Große Träume, große Sorgen

15.08.2023 |

Armenien ist ein vielseitiges Land mit einer bunten Kultur und Jahrtausende alter Geschichte. Die Geschichte, die in der jüngsten Vergangenheit geschrieben wurde, ist alles andere als traumhaft. Sie forderte Tausende Opfer und legte eine große Sorgenwolke über die Hoffnungen und Träume der Armenierinnen und Armenier.

Sakralbauten in sagenhafter Landschaft, dafür ist Armenien bekannt: Das Kloster Haghpat wurde im 10. Jahrhundert gegründet und zählt zum UNESCO Weltkulturerbe.
 
Die Armenier sind ein stolzes Volk, auch über die Grenzen des Landes hinaus. Lediglich drei der zwölf Millionen Armenier weltweit leben in dem Land, das gerade einmal so groß ist wie Brandenburg. Klein, aber oho. Denn Armenien ist groß an Geschichte, Kultur und an Kulinarik: Das Brot Lavash, das zu jeder Mahlzeit dazugehört, zählt zum immateriellen Weltkulturerbe der UNESCO; und auch eine der ältesten Weinregionen der Welt, in der seit 6000 Jahren Wein angebaut wird, liegt in dem kleinen Land. Und nicht zu vergessen: Armenien ist reich an Glaube und Religion – es gilt als erste christliche Nation. Vor über 1700 Jahren ließ der armenische König seine Untertanen taufen. Die Kathedrale von Etschmiadsin, die im 4. Jahrhundert erbaut wurde, wird von den Armeniern als ältester christlicher Ort verehrt. Am Berg Ararat, der stolz über der Hauptstadt Jerewan thront, eigentlich in der Türkei liegt und das Nationalsymbol Armeniens darstellt, soll die Arche Noah gestrandet sein. Soweit so das Traumhafte.
 
„Die Realität sieht etwas anders aus“, erklärt Gagik Tarasyan, Geschäftsführer der Caritas Armenien: Der Binnenstaat, der zwischen Georgien, Aserbaidschan, dem Iran und der Türkei liegt, habe große Sorgen. Der ewige Streit mit der Türkei zehrt an den Nerven des Volkes. Der Nachbar erkennt den Genozid an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs nicht an. Und das sitzt tief. Ein riesengroßes Denkmal erinnert oberhalb der Hauptstadt an die Schrecken und Opfer des systematischen Völkermords. Hinzu kommt der immer wieder aufflammende Konflikt (und Krieg) gegen Aserbaidschan um die Region Bergkarabach, die völkerrechtlich zu Aserbaidschan gehört, größtenteils jedoch von Armeniern bewohnt wird. Der Konflikt schwelt: vor 100 Jahren, vor 30 und auch heute. Im Jahr 2020 verloren über 5000 Menschen ihr Leben in einem Krieg, der gerade einmal 44 Tage dauerte. Und Russland, eigentlich Schutzmacht Armeniens, lässt das Land im Stich, geschwächt vom Krieg in der Ukraine, zieht es sich aus Konfliktherden wie diesen zurück. Trotz der Unabhängigkeit von Russland seit 1991 ist Armenien weiterhin stark abhängig: Armenier verdienen dort als Gastarbeiter Geld – im eigenen Land fehlen nämlich Arbeitsplätze. Außerdem unterstützt Russland die armenische Wirtschaft und schafft dadurch weitere Abhängigkeit. 
 
Der Ararat, das Nationalsymbol Armeniens blitzt hinter Swartnoz hervor. Die Ruinenstätte liegt in der Nähe von Jerewan, der Hauptstadt Armeniens.
 
Der Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan hat auch Geflüchtete aus der Region Bergkarabach zur Folge: alte Menschen und junge Familien, meistens Mütter mit Kindern, die alles zurücklassen mussten und auf Familie oder andere Kontakte angewiesen sind. So wie Satik und ihr Sohn Narek. Sie sind bei Satiks Eltern in Gjumri, der zweitgrößten Stadt Armeniens, untergekommen. In Bergkarabach sei es ihnen gut gegangen, jetzt hätten sie alles verloren, erzählt Satik mit Tränen in den Augen. Nun leben sie zu viert auf engem Raum. Bald sind sie zu fünft, denn Satik ist schwanger. Ihr Mann ist in Bergkarabach geblieben, er will auf das Haus aufpassen, damit es nicht geplündert oder gar besetzt wird.
 
Satik mit ihrem Sohn Narek aus der Region Bergkarabach  nach Gjumri, der zweitgrößten Stadt Armeniens, geflohen.
Narek ist vier Jahre alt, ein aufgeweckter Junge mit großen braunen Augen, der das beengte Wohn- und Esszimmer unsicher macht und herumtobt und spielt. Seit der Flucht spricht er nicht mehr, zu traumatisch waren die Erlebnisse.Satik hat unter all den Umständen auch ein bisschen Glück – wenn man das so nennen kann. Sie wurde durch ihre Flucht auf die „Liste“ (wie sie alle nennen) der Caritas international in Armenien gesetzt. Die Organisation hat dort während des Krieges ein Projekt geschaffen, das Geflüchtete aus der Region Bergkarabach unterstützt und ihnen hilft – oft allein durch Aufklärung: Da die Region Bergkarabach ein De-facto-Staat ist, sind viele Geflüchtete nicht mit den armenischen Sozialleistungen vertraut, die ihnen zustehen. Die Geflüchteten, die sorgfältig von der Caritas international ausgewählt werden, erhalten darüber hinaus Hilfe in Form von Geld, um den Lebensunterhalt zu bestreiten oder bedarfsorientierte individuelle Unterstützung. Satik und ihre Eltern konnten mit dem Geld ihre Küche und ihr Badezimmer ausstatten.
 
Vorher konnten sie die Räume nicht nutzen.Neben den Geflüchteten, die im ganzen Land untergekommen sind, bereiten Armenien auch die (vor allem jungen) Männer Sorgen, die im Krieg gekämpft haben. Nahezu jede und jeder kennt jemanden, der im Krieg war, und nicht selten auch jemanden, der sein Leben verloren hat. Auch Anni – eine junge Frau, Ende 20 aus Gjumri, kennt und kannte einige. Auch ihr Bruder hat im 44-tägigen Krieg gekämpft – und überlebt. Davor hat er studiert. „Er ist so intelligent, jetzt kann er sich nicht mehr konzentrieren“, erklärt Anni. „Ihm ist alles egal“, fährt sie mit brüchiger Stimme fort. Anni erinnert sich, wie sie täglich mit ihren Eltern vor dem Fernseher saß, um die Namen der Verstorbenen zu lesen – immer mit der Hoffnung, dass ihr Bruder nicht dabei steht. Die Familie ist erleichtert, dass er wieder nach Hause zurückgekehrt ist. Von seinen Erlebnissen erzählt er so gut wie nie. Einmal war er mitten im Krieg zwei Wochen nicht aufzufinden. „Sie sind mit acht Mann losgezogen und mit vier wiedergekommen“, mehr weiß Anni nicht von dem, was ihr Bruder durchgemacht hat. Was genau passiert ist, wissen nur er und seine drei Kameraden. Psychologische Hilfe zu bekommen ist in Armenien schwierig bis unmöglich. Es gibt kaum ausgebildete Kräfte dafür. „Junge Mädchen wie ich werden gefragt, ob sie das nicht machen wollen, ganz ohne Ausbildung“, erklärt Anni. Viele wollen auch gar keine Hilfe. Unter den jungen Männern gilt das als Schwäche und ist verpönt.
 
Aghasi Sakanyan hat im 44-tägigen Krieg gegen Aserbaidschan gekämpft. Vor dem Krieg war er professioneller Skifahrer.
Auch Aghasi will keine Hilfe. Er lebt mit seiner Mutter Angela in einem zerfallenen Backsteinhäuschen etwas außerhalb von Gjumri. Sein Vater ist gestorben, als Aghasi sechs Jahre alt war, heute ist er 22. Er ist nicht zu Hause, „das wäre ihm unangenehm“, sagt seine Mutter, die stolz das Badezimmer zeigt, das sie dank Caritas international finanzieren konnte – über 30 Jahre hat sie ohne gelebt. Im Wohnzimmer hängen zahlreiche Medaillen, Pokale stehen in und auf einem Schränkchen. Angela holt sie stolz heraus und breitet sie auf dem Wohnzimmertisch aus. Vor dem Krieg war Aghasi Skilangläufer. Sogar bei den Europäischen Olympischen Jugendspielen war er dabei. Den Teilnehmerausweis von 2019 legt sie zwischen die zahlreichen Medaillen auf den Tisch. Aber die Zeiten sind vorbei. Seit ihr Sohn im Krieg gekämpft hat, hat er eine Verletzung am Steißbein. Er kann nicht mehr Auto fahren, geschweige denn lange sitzen. Regelmäßig erleidet er Nervenzusammenbrüche, ist ständig nervös und wird schnell aggressiv. Die Aggressivität lässt er dann an der Einrichtung aus. Der demolierte Kühlschrank und Schränke im Wohnzimmer sind stille Zeugen der Wutausbrüche. Angela ist das sichtlich unangenehm: „Es ist nicht mehr ganz so schlimm wie am Anfang“, beschwichtigt sie, „aber er will das mit sich selbst ausmachen“. 
 
Ob die Nervenzusammenbrüche ihres Sohnes jemals aufhören, das weiß Angela nicht. Ob ihr Bruder jemals sein Studium beenden wird, das weiß Anni nicht. Wann Satik ihren Mann wiedersehen wird, das weiß sie nicht. Was sie alle wissen: Sie sind stolz auf ihr Land, auf ihre Diaspora, ihren Zusammenhalt. Sie sind stolz darauf, dass sie sich niemals unterkriegen lassen und sie sind stolz, auf alles, was ihr kleines Armenien noch so zu bieten hat – und das ist ganz schön viel.
 
Yvonne Jarosch
Caritas international

... ist das weltweit tätige Hilfswerk des Deutschen Caritasverbandes und unterstützt Menschen, die besonders schutzbedürftig sind. Weitere soziale Projekte in Armenien sind zum Beispiel erneuerbare Energien im ländlichen Raum sowie mehrere Zentren für benachteiligte Kinder und Jugendliche.
 
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