Biblische Provokationen. Evangelium als Sinntherapie

03.08.2024 |

Wer in der Bibel liest oder schlicht die Lesungen der Sonntagsgottesdienste verfolgt, kann schon einmal Mühe haben, die alten Texte zu entschlüsseln. 

„Biblische Provokationen. Evangelium als Sinntherapie“, Fromm Verlag, London 2024, 59 Seiten, 22,90 Euro
 
Schönes Beispiel: die Selbstoffenbarungen Jesu im Johannesevangelium. „Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben“ (Johannes 6, 35). Wenig überraschend kommt die Bibel vielen Zeitgenossen weltfremd vor, auch im Gottesdienst bedürfen die Lesungen einer Auslegung in Gebet und Predigt.
 
Klaus P. Fischer, Oratorianer der Kongregation Philipp Neri in Heidelberg und Dozent für Katholische Theologie, hat eine Reihe von kurzen Betrachtungen zusammengestellt, in denen er sich bemüht, „rätselhafte“ Texte der Heiligen Schrift zu erschließen. Etwa die Verklärung auf dem „hohen Berg“ (Markus 9, 2-10), bei dem es sich vermutlich nicht um den Tabor handele, sondern um den Zion als Teil einer Vision der prophetischen Erwartung: „Der Erzähler – und Seher – schaut Jesus, vom Tod erweckt, mit himmlischer Herrlichkeit bekleidet (das bedeuten die ,strahlend weißen‘ Kleider).“ Auch die Erzählung von Jesu Wandel über den See (Matthäus 14, 22-33), wie die heutige Bibelübersetzung die Passage überschreibt, ist von tiefer Symbolik. Prüfe man den griechischen Matthäustext, sei hier von See keine Rede, erläutert Fischer: „Vielmehr tritt Jesus auf das Meer (thálassa) und schreitet auf dem Meer!“, folglich auf dem „Inbegriff von Urgewalt“ Die kurzen Beiträge über Bilder und Symbole der biblischen Glaubenssprache in der Art „kommentierter Meditationen“ sind mehr als lehrreich: sie sind erfrischend originell.          
 
Brigitte Böttner