10. Oktober: Marie-Luise Kaschnitz

Sie wurde eine „sensible Zeitgenossin" genannt, die Dichterin Marie-Luise Kaschnitz. Ihr gelang es, in Lyrik und Erzählung menschliches Erleben und eigene Erfahrungen in Worte zu kleiden, die ansprechen und bewegen.

Kaschnitz
Kaschnitz
Foto: kaschnitz.de
Sensible Zeitgenossin. Marie-Luise Kaschnitz (Todestag: 10 Oktober 1974).
Nach ihrem Alter gefragt, antwortete die 1901 in Karlsruhe geborene Schriftstellerin, sie sei „so alt wie das Jahrhundert". Dieses Zeitalter der Extreme, der Kriege und Gewalt, der größten Hoffnungen und tiefster Ernüchterung hat sie wach erlebt, erlitten und in ihrer Dichtung verarbeitet.

Im Umfeld des Kaiserhofes in Potsdam groß geworden, verliebte sich die junge Buchhändlerin in der Weimarer Zeit in den Archäologen Guido von Kaschnitz, den sie heiratete und dem sie nach Rom und Frankfurt folgte.

Nach dem Tod ihres Mannes (1958) rang sie mit dem Thema Sterben und Tod. Immer wieder hielt sie sich auf dem idyllischen Sitz ihrer Familie in Bollschweil auf. Dem Dorf im Breisgau setzte sie mit ihrer „Beschreibung eines Dorfes" ein Denkmal, dort wurde sie auch beigesetzt.

Ihr dichterisches Werk wurde nach dem Krieg bekannt und gewürdigt. Religiöse Elemente und christliche Gedanken sind reichlich darin zu finden und spiegeln ihr Suchen und Hoffen wieder. Sie spricht nicht die selbstsichere Sprache einer systematisierenden Theologie oder einer triumphierenden Kirche, sondern formuliert ihre Unsicherheit und ihr Ringen – manchmal mit provozierenden Worten: „Seid nicht so sicher/ dass es/ Abend wird/ nicht so sicher/ dass Gott euch liebt". Gott ist für sie nicht greif- oder leicht fassbar: „Du – Gott, noch immer Unbekannter". Mit solcher Art von dichterischer Aufrichtigkeit wurde sie zum Sprachrohr einer ganzen Generation, die Traditionen und Selbstverständlichkeiten auch im Bereich von Religion und Kirche hinterfragte.

Selbst mit Preisen überhäuft, wurde sie 1984, zehn Jahre nach ihrem Tod, zur Namensgeberin eines bedeutenden neuen Literaturpreises, mit dem die Evangelische Akademie Tutzing begabte Nachwuchsschriftstellerinnen und -schriftsteller fördert.

Claudius Heitz