Der kleine, ostsächsische Ort ist in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich: Gut 1200 Einwohner zählt Herrnhut selbst, etwa 5000 mit den eingemeindeten Dörfern ringsum. Bekannt ist das Städtchen weltweit durch zwei „Exportschlager“: Zum einen die Herrnhuter Sterne, zum anderen durch die Herrnhuter „Losungen“, ein jährlich neu zusammengestelltes Andachtsbuch mit Bibelversen für jeden Tag, das inzwischen in mehr als 60 Sprachen verlegt wird.
Herrnhuter Brüdergemeine (Hg.), „Die Losungen 2025. Gottes Wort für jeden Tag, 296. Ausgabe“, Reinhard Friedrich Verlag, 160 Seiten, 10,80 Euro.
Im 18. Jahrhundert auf dem Gut des Grafen Zinzendorf in der Oberlausitz gegründet, firmiert die evangelische Freikirche Herrnhuter Brüdergemeine heute als Bestseller-Verlag: Am 3. Mai 1728 gab Zinzendorf der Herrnhuter Gemeine eine Losung für die nächsten Tage – der Beginn einer atemberaubenden Erfolgsgeschichte.
Seit Juli hat Herrnhut auch den Welterbe-Titel. Das Unesco-Komitee in Neu Delhi stimmte dem transnationalen Aufnahmeantrag zu, der zudem die Siedlungen der Herrnhuter-Brüdergemeine in Nordirland und den Vereinigten Staaten umfasst. Die Herrnhuter Siedlung im dänischen Christiansfeld hat den Welterbe-Status bereits seit 2015. Europaweit zählt die Europäisch-Festländische Brüder-Unität rund 16.000 Mitglieder. Und die Losungen sind das am weitesten verbreitete Andachtsbuch des Protestantismus, eine Art „Bibel light“, ohne Auslegung unmittelbar verständlich. Aus einer Sammlung von rund 1800 Sprüchen aus dem Alten Testament wird jeweils ein Spruch als Leitwort für jeden Tag im Jahr gezogen. Dem alttestamentlichen Vers wird ein Wort aus dem Neuen Testament zugeordnet. Kein Orakelspruch, aber gesuchter Ratgeber in Politik, Wirtschaft, Kirche.