„Christentum ist Kult!“ Wer würde solch einer Aussage heute noch zustimmen, in einer Zeit, da Kirchen, Konfessionen und religiöser Glaube in der Gesellschaft rapide an Bedeutung und Ansehen verlieren? Der Münchner Erzbischof Reinhard Marx ist kein Realitätsverweigerer, vielmehr benutzt er bewusst die Doppeldeutigkeit des Begriffes, um Aufmerksamkeit zu erzeugen.
Reinhard Marx, „Kult. Warum die Zukunft des Christentums uns alle betrifft“, Kösel Verlag, München 2025, 176 Seiten, 20 Euro.
Der Begriff „Kult“ steht in der Religionsgeschichte für die Versuche des Menschen, zu Gott in Beziehung zu treten. Das Christentum geht davon aus, dass in Jesus Christus Gott selbst Mensch geworden ist; die Begegnung mit Jesus ist also das alles Entscheidende. Sie war aber nicht nur für Jesu Zeitgenossen möglich, sondern auch nach seinem Sterben und seiner Auferstehung für alle Menschen: in der Feier der Eucharistie, in der die Hingabe Jesu am Kreuz erinnert und gegenwärtig wird.
„Von Anfang an durchbricht diese Gemeinschaft Grenzen von Kultur, Sprache, Herkunft, Geschlecht. Die Begegnung mit dem geheimnisvollen Gott ... hat Auswirkungen auf das Miteinander der Menschen und auf die konkrete Praxis ihres Lebens.“ Die Eucharistiefeier schafft eine neue Gemeinschaft der Menschen untereinander; sie ist zugleich Sendung in die Welt, um die Frohe Botschaft zu allen Menschen zu bringen. Was der Kult in dieser Weise für die Menschen leistet – den Alltag zu unterbrechen und ihm eine völlig andere Perspektive einer befreienden Erlösung zu geben, die für alle Menschen gilt – vermag nichts und niemand anderes zu leisten. Um diesen ihren Auftrag für die Welt zu erfüllen, muss sich die Kirche darum wieder stärker auf ihren Wesenskern besinnen.