23. Februar: Friederike Kempner

„Schlesische Nachtigall" ist sie spöttisch von den einen und bewundernd von den anderen genannt worden.

Kempner
Kempner
Foto: Wikimedia Commons
„Leget alles zum Besten aus, jeder erträgt sein Schmerzenshaus …“ Friederike Kempner brachte ihre Zeit einfühlsam ins (gedichtete) Wort.
Ihre Verse lassen sich schnell merken. „Besessen ist die Welt von Eigennutz und Geld, und alles zum – Verzweifeln dumm!", klingt nicht nach hoher Dichtkunst, aber nach einem unbestechlichen Blick. Denn das Verfassen von bis heute gelesenen Gedichten mit ungewöhnlichen Reimen war nur die eine Seite ihres Lebens.

Die andere Seite hatte mit den Problemen ihrer Zeit zu tun. Friederike Kempner nahm sie sich zu Herzen, dachte nach und schrieb. Ihre „Denkschrift über die Notwendigkeit einer gesetzlichen Einführung von Leichenhäusern" (1854) führte dazu, dass 1871 in Preußen eine Verlängerung der Aufbahrungszeit auf fünf bis sieben Tage eingeführt wurde. Artikulierte sie mit dieser Schrift die damals weit verbreitete Angst vor dem lebendig Begrabenwerden und sprach sie mit ihr dem Volk aus der Seele, so war sie in anderen Themen ihrer Zeit voraus. „Gegen die Einzelhaft oder das Zellengefängnis" (1869) machte sie Vorschläge zur Reform des Strafvollzugs. Nach der Schlacht bei Sedan am 1./2. September 1870 warb sie für den Frieden mit Frankreich. „Das Büchlein vom Menschenrecht" (1885) forderte die Abschaffung der Todesstrafe.

Gegen den hoffähiger werdenden Antisemitismus schrieb sie das Gedicht „Ewig lebt die Wahrheit": „Ewig lebt die Wahrheit, ewig lebt das Recht. Menschlichkeit ist Klarheit, hassen, das ist schlecht! Antisemitismus, aufgewühltes Meer, neueste Influenza, dauerst mich gar sehr. Antisemitismus, antibrüderlich, senk' die morsche Fahne, sie wird lächerlich. Antisemitismus, wisst ihr,wie das klingt? Als wenn unter Psalmen einen Fluch man singt."

Mehr Menschlichkeit blieb zeitlebens ihr Ziel: „Leget alles zum Besten aus, jeder erträgt sein Schmerzenshaus, jeder hat ja im Leben geweint, wenn er auch noch so glücklich erscheint."

Barbara Henze