Im Alltag gibt es sie noch: „Verkehrssünder“, „Umweltsünder“, „Steuersünder“. Es gibt kalorische Sünden und solche des Stils („Modesünde“).
Gerade in diesem Bereich können Güter „sündhaft“ teuer sein, können sich Produzenten an Mensch und Tier „versündigen“. Begriffe, die zeigen: Es gibt eine gesellschaftliche Moral, die eingefordert wird, vielleicht unerbittlicher denn je.
In der Kirche allerdings scheint das Thema „unendlich fern“: Sündenängste hatten die Menschen im Mittelalter – eingeredet von der Kirche, die mit ihrer Lehre Macht ausübte (ebenfalls sündhaft!). „Heute empfindet sich niemand mehr als Sünderin oder Sünder, und selbst die Kirche traut sich nicht mehr, von der Sünde zu reden“, schreibt der Jesuit Stefan Kiechle. Moralisieren in Pädagogik und Katechese? – Unerträglich!
Umso überraschter mag die Welt – auch die katholische – gewesen sein, als der frisch gewählte Papst – im Interview gefragt, wer er sei – zur Antwort gab: „Ich bin ein Sünder.“ Hat das Bekenntnis von Papst Franziskus den einen oder anderen Zeitgenossen angeregt, über eigene Sünden nachzudenken? „Wäre zu hoffen“, meint Kiechle. In Zeiten globaler Krisen werde „das Walten des Bösen“ ja offensichtlicher, die Sünde sei allgegenwärtig. Kiechle, gebürtig in Freiburg und Beauftragter seines Ordens für ignatianische Spiritualität, leuchtet die alte Tradition der „sieben Todsünden“ für die Gegenwart neu aus, und er lässt sich dabei von den Exerzitien seines Ordensmeisters Ignatius leiten. Für den besteht Sünde dann, wenn der für Gutes geschaffene Mensch seinen „ungeordneten Anhänglichkeiten“ nachgibt. Die Folgen, die (Tod-)Sünden zeitigen können, machen es zur Mutprobe, eine eigene Sünden-Liste zu schreiben.
Brigitte Böttner
Stefan Kiechle, „Sieben Todsünden“, Echter Verlag, Würzburg 2023, 94 Seiten, 9,90 Euro.