28. November: Cesare Beccaria
Mailand, Mitte des 18. Jahrhunderts: Eine Gruppe von Söhnen der oberen Schichten trifft sich regelmäßig, zunächst zufällig in einem bescheidenen Salon. Einer der Männer ist Cesare Beccaria, Sohn eines wohlhabenden Adligen und promovierter Jurist.In dem kleinen Zimmer mit dem zierlichen Kamin wird heftig diskutiert. Texte von Voltaire und Montesquieu werden gelesen und exzerpiert, eigene Artikel werden geschrieben. „Akademie der Fäuste" nennt sich die Gemeinschaft, deren Mitglieder insbesondere zwei Ansichten verbinden: Die Wut auf die Elterngeneration, die ihrer Meinung nach phlegmatisch und rückwärtsgerichtet die Herrschaft der das Land besetzenden Habsburger erdulden, und der Gedanke der Aufklärung.
Cesare Beccaria und seine Mitstreiter bleiben zunächst eher unbeachtet. Das ändert sich schlagartig, als Beccaria seine Abhandlung „Von den Verbrechen und von den Strafen" herausgibt. Zentrale Forderung des Buches ist eine Reform des Rechtswesens in ganz Europa, die auch die Abschaffung von Todesstrafe und Folter einschließt. Als Leitsatz dient ein Zitat von Montesquieu: „Jede nicht absolut notwendige Bestrafung ist tyrannisch."
Obwohl Beccaria gegen Goethe, Kant und Hegel anschreibt, die die Todesstrafe als äußerstes Mittel beibehalten wollen, findet das Werk international Anklang; bedeutende Persönlichkeiten wie Voltaire und Diderot loben das Buch als richtungsweisend.
Nun beginnt ein neuer Lebensabschnitt für Beccaria: Er leitet einen Lehrstuhl für Volkswirtschaft an der Universität und wird Mitglied im Wirtschaftsrat Mailands – nur eines der vielen wichtigen Ämter, die er in seinem Leben innehaben wird. Bis zu seinem Tod 1794 in Florenz ist er in Norditalien als Jurist, Volkswirt und Philosoph aktiv. Die später aufstrebenden Demokratien berufen sich im Rechtswesen auf Beccarias Argumentation, die heutige Kriminologie beruht zum Großteil auf Beccarias Werk. Ein Wegbereiter also in der Kriminologie, aber auch der Aufklärung in Norditalien.
Im deutschsprachigen Raum hat Beccaria sicher keinen Umdenkprozess ausgelöst. Doch mithilfe seiner Argumentation konnte sich der langsame Prozess der Abkehr von der unmenschlichen Behandlung von Straftätern in Deutschland vollziehen.
Moritz Neufeld
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