Glücksgefühle durch Rottenburg und Duderstadt: In der App "Kennzeichensammler" können Spieler gesehene Nummernschilder eintragen. Dafür reisen sie teils hunderte Kilometer - ein Experte erklärt die Sammelleidenschaft.
Kennzeichen statt Pokale: Für Fans der App „Kennzeichensammler“ wird jedes neue Nummernschild zum Erfolgserlebnis – manche nehmen dafür sogar stundenlange Autofahrten quer durch Deutschland auf sich.
Eine stundenlange Autofahrt quer durch die Republik, viel Zeit und Sprit, alles für das eine Ziel: Endlich ein Kennzeichen vom Landkreis Ost-Prignitz in Brandenburg sehen. Was für viele wie völliger Irrsinn klingen mag, löst bei Spielern der Handy-App "Kennzeichensammler" Hochgefühle aus. Auf Sozialen Medien liegt das Spiel derzeit im Trend - viele teilen dort ihre Reisen für Kennzeichen im ganzen Land. Doch die Frage muss erlaubt sein: Warum macht man das?
"Es kann mir wirklich den Tag retten, wenn ich ein Kennzeichen sehe, das ich noch nicht habe", sagt Jana Jansen. Die 29-jährige Berlinerin tourt als Comedian durchs Land, auch sie hat die Sammelleidenschaft gepackt. "Bei einem Auftritt in Düsseldorf bin ich in einer Pause kurz vor die Tür gegangen. Da sah ich plötzlich einen Wagen mit dem Kennzeichen ROL, Rottenburg an der Laaber", erzählt sie. "Das hatte ich noch nicht, und dann stehe ich da alleine vor einem Comedy-Klub und bin vor Freude hoch- und runtergesprungen."
Über 720 deutsche Kennzeichen gesammelt
Für Jansen speise sich die Faszination für das Spiel vor allem aus dieser Freude am Sammeln. Mehr als 720 von insgesamt 1.042 deutschen Kennzeichen habe sie inzwischen eingetragen, und mit jedem weiteren steige ihre Freude. "Denn die Kennzeichen, die man noch nicht gesehen hat, werden ja immer seltener", sagt sie. "Ab etwa 500 gesehenen Kennzeichen läuft das Hobby eher im Hintergrund mit. Aber wenn ich diesen Sommer in den Urlaub fliege, werde ich eine Stunde früher am Flughafen sein und den Parkplatz durchforsten. Das ist für mich gesetzt."
Genau dieses Ziel, die Lücke von nicht gesehenen Kennzeichen immer kleiner werden zu lassen, könne die Spieler der App in ihren Bann ziehen, sagt der Medienwissenschaftler Hanns Christian Schmidt von der Universität Siegen. Obwohl die App an sich kein richtiges Spiel sei, "sondern eigentlich nur ein herausgelöster Baustein einer größeren spielerischen Tätigkeit, wie dem Sammeln von Panini-Stickern im Fußball", so Schmidt.
Erinnerung an Kindheit
Ein Erfolgsgeheimnis liege darin, dass die App einfach zu bedienen sei. "Wir müssen keine komplexen Regeln oder Techniken können, um die Kennzeichen zu sammeln", erklärt Schmidt. "Wir machen im Prinzip etwas, was wir aus unserer eigenen Kindheit kennen. Auf langen Autofahrten liest man gerne Kennzeichen, schaut nach, woher sie kommen oder denkt sich aus, wofür die Abkürzungen der Orte stehen könnten."
Dazu lasse sich beim Kennzeichensammler die Theorie der Selbstwirksamkeit beobachten, so Schmidt. Diese besage, dass eine Art psychisches Wohlempfinden bei Spielern einsetze, wenn drei bestimmte Elemente zusammenkommen: Kompetenz-Erleben, Selbstbestimmung und soziale Eingebundenheit.
"Beim Kompetenz-Erleben habe ich ein konkretes Ziel vor Augen, das ich auch erreichen kann - ich bin gut darin, was ich tue", erklärt Schmidt. Das Element der Selbstbestimmung betreffe die Autonomie der Spieler. "Ich kann selbst entscheiden, dass ich mich ins Auto setze und für ein Kennzeichen eine längere Strecke abfahre, und wähle mein Ziel selbst aus." Zudem können die Spieler gemeinsam mit Freunden sammeln und sich vergleichen. "In soziologischen Termini würden wir sagen, dass man eine Art kulturelles Kapital daraus ziehen kann."
Parkplatzgespräche und Lerneffekt
Ihre Sammelleidenschaft teilt auch Jana Jansen. "Ich bin in einer WhatsApp-Gruppe, dort teilen wir unsere Erfolge und freuen uns miteinander", erzählt sie. Und manchmal sorge das Spiel auch für nicht-virtuellen Kontakt. "Eine Freundin, die auch Kennzeichen sammelt, hatte auf einem Parkplatz ein seltenes Kennzeichen gesehen - und hat mit dem Fahrer dann einfach geplaudert."
Neben der Sammelfreude besitze das Spiel für sie auch einen Lerneffekt und diene als Achtsamkeitsübung. "Man hat schon das Gefühl, dass man seine Region besser versteht", so Jansen, die die Landkarte Deutschlands mittlerweile viel besser kennt. "Ich schaue dann schon nach, wo diese ganzen Landkreise überhaupt liegen." Auch würden ihr verschiedene Muster auffallen. "Auf einmal fiel mir auf, woher die Leute so kommen, die in meiner Straße wohnen", sagt sie, und schiebt im Spaß hinterher: "Ich bin froh, dass die Stasi die App nicht hatte."
Beim Stichwort Lerneffekt denkt Schmidt an "unseren eigenen Entdeck- und Explorationsdrang", wie er sagt. "Wir alle haben eine ungefähre Vorstellung von der Welt, so wie die Deutschlandkarte oder eben auch die Karte der EU so aussieht. Aber sobald wir da durch neu gelernte Kennzeichen und Orte kleine Punkte hineinsetzen können, vervollständigen wir unsere mentale Karte, die wir von der Welt haben."
Kennzeichen-Sammeln gegen Trump
Für Schmidt ist der Kennzeichensammler überdies ein Beispiel für eine gamifizierte, spielerische Welt. "Der Reiz von solchen Spielen besteht darin, dass wir die Komplexität aus dem System herausnehmen", so der Medienwissenschaftler. "Gerade in einer unüberschaubaren Welt, mit Politikern wie etwa einem unberechenbaren Donald Trump, wissen wir nicht, worauf wir uns einstellen müssen. Die Kennzeichen-App mit ihrem klaren System und den überschaubaren Regeln ist da etwas regelrecht Entspannendes."
Aber was, wenn man eines Tages alle Kennzeichen gesammelt hat? Jansen habe davor keine große Angst: "Bis das passiert, dauert es noch sehr lange", sagt sie. Neben Nummernschildern in Deutschland kann man in die App auch Kennzeichen aus Europa eintragen. Und: Es werden immer mal wieder neue Kennzeichen eingeführt. "Erst zum Jahreswechsel etwa gab's ein neues in der Schweiz."