Tag 10: Von tosenden Wellen und einer Nacht unter dem Himmelszelt

06.08.2023 |

Schon neigt sich der Weltjugendtag dem Ende zu. Mit der Vigil (einer liturgischen „Nachtwache“) steht ein Höhepunkt der Veranstaltung bevor – inklusive abenteuerlicher Freilandübernachtung. Zuvor können wir am Strand unsere Energiereserven auftanken und uns an der portugiesischen Landschaft kaum sattsehen.

Schon ist es an der Zeit, wieder Abschied zu nehmen. Wir sind zwar noch bis morgen in der Stadt, doch die Gastfamilien lassen wir schon heute hinter uns. Bei einem schnellen Frühstück mit frischem Brot bleibt Zeit, noch ein paar kurze Reisetipps auszutauschen.
 
Wir empfehlen unseren Gasteltern das Schloss Neuschwanstein für die fünfjährige Tochter, die es liebt, sich als Prinzessin zu verkleiden. Im Gegenzug empfehlen sie uns Porto und die Weinregion außen rum, etwa drei Stunden von Lissabon entfernt. Noch eine Umarmung, dann verlassen wir schwer bepackt unser Zuhause auf Zeit. Dankbar für all die Gastfreundschaft, die wir in den vergangenen Tagen erfahren haben.
 
Unser Busfahrer Bernward Lindinger wartet bereits an der gleichen Stelle, an der er uns vor einigen Tagen abgeladen hat. Er hat uns angeboten, uns vor der bevorstehenden abenteuerlichen Nacht an einen Strand zu fahren – da sind wir natürlich alle dabei.
 
Was für ein Anblick: Wir können unser Glück kaum fassen, als Busfahrer Bernward Lindinger uns nach etwa einer Stunde Fahrt am Strand absetzt.
 
Etwa eine Stunde von Lissabon entfernt erwartet uns Sand unter den Füßen, tosende Wellen, eiskaltes Wasser und eine Mischung aus Sonnenschein und kühler Atlantikbrise. Eingerahmt von steinigen Klippen liegt der Strand da. Surferinnen und Surfer bahnen sich ihren Weg durch die brausenden Wellen. In einem abgetrennten Bereich zum Landesinneren hin planschen Familien im seichten Wasser. Ich laufe den Strand entlang und folge einem Weg nach oben, wo ich den ganzen Küstenstreifen überblicken kann.
 
Von oben kann ich weit über den Atlantik blicken, während unter mir die Wellen tosend an den Strand rollen.
 
Viel zu schnell geht es zurück Richtung Stadt. Dort wartet mit der abendlichen Vigilfeier schließlich ein Höhepunkt des Weltjugendtags auf uns. Unter freiem Himmel. Auf einem Feld. Dafür machen sich alle Pilgerinnen und Pilger auf den Weg zum Parque Tejo.
 
Unser Busfahrer setzt uns möglichst nah am Einlass zum Bereich C ab. Denn die Sonne strahlt mit aller Kraft vom Himmel und die Temperatur klettert auf bis zu 36 Grad. Die Rucksäcke für die Nacht, Isomatte und Schlafsack geschultert, ziehen wir los. Bis zum Eingang ist es zum Glück nicht so weit. Doch vermeintlich angekommen, werden wir weitergeschickt. Weiter durch die Hitze, die Menschen um uns herum – die anderen Pilgergruppen – werden immer mehr. Fahnen verschiedenster Nationen begleiten den bunten Zug.
 
Über eine breite, für uns abgesperrte Straße geht es zum Parque Tejo. Der Pilgerstrom scheint kein Ende zu nehmen.
 
Der Weg führt uns auch über eine breite Straße, die für den Verkehr gesperrt ist. Wir füllen sie komplett aus. Was für ein Anblick. Nicht zum ersten Mal an diesem Nachmittag fragen wir uns, was wir hier eigentlich machen. Als es über eine Brücke auf das eigentliche Gelände zugeht, wird erstmals das Ausmaß der Veranstaltung ersichtlich: Menschen so weit das Auge reicht und darüber hinaus. Wir schlängeln uns durch. Nach gut zwei Stunden sind wir in unserem Bereich C16 angekommen.
 
Neben einer großen Leinwand ist noch eine größere Fläche frei. Wir trennen schwarze Mülltüten und gelbe Säcke an den Seiten auf, um möglichst viel Bodenfläche mit ihnen zu bedecken. Das schützt zumindest ein bisschen vor dem sandig-staubigem Grund. Darauf kommen die Isomatten oder dünnen Luftmatratzen. Dann ist Zeit, etwas zu verschnaufen. Aus den Rucksäcken holen wir das auf der Rückfahrt im Supermarkt organisierte Abendbrot: Brötchen und Baguette, Käse, Trauben, Gurke, Oliven, Kekse, Schokoriegel – jede und jeder ist versorgt. Von den offiziellen Weltjugendtags-Vespertüten haben wir nämlich nichts abbekommen.
 
Langsam verfärbt sich der Himmel zunächst in ein sattes gelb, dann in ein zartes rosa, bis die Sonne über dem Camp verschwindet. Gleichzeitig tummeln sich Menschen aufgeregt vor den Bildschirmen: Papst Franziskus trifft ein!
 
Über dem Feld geht langsam die Sonne unter. Die Pilgerinnen und Pilger übernachten unter freiem Himmel.
 
Die Vigil beginnt. Auf der Leinwand können wir Tänzerinnen bei einer Art Ausdruckstanz beobachten. Ein großes Orchester umrahmt die Feier musikalisch. Leider können wir nichts davon ansatzweise direkt sehen, die Bühne mit dem Altar befindet sich weit entfernt. Trotzdem wird auf dem Feld andächtig gebetet, manche stehen, andere knien. Meine persönliche Sprachbarriere macht sich wieder bemerkbar: Leider spreche ich kein Spanisch und verstehe quasi nichts. Gerade lese ich, dass der Papst uns dazu aufgefordert hat, sich nie aufzugeben – entscheidend sei nicht, niemals zu stürzen; entscheidend sei, nicht liegenzubleiben.   
 
Stehend und kniend beten die Pilgerinnen und Pilger während der Vigil vor der Leinwand.
 
Noch ist das Feld hell erleuchtet, hier singt eine Gruppe, dort füllen Menschen ihre Wasservorräte auf, da dröhnt auf einmal der Bass aus den Lautsprechern – auf der Leinwand läuft ein Film, was genau ist unklar. Die ersten haben sich längst schlafen gelegt, doch es gelingt nur mäßig. Manch einer steht wieder auf oder schaut aufs Handy. Es verspricht, eine kurze Nacht zu werden.
Drei Dinge, die ich heute mitnehme …
Glücksmoment des Tages: Mit Sand zwischen den Zehen und Wind in den Haaren den Blick über den Atlantik schweifen lassen.
Lied des Tages: Viel Glück und viel Segen
Gute Nachricht des Tages: Weil es mit der Unterbringung an unserem nächsten Zwischenstopp Probleme gab, werden wir statt in einer Turnhalle in einem Hotel übernachten. Keiner ist traurig.
 
Helena Gennutt