhaft auf niedrigere Ernten einstellen. Logisch, wir befinden uns mitten im Klimawandel: Trockenphasen, Hitze und Extremwetter nehmen zu und fordern nicht nur Landwirte heraus. Die Infrastruktur muss angepasst werden, an Dürrezeiten und Starkregen und Artensterben. 

Auch über den Nutztierschutz wurde in der Vergangenheit immer wieder diskutiert. Vorangegangen ist da wenig; mit einer verpflichtenden Tierwohlkennzeichnung tut sich Deutschland nach wie vor schwer. Dunkle Kulissen, die den Blick auf das diesjährige Erntedankfest eintrüben könnten ...

Umso dringender geboten scheint das Innehalten. Die Kirchen feiern Erntedank am ersten Sonntag im Oktober – eine Reminiszenz an Zeiten, in denen ein großer Teil der wirtschaftlichen Produktion auf den landwirtschaftlichen Sektor entfiel. Davon haben sich die Länder in Nord- und Mitteleuropa längst entfernt; heute dominiert das Dienstleistungsgewerbe.

Anders im Osten: Der Überfall Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 macht sich nicht nur bei Bodenschätzen bemerkbar, sondern auch bei klassischen Importgütern wie Getreide, Obst und Futtermitteln. 

Nichts spricht dagegen, den jährlichen Erntedanktermin thematisch zu öffnen und eher eine Art Ernte-Silvester oder Neujahr zu begehen. Der Rückblick auf die Ernte, was wir erreicht haben und uns geschenkt wurde, ist schließlich nicht auf Nahrungsmittel beschränkt. Durch die Brille der Dankbarkeit kommen vielfältige „Erträge“ in den Blick: Fortschritte bei der Fremdsprache, ein neues Hobby oder Ehrenamt, berührende Entwicklungen beim Nachwuchs ... Außerdem jeder Neuanfang: begonnen, ein Musikinstrument zu spielen; einen Sportkurs gebucht (und regelmäßig hingegangen), sich einem Chor angeschlossen und endlich mal wieder mit anderen gesungen, das Auto verkauft und sich bei Carsharing registriert.

Was es zu ernten gab, muss nicht auch zwingend ein positives Vorzeichen tragen oder „mehr“ bedeuten. Wer einen kranken Zahn gezogen bekommen (also „eingebüßt“) hat, ist damit hoffentlich auch die Schmerzen losgeworden. Ein „negativer“ Befund nach einer Vorsorgeuntersuchung bedeutet „grünes Licht“, kein Verdacht auf was auch immer. Eine schlechte Angewohnheit in den Griff bekommen oder abgelegt – ebenfalls „gute Ernte“. Jede und jeder kann die Liste weiterschreiben, dankbar sein.

Dankbarkeit kann auch eine Erinnerung daran sein, was man in den zurückliegenden Wochen angenommen, ausgehalten und bestanden hat; von der beruflichen über die gesundheitliche Herausforderung. Eine Erfahrung wertzuschätzen, die etwas gekostet hat; vielleicht eine Begegnung, die wegweisend geworden ist.

Etliche Menschen führen ein „Dankbarkeitstagebuch“, in dem sie allabendlich notieren, was vom Tag bemerkenswert in Erinnerung geblieben ist. Der Besuch einer Kirche kann motivieren, ein Anliegen zu formulieren, eine Kerze zu entzünden oder etwas ins Fürbittbuch zu schreiben. Und die Einträge von anderen mit ins Gebet zu nehmen.

 Michael Baumann, Leiter der Stabstelle Gemeindecaritas und Seelsorge im Caritasverband im Tauberkreis, fallen spontan „so viele wunderbare Erlebnisse“ in der zurückliegenden Zeit ein, „die machen mich zutiefst dankbar.“ Da ist die Hochzeit des Sohnes, bei der er „als Papa und Diakon“ dabei sein und den Trauungsgottesdienst halten durfte. Auch für die Arbeit als Seelsorger fühlt er sich reich beschenkt: „Ich begegne wunderbaren Menschen, die trotz ihrer Handicaps große Lebensfreude ausstrahlen.“ Nachgerade wie ein Wunder erlebt er die Erholung seiner Nichte, „nach wochenlangem Hoffen und Bangen“. Seine Fähigkeit, staunen zu können und dankbar zu sein, verortet Baumann bei seiner Mutter: „Bei einem Spaziergang im Rollstuhl sagte sie einmal: ,Wohnen wir nicht in einer wunderschönen Gegend? Da die Blumen, da der Wald, unten der Main, da oben die Wolken – da komme ich immer ins Staunen. Keiner kann so etwas machen. Da muss man doch an den Herrgott glauben.‘ Das sagte sie noch kurz vor ihrem Tod.“ Wer lobt, vergisst zu klagen ...

Sprachlich hängt danken mit denken zusammen – im Sinne von in Gedanken halten, daran denken. Die Formulierung „Ich werden daran denken!“ kann als Wort des Dankes daher kommen– oder mit drohendem Unterton. Mit anderen Worten: Danken ist das Denken des Herzens. Dazu passt ein Tagesimpuls der diesjährigen „Schöpfungszeit“ mit Datum vom Sonntag, 27. September 2026:
 
Tischtuch-Gebet
Wie reich hast Du, Gott, 
den Tisch gedeckt mit Gaben, 
die uns nähren und gesund erhalten. 
Lass uns sie einander reichen, 
damit sie für alle reichen. 
Breite deinen Segen aus – 
vor uns und durch uns! 
 
Wie bunt hast Du, Gott, 
uns an diesem Tisch versammelt, 
damit wir einander zuhören 
und verstehen. 
Lass uns das Tischtuch 
nicht zerschneiden zwischen uns. 
Breite deinen Segen aus – 
vor uns und durch uns!
 
Schlussstein der jährlichen „Schöpfungszeit“ ist traditionell der 4. Oktober, Festtag des heiligen Franziskus. Ein herausragender Patron, was das Danken angeht. Seinen berühmten „Sonnengesang“ beschließt der Lobpreis Gottes für „Sora morte“ – „Schwester Tod“. Ein wichtiger Gedankenanstoß, denn ohne Vergänglichkeit ist Schöpfung nicht zu denken. Zeit und Ewigkeit sind ihr eingeschrieben – und die Hoheit über allem, was wird, da ist und vergeht, liegt beim Schöpfer.
 
Brigitte Böttner
 

Erntedank in Hilzingen

Auch in Hilzingen hat das Bilderlegen zum Erntedankfest eine lange Tradition. Dieses Jahr wird gleich doppelt Jubiläum gefeiert: 100 Jahre Erntedankschmuck (1926-2026) und 275 Jahre Kirchenweihe St. Peter und Paul. Dabei soll auch die Geschichte des Bilderlegens in den Blick kommen: von Erntefrüchten wie Kartoffeln und Äpfeln hin zu den kunstvollen Samenbildern. Termin für die Feste Kirchweih und Erntedank: 16. bis 19. Oktober 2026

Mehr Infos: www.kath-hilzingen.de