Wenn es darauf ankommt, bist du nicht da! Diese Art Gotteserfahrung dürfte weit verbreitet sein. Wie viele Menschen haben sich deswegen enttäuscht von ihm abgewandt? Wie oft wurde diese Erfahrung schon als Argument gegen Gott, gegen Religion insgesamt ins Feld geführt?
Thomas Weiß, „Wäre da doch jemand, der mich hört! Wege durch Zeiten des Leids“, Gütersloher Verlag, 2024, 187 Seiten, 20 Euro.
Der Theologe Thomas Weiß nimmt eine schwere Erkrankung zum Anlass, um über die Frage nach Gott im Leid nachzudenken. In dem Buch, das daraus entstanden ist, erinnert er daran, dass schon Jesus am Kreuz Gottes Schweigen aushalten musste. Die Evangelisten Matthäus und Markus drücken seine Not aus, indem sie ihm die ersten Worte des Psalm 22 in den Mund legen, eine Art Ur-Schrei nach dem abwesenden Gott.
Es könnte an unseren Gottesbildern liegen, vermutet Weiß, „dass wir Gott nicht hören können, dass er uns zu schweigen scheint“. Im Wissen darum, dass Gott in den Worten über ihn wohl anwesend ist, menschliche Worte ihn aber nicht erfassen können, bedenkt er deshalb verschiedene Gottesbilder: den schweigsamen Gott, den fragwürdigen, den versehrten, den unbrauchbaren Gott – und gewinnt diesen Bildern überraschende Einsichten ab.
Das Leid eines anderen mitaushalten ist ein Freundschaftsdienst, auch ohne Worte, überlegt der Autor. Diese Erkenntnis wirft ein anderes Licht auf Gottes Schweigen: Schweigt er, weil er uns nahe ist? „Ich möchte das glauben“, schreibt Weiß. Doch diese Nähe sei nur deshalb möglich, weil der christliche Gott ein versehrter Gott ist. Im Unterschied zu Vorstellungen von einem starken, allmächtigen Gott erzählt dieses Bild davon, dass Gott unmittelbar mitleidet.