Freiwillige Entsagung und Verzicht gehören in vielen Religionen zur spirituellen Praxis. Im Buddhismus ist das Konzept des Verzichts als „Nicht-Anhaftung“ bekannt: Es gilt, sich von weltlichen Dingen und Wünschen zu trennen, um Leid zu vermieden.
Im Hinduismus wird der Verzicht unter den Begriff „‚Sannyasa“ gefasst und bezeichnet einen spirituellen Zustand, der durch den Verzicht auf weltliche Bindungen erreicht wird; das Ziel: Hingabe an Gott. Im Islam begegnet Verzicht als „Saum“ und ist ein wichtiger Bestandteil des gebotenen Fastens im Ramadan. Im Judentum dient Verzicht unter anderem dazu, das spirituelle Leben zu reinigen und sich von weltlichen Verpflichtungen zu lösen.
Viele der beschriebenen Elemente finden sich auch im christlichen Ethos des Verzichts. Diesem widmet sich die neue Ausgabe der „Theologisch-praktischen Quartalschrift“ unter vielfältigen Gesichtspunkten, denn: ähnlich wie das Armutsideal weist auch das des Verzichts in der christlichen Tradition eine erhebliche Ambivalenz auf. Wie komplex dieser Sachverhalt ist, zeigt sich etwa im Beitrag des Tübinger Sozialethikers Matthias Möhring-Hesse, der minutiös aufdröselt, wie klimapolitisch erwünschter Konsumverzicht wirtschaftliche Ungleichheit in der Gesellschaft verstärken kann. Torsten Mereis, evangelischer Theologe und Professor mit Schwerpunkt Ethik und Hermeneutik in Berlin, führt in diesem Zusammenhang vor Augen, dass die Lebensweise gesellschaftlicher Eliten unter Umständen auch imperialistische Züge aufweist.
Die sieben Themenbeiträge im Heft zeigen einmal mehr, wie weit der Horizont nicht nur beim Stichwort „Verzicht“ reicht.