Eine Auslegung zum kommenden Sonntagsevangelium. Zum letzten Mal hat für die aktuelle Konradsblatt- Ausgabe Schwester Marie-Salome vom Kloster Hegne einen Text über das Evangelium und die Lesungen geschrieben. In ihrem Beitrag schreibt die Ordensfrau über die Kraft der Wüste, warum die Wüste manchmal in uns selbst ist, und wie Weihnachten alles zum Blühen bringen kann.
Von Schwester Marie-Salome
Die Wüste, ein Ort, an dem ich ehrlich gesagt noch nie in meinem Leben war und mit dem ich dennoch unglaublich viel verbinde. Da sind die offensichtlichen Dinge wie der Sand, Trockenheit, Dürre, Durst und natürlich die Oasen. Wüste ist für mich auch ein Ort der Extreme. Da ist die übergroße Hitze am Tag und die oft unterschätzte Kälte in der Nacht. Tagsüber die Sonne, der man am liebsten entfliehen möchte, und nachts ein atemberaubender Sternenhimmel, von dem man gar nicht genug bekommt. Es ist ein Ort, der für Stille und Einsamkeit steht wie vielleicht kein anderer. Aber es ist auch ein Ort, der – so ungemütlich wie er ist – trotzdem für Menschen zur Heimat wird, die mit ihren Tieren von Oase zu Oase ziehen. Die Wüste ist und bleibt für mich ein faszinierender Ort, zu dem meine Gedanken immer wieder wandern. Dazu laden mich auch die Texte des heutigen dritten Advents ein.
Ein anderes Gesicht einer Wüste: eine blühende Wüste.
Hier beschreibt der Prophet Jesaja eine Wüste mit unglaublicher Lebendigkeit. Die trockene Steppe wird jubeln und sich freuen. Alles in ihr wird prächtig blühen. Und warum? All dies hat nur einen einzigen Grund: Sie wird blühen und jubeln, weil Gott kommt. Er bewirkt all diese Veränderung. Und mehr sogar noch. Nicht nur das wüste Land wird aufleben, auch die Menschen werden verwandelt. Die Sinne werden ihnen geöffnet und ihre Schritte werden leicht. Auch sie werden jubeln und sich freuen, weil Kummer und Leid verschwinden werden. Welch eine Hoffnung liegt für mich in diesen Worten! Wie sehr wünsche ich mir, dass es mehr Lachen als Tränen in der Welt gibt.
Wann wird es blühen?
Wie sehr wünsche ich mir blühende Orte, wo Menschen sicher leben können, anstelle der vom Krieg zerstörten Städte, in denen sie um ihr Leben fürchten. Jesaja hat den Text vor hunderten von Jahren geschrieben und mit seinen Worten Hoffnung zu den Menschen seiner Zeit gebracht. In eine Zeit hinein, in der die Menschen im Exil lebten und sich vermutlich mehrmals täglich fragten, wann es für sie wieder Grund zur Freude geben wird. Wann wird für uns alles wieder gut? Wann wird dies geschehen? Wann wird es blühen und wann wird alles heil werden? Wer wird all das erfüllen?
Eine Frage, die sich auch Johannes der Täufer gestellt hat. Er selbst hat in seinem Leben auf diesen einen hingewiesen, der da kommt. Er hat in der Wüste unerbittlich zur Umkehr aufgerufen, zur Verwandlung, zur Hinkehr zum Leben in Fülle. Und nun möchte er Gewissheit: Ist Jesus wirklich dieser eine, der all das bewirken kann? Als Antwort auf diese Frage greift Jesus Bilder des Propheten Jesaja auf. All das, was Jesaja verheißt, ist mit Jesus sichtbar geworden: Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Blinde sehen und Taube hören. Was mit einer reinen Hoffnung begann, wird in ihm Wirklichkeit.
Das Leid ist noch real
Und doch: Das Leid in der Welt ist auch heute noch real. Es wurde bisher nicht einfach alles gut. So stelle auch ich mir die Frage: Wann erfüllt sich endlich dieses prophetische Bild der blühenden Wüste ganz und gar? Wann ist es endlich soweit? Der Autor des Jakobusbriefs ist mit dieser Frage vertraut. Er ermahnt dazu, Propheten wie Jesaja und Johannes zum Vorbild zu nehmen, ihr Wort und ihre Verheißung nicht zu vergessen, sondern die Hoffnung wachzuhalten. Und in alldem geduldig zu sein. Ein Landwirt kann die Frucht auch nicht schneller reifen lassen, sondern muss geduldig auf Regen warten. So ist es auch in der Wüste: Es braucht den Regen, um die blühenden Landschaften in ihr zu erwecken. Es braucht das Wasser, um eine Oase grün werden zu lassen. Doch das braucht Zeit zum Wahrwerden. Auch in unserer Zeit und in meinem Leben.
Auch da gibt es Wüsten, z. B. eine Zeit, die sich anfühlt wie eine lange Durststrecke. Ich fühle mich leer und ausgetrocknet. Manchmal fällt es mir schwer, den nächsten Schritt zu gehen, und ich fühle mich wie gelähmt. Manchmal fehlen mir die richtigen Worte, ich fühle mich sprachlos. Manchmal möchte ich nicht hören, was andere sagen oder was mir Stimmen in mir sagen möchten. Manchmal ist die Wüste nicht außen in der Welt, sondern in mir. Und dann wünsche ich mir, dass Gott auch da hineinkommt. Dass er das Wasser ist, das meine Wüste wieder zum Blühen bringt und tiefe Freude in mir weckt.
Vielleicht gibt es ja auch in Ihrem Leben gerade solche Wüstenorte, wo Sie sich im Blick auf Weihnachten besonders die Berührung mit dem neuen, göttlichen Leben wünschen?
Schwester Marie Salome vom Kloster Hegne war ein Jahr lang im Auslegungs-Team des Konradsblattes und hat in dieser Funktion lebensnahe Texte zu den jeweiligen Sonntagslesungen und - evangelien geschrieben. Nun muss sie aus Zeitgründen aufhören.