Poesie verkosten

25.06.2025 |

Wer nach einer Sprache sucht, um von Gott zu reden, sollte sich unbedingt auch in der Dichtung umschauen. Dazu braucht es allerdings Geduld, denn Zugang zu einem Gedicht findet sich möglicherweise nicht so schnell wie zu einem Roman. 

Lisa F. Oesterheld, „Im Gotteshaus der Poesie. Gedanken, Gedichte, Gebete“, echter Verlag, Würzburg 2025, 119 Seiten, 
9,90 Euro.
 
„Poesie ist kein Fastfood-Essen“, schreibt die Theologin und Dichterin Lisa F. Oesterheld, „sondern will gekaut und geschmeckt werden wie Schwarzbrot ... Auch wenn ein Gedicht kurz ist, entschlüsselt es sich nur schrittweise. Es birgt ein Geheimnis, das sich zeigt, wenn die Zeit dafür reif ist.“ Ihren Gedichten und Gebeten stellt die Verfasserin eine kurze, hilfreiche Einführung voran. Worte sind für sie Türöffner, die innere Räume eröffnen. Sie werden so zu „Augen- und Herzöffnern“, die innehalten und genau hinsehen lassen. „Poesie lehrt uns zu sehen, zu hören, zu tasten und zu schmecken.“

Eine weitere wichtige Wirkung von Poesie ist Trost. „Ein Wort kann zum Fenster werden, wenn der Seelenraum verdunkelt ist.“ Es ergeben sich überraschende Ausblicke, ohne Leid und Ungerechtigkeit schönzufärben. Poesie schreibe „vom Boden der Hoffnung“ aus. Manchmal gelinge es ihr, das Schwere in Worte zu fassen – und „einen Millimeter“ darüber hinauszugehen. „Unter einer Eiche im Friedwald / betten wir deine Asche in einem Gefäß, / wie wir als Kinder im Garten den Schatz vergruben.“

Mit ihren Texten baut Oesterheld das lichtdurchflutete Gotteshaus der Poesie, verdichtet Alltagserfahrungen und erkundet deren spirituelle Bedeutung. Poesie entschleunigt und erzeugt beim Lesen eine Stille, aus der eigene Gedanken aufsteigen können.

KNA/KBL