Crux. Über die Anstößigkeit des Kreuzes – Jan-Heiner Tück
20.05.2023 |
Der Apostel Paulus wusste genau, welchen gewaltigen Anstoß das Wort vom Kreuz in seinem Umfeld erregen musste. Für Juden sei die Botschaft von Christus als dem Gekreuzigten ein „empörendes Ärgernis“, so schreibt er im ersten Korintherbrief, für die Heiden eine „Torheit“.
Die Ausbreitung und immer stärkere Dominanz des Christentums mit seinen Symbolen führte freilich im Laufe der Jahrhunderte dazu, dass das Kreuz wie auch die Darstellungen des Gekreuzigten so selbstverständlich und allgegenwärtig wurden, dass sie kaum noch Anstoß erregten. In der Gegenwart und auf dem Hintergrund einer immer stärker säkularisierten Gesellschaft scheint sich wiederum ein erneuter Wandel zu vollziehen: Die ursprüngliche Anstößigkeit des Kreuzes bricht sich in neuer Form Bahn, wie beispielsweise die Entfernung des Kreuzes aus dem historischen Friedenssaal in Münster anlässlich des G-7-Treffens letztes Jahr zeigt.
Darüber mögen viele klagen. Besser ist es, solche Diskussionen zum Anlass zu nehmen, das zentrale Symbol des christlichen Glaubens noch einmal neu auszuleuchten. Eben dies hat der Theologe Jan-Heiner Tück unternommen. Mit „Crux“, dem lateinischen Wort für „Kreuz“, ist sein vor Kurzem erschienenes Buch überschrieben. Neben den biblischen und dogmatischen Deutungen des Kreuzes und des Todes Jesu nimmt der Wiener Dogmatiker dabei auch literarische und künstlerische Zugänge in den Blick. Die insgesamt 24 Kapitel, die ganz unabhängig voneinander gelesen werden können, erfordern Konzentration. Aber sie thematisieren in überragender Weise zentrale Fragen, die mit Jesu Tod am Kreuz verbunden sind. Und sie machen die über einen langen Zeitraum verschüttete Anstößigkeit des Kreuzes auf neue Weise bewusst.
Michael Winter
Jan-Heiner Tück, „Crux. Über die Anstößigkeit des Kreuzes“, Verlag Herder 2023, 376 Seiten, 28 Euro.