11. November: Sankt Martin und die Gänse

Rund zehn Millionen Gänse landen in Deutschland jedes Jahr zwischen Kirchweih und Weihnachten knusprig gebraten auf den Festtagstellern. Die dazugehörige Legende ist bekannt: „Die Gänse haben Sankt Martin verraten, drum müssen sie jetzt braten.“

St.-Martin-Darstellung in Ludwigshafen-Oppau.
Treffen sich zwei Gänse. Fragt die eine: „Kennst du ,Spiel mir das Lied vom Tod!'?“ – „Klar“, sagt die andere: „Sankt Martin, Sankt Martin ...“

Rund zehn Millionen Gänse landen in Deutschland jedes Jahr zwischen Kirchweih und Weihnachten knusprig gebraten auf den Festtagstellern. Die dazugehörige Legende ist bekannt: Der barmherzige Martin teilt als Soldat seinen Mantel mit einem Bettler, lässt sich danach taufen und unterstützt fortan arme und kranke Menschen.

Der Gründer des ersten französischen Klosters sollte nach dem Willen der Bürger von Tours ihr neuer Bischof werden. Bescheiden wie er ist, so die Legende, will Martin diese Verantwortung nicht annehmen und versteckt sich in einem Gänsestall, um der Wahl zu entgehen. Doch das Geschnatter der Gänse verrät ihn: Im Jahr 371 wird er zum Bischof geweiht.

„Sie haben Sankt Martin verraten, drum müssen sie jetzt braten“, verfügte der Volksmund das Schicksal der Martinsgänse. Statt für ihre Geschwätzigkeit geehrt zu werden, ging es ihnen an den Gänsekragen. Seit dem frühen Mittelalter war der Martinstag zugleich Zinstag und Beginn der 40-tägigen Fastenzeit vor Weihnachten. Zum Ende des bäuerlichen Jahres wechselten die Mägde und Knechte ihre Arbeitsstellen und wurden von ihren Gutsherren oft mit einer Gans zum Abschied beschenkt.

Ebenso wurden mit den Vögeln Zinsen und Pacht bezahlt – was den Vorteil hatte, die Tiere im Winter nicht durchfüttern zu müssen. Als letzten Festschmaus vor der langen Fastenzeit kamen in vielen Familien die schlachtreifen Gänse auf den Tisch.

Bei manchen kommt es aber gar nicht so weit: Denn vom Fuchs, der „die Gans gestohlen (hat)“, können Gänsehalter/innen bis heute ein Lied singen. Zwar verhalten sich die Gänse schlau, wenn Gefahr droht: Um den Feind zu verwirren, bilden sie ein dichtes Knäuel, das sich ständig im Kreis dreht. Das mag zwar gegen Greifvögel helfen, nicht aber gegen den roten Räuber. Und ob dem, wenn er ihn gerochen hat, ein Braten genügt …

Brigitte Böttner