„Mittelpunkt Mensch“, „Vertrauen in der Medizin“, „Den kranken Menschen verstehen“, jetzt „Ethik der Verletzlichkeit“.
Giovanni Maio, „Ethik der Verletzlichkeit“, Herder Verlag, Freiburg 2024, 160 Seiten, 18 Euro.
Immer sind es die Brennpunkte zwischen Mensch und Medizin(betrieb), die den Freiburger Arzt und Philosophen Giovanni Maio umtreiben. Den Begriff Verletzlichkeit (oder Vulnerabilität) kennen wir spätestens seit der Coronazeit, als es darum ging, Ältere und kranke Menschen bestmöglich zu schützen, samt unheilvoller Folgen.
Wer sich verletzlich zeigt, wird angreifbar, so die gängige Vorstellung; Autonomie ist uns lieber. Dieser Gegensatz allerdings lasse sich nicht halten, meint Maio, denn Verletzlichkeit entsteht aus der grundsätzlichen Gebundenheit des Selbst an das Andere; der Mensch ist sozial verfasst, und erst im Miteinander entsteht Handlungsfähigkeit. Und die Vorstellung, dass sich (mein und dein) Leben gänzlich schützen ließe, ist nurmehr eine Allmachtsfantasie. Und selbstwirksam werden wir erst, wenn Verletzlichkeit überwunden wurde – sehr anschaulich zu beobachten an der Kindheit.
An verschiedenen Sachverhalten dekliniert Giovanni Maio durch, welche Rolle die Verletzlichkeit für unser Selbstverständnis und für unser Miteinander spielt und wo der Begriff Vulnerabilität in der Medizin problematisch ist. Die menschliche Anlage der Verletzlichkeit ist eine Grundbedingung unseres Daseins, so Maio, eine Hintergrundfolie, vor der sich alles abspielt. Wir sollten Verletzlichkeit nicht zuerst als Bedrohung verstehen, plädiert der Autor, mag das auch schwerfallen in einer Zeit der Selbstoptimierung. Verletzlichkeit leugnen wäre insofern „philosophischer Selbstmord“.