Warum schreibt ein Bibelwissenschaftler über Jeanne d’Arc, die „Jungfrau von Orleans“, geboren 1412 und 1431 in Rouen auf dem Scheiterhaufen verbrannt?
Marius Reiser, „Jeanne d‘Arc oder Die Jungfrau. Geschichte, Gestalt Wirkung“, Herder 2024, 400 Seiten, 28 Euro
Im Zuge der Lektüre des ebenso informativen wie spannenden Buches von Marius Reiser, seines Zeichens von 1991 bis 2009 Professor für Neues Testament in Mainz, scheint immer wieder dessen persönliche Faszination für die französiche Nationalheilige durch. Aber natürlich hat Reiser auch ein wissenschaftliches Interesse – nämlich die religiösen und theologischen Sachverhalte im Leben und Wirken der 1920 heiliggesprochenen Heldin zu beleuchten.
Reiser stellt überzeugend dar, dass die „Jungfrau von Orleans“ nicht von Geltungssucht getrieben war, sondern von der tiefen Glaubensüberzeugung, im Auftrag Gottes zu handeln. Ihre unglaublichen militärischen Erfolge schienen diesen Anspruch zu rechtfertigen. Dass es letztendlich machtpolitische Gründe ihrer Ankläger waren, die sie als Häretikerin auf den Scheiterhaufen brachten, wird ebenfalls deutlich. Ganz nah an den historischen Quellen beschreibt Reiser schließlich auch den Revisionsprozess 25 Jahre später.
Die breite literarische Aufarbeitung des Geschehens, die im hinteren Teil des Buches dargestellt wird, verweist auf die bleibende Bedeutung und Faszination dieser Geschichte. Am Ende bleibt freilich eine ernste theologische Frage: Warum sollte das Handeln Gottes in der Welt, das oft so schwer auszumachen scheint, ausgerechnet durch französische Erfolge in den Schlachten des 100-jährigen Kriegs so offenkundig werden? Hätte ein „wundersamer“ Friedensschluss nicht viel mehr der Botschaft Jesu entsprochen?