Das Christentum. Entgangene Zukunftsmöglichkeiten und gegenwärtige Realitäten – Diarmaid MacCulloch

22.07.2023 |

Die Frage nach dem unwahrscheinlichen Erfolg und rasanten Aufstieg des Christentums gehört zu den Klassikern der Geschichtsforschung ...

 
Wie konnte sich eine winzige Sekte, entstanden in einer politischen Problemzone eines Weltreiches, in so kurzer Zeit trotz scharfer Verfolgung zum staatstragenden Glauben entwickeln? War es vor allem das konstantinische Toleranzedikt von 313, das „die Wende“ brachte? Weit überraschender findet Diarmaid MacCulloch, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Oxford, allerdings, wie wandelbar sich das Christentum durch Jahrtausende zeigte.

Gibt es trotzdem ein durchgängiges Thema? – Ja, und zwar „Vielfalt“. Das Christentum gleiche einer Kreatur aus Science-Fiction-Filmen, „die ihre Gestalt nach Belieben verändern können“, schreibt der Autor. Diese Eigenschaft, habe das Christentum mit allen erfolgreichen Weltreligionen gemeinsam: „Über ihren grundlegenden Kern hinaus sind sie formwandlungsfähig, weshalb sie so lange überdauert haben.“

Diese Wandlungsfähigkeit illustriert MacCulloch in einem rasanten Abriss der Kirchengeschichte durch die Jahrhunderte: an mannigfachen Beispielen aus der Kirche des Westens und im Osten, an Vertretern chalkedonischen Bekenntnisses und des byzantinischen Ritus, in Europa und Asien, Nahost und den Vereinigten Staaten. Wie kritisch Kirchengeschichte sein kann, zeigt der Autor an der unvermeidlichen Versuchung, die irdische Macht für die Kirchen darstellt; und wie sie ihr (im Gegensatz zu ihrem Herrn) nachgegeben haben. Auch heute, wenn „russisch-orthodoxe Kirchenführer gläubige Menschen außerhalb und innerhalb des Christentums verfolgen“. Ein erhellendes Œvre!        
Brigitte Böttner
 
Diarmaid MacCulloch, „Das Christentum. Entgangene Zukunftsmöglichkeiten und gegenwärtige Realitäten“, Mohr Siebeck, Tübingen 2023, 126 Seiten, 29 Euro.