„Mein Platz ist in der Welt“

14.04.2026 |

Hedwig Hageböck hat sich für ein Leben als geweihte Jungfrau entschieden. Sie fühlt sich ihrer Kirchengemeinde zugehörig und will dort auch künftig „als Laie unter Laien Gutes tun“. Ein Gespräch über Wegmarken.

„Die Jungfauenweihe betrifft nicht das Tun, sondern das Sein des Menschen im Leben und Zeugnis“, schreiben die Bischöfe. Soll heißen: Das Sein bestimmt das Bewusstsein.
 
Wer sich als junge Frau für das Leben im Kloster entscheidet, dürfte dazu von der Sehnsucht beseelt sein, das ganze Leben dem „Gottesdienst“ zu weihen – ein Gott-geweihtes Leben zu führen. Ins Kloster möchte Hedwig Hageböck nicht. Aber doch „ganz und gar Jesus gehören“. Nur eben nicht im Rahmen einer Ordensgemeinschaft. Sondern mitten in der Welt. Genau genommen tut sie das ja schon – und doch ist seit ein paar Jahren alles anders. Am 18. April wird die 30-Jährige im Freiburger Münster zur Jungfrau geweiht, soll heißen, der Erzbischof spendet ihr die „Consecratio virginum“.

Wie das wohl ist, eine künftige gottgeweihte Jungfrau zu treffen?, frage ich mich. Wir verabreden uns auf einen Kaffee am Karlsruher Hauptbahnhof. Hedwig Hageböck lebt in Offenburg, unterrichtet Mathematik und Latein am Gymnasium, sei sowieso viel mit dem Zug unterwegs. Beinahe hätten wir uns verfehlt – besser gesagt: ich sie. Nach ihrem Alter hatte ich nämlich nicht gefragt. Auf der sonnigen Caféterrasse bei Rhooibos und Matcha Latte geht es dann um alles: Werdegang, Glaubensweg und schließlich dieses einschneidende Ereignis: ihre Berufung, 

„Die Jungfrauenweihe steht nicht am Anfang eines geistlichen Lebensweges“, liest man im sogenannten „Empfehlungsschreiben“ der deutschen Bischöfe zur Spendung der Jungfrauenweihe von 2016. „Sie setzt vielmehr eine langjährige Entstehungsgeschichte der Berufung voraus. Aus einem privaten jungfräulichen Leben, das jahrelang – zumeist im Kontakt mit einem geistlichen Begleiter beziehungsweise Beichtvater – erprobt worden ist, wird nach Abschluss einer Zeit der Kandidatur durch die Weihe ein öffentlicher Lebensvollzug der Kirche.“ So ist das auch bei Hedwig Hageböck.
 
Dessen ungeachtet bleibt es eine Herausforderung, zu beschreiben, wie eine Geweihte lebt; und was diese hier von anderen Mathematik- und Lateinlehrerinnen unterscheidet. Ihr Keuschheitsgelübde? Das ist ja eine andere Nummer als die Entscheidung, allein zu bleiben, also „Single“. Im Verständnis der katholischen Kirche ist eine geweihte Jungfrau „die Braut Christi“. Und genau das will diese hier sein. Eben „ganz und gar Jesus gehören“. In Brotberuf und geistlicher Berufung.

Als Virgo consecrata, so die offizielle Standesbezeichnung, stellt sich die junge Lehrerin aus Offenburg in eine Tradition der Kirche, deren Wurzeln bis in die apostolische Zeit zurückreichen. Über Jahrhunderte wurde es dann leiser um die gottgeweihten Jungfrauen. Das Zweite Vatikanische Konzil hat sie neu- und wiederentdeckt – und die frühe Tradition lebt wieder auf. Die Virgines als eine der vielen Facetten des gottgeweihten Lebens im Schatz der Kirche.

Hageböck gefällt, dass das Konzil „diesen alten Schatz“ wiederentdeckt und „wieder ausgegraben“ hat, wie sie es ausdrückt. Wobei „gefällt“ es wieder nicht trifft; vielmehr ist es so, dass sie sich in dieser Berufung wiederfindet. „Mein Platz ist in der Welt“, antwortet sie auf die Frage, warum sie dabei nicht an ein Ordensleben oder ein Kloster denkt. „In meiner Kirchengemeinde habe ich erfahren: Hier gehöre ich dazu. Genau hier kann ich, als Laie unter Laien, Gutes tun.“ Wichtig sei ihr die Beziehung zum Erzbistum, ihre Verwurzelung in der Kirche von Freiburg; ihre Berufung soll sich „am Ort“ entfalten können, „mittenmang“ der Menschen in der Erzdiözese Freiburg. Das hübsche südfranzösische Wort „mittenmang“ kommt mir in den Sinn, als Hedwig Hageböck von einer wichtigen Wegmarke auf ihrem Berufungsweg berichtet, einer Abzweigung sozusagen. „Ich bin in einer katholischen Familie groß geworden, wo der Glaube eine Rolle spielte.“
 
Fragwürdig im besten Sinne – eines neuen und tieferen Nachdenkens wert – sei ihr dieser Glaube vor wenigen Jahren geworden, bei einem Übersetzungsauftrag, „es war ein sehr spirituelles Buch“. Der Titel: „Herr, bleibe bei uns. Denn es will Abend werden“, ein Interviewband, für den der französische Schriftsteller Nicolas Diat den emeritierten Kurienkardinal Robert Sarah gesprochen hat. Das Übersetzen war für sie „ein sehr intensiver Prozess“, erzählt Hedwig Hageböck: „Irgendwann hatte ich das Gefühl, Gott spricht zu mir.“ Womit wir wieder beim Stichwort Berufung sind. „Habe ich vielleicht eine exklusive Jesus-Beziehung?“, hat sich Hageböck seitdem immer wieder gefragt. Ihre Antwort: Ja.

Nochmal zum „Mittendrin“, denn darin zeigt sich vielleicht am deutlichsten, was die Lebensform einer geweihten Jungfrau ausmacht. Auch eine Eremitin gelobt Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam und erhält Ring und Siegel aus der Hand des Diözesanbischofs. Doch danach zieht sich die Einsiedlerin bewusst zurück „aus der Welt“. Die geweihte Jungfrau erhält zusätzlich einen Schleier – Zeichen ihrer Brautschaft mit Jesus Christus – und lebt weiterhin „inmitten“ von Gemeinde und Gesellschaft.
 
Wie sie es vielleicht schon viele Jahre gemacht hat. Mit frühestens 30 kann eine Kandidatin die Consecratio empfangen. 
Nochmal mit den Worten der Bischöfe: Die Lebensform der geweihten Jungfrau lasse sich verstehen „als Zeichen für die virgo ecclesia, die dem kommenden Herrn auf Erden betend und ihn bezeugend entgegenharrt und sich für ihren Bräutigam bewusst bereitet. Sie wird als Braut Christi verstanden und gehört fortan einem öffentlichen kirchlichen Stand an, dem Ordo virginum (CIC 1983 can. 604 § 1).“ 

Da liegt es nahe, dass anlässlich des großen Tages die künftigen Standesgenossinnen zur Consecratio anreisen; Virgines aus der Region und aus der Welt, darunter zwei aus Schweden. Das Zeichen: Keine geht allein! Da sind wir nun wieder bei der Sendung der Gottgeweihten Jungfrau. 

Wie haben ihre Schülerinnen und Schüler auf den künftigen „Status“ respektive Stand ihrer Lehrerin reagiert? Mit Offenheit und Interesse, sagt sie. Ob jetzt die „Lateiner“ übersetzen können, was eine Virgo consecrata ausmacht? 

Ein Trost: Auch Jesus musste seinen Zeitgenossen einigermaßen umständlich erklären, was es mit dem Zeichen gottgewollter Ehelosigkeit auf sich hat. Und dass es sich dabei um eine Entscheidung „um des Himmelreiches willen“ handelt, wie der Nazarener im Bericht des Evangelisten Matthäus hervorhebt. Verständnisschwierigkeiten scheinen auch für ihn nachvollziehbar gewesen zu sein: „Wer es erfassen kann, der erfasse es“ (Matthäus 19, 12).

Bei der „Consecratio virginum“ wird das Evangelium von den klugen und törichten Jungfrauen verkündet (Matthäus 25, 1). Für junge Menschen, wie Hedwig Hageböck sie täglich vor sich hat, könnte man dafür zur „Volxbibel“ greifen, einem Bibel-Übersetzungsprojekt für Jugendliche. Da klingt das so: „Wo Gott das Sagen hat, wird es so abgehen, wie es bei zehn jungen Frauen war, die nach einem alten Brauch den Mann, der heiratet, von zu Hause abholen sollten. Sie fuhren mit ihren Mopeds in sein Dorf, aber nur fünf waren schlau genug, auch ausreichend Benzin mitzunehmen. Als der Typ aber nicht zu Hause war, mussten sie durch den ganzen Ort gurken, um ihn zu finden. Gegen Mitternacht fanden sie ihn und wollten zurückfahren. Da setzten sich alle Frauen auf ihre Mopeds und wollten losfahren. Aber die fünf ohne Ersatzkanister stellten fest, dass ihr Tank bald leer war, und baten die anderen, ihnen doch was abzugeben. Die Schlauen rechneten aber vor: ‚Hey, wenn wir euch jetzt noch was abgeben, dann packen wir den Rückweg auch nicht mehr. Geht doch in den nächsten Ort, da gibt es ‚ne Tanke!‘ In der Zwischenzeit waren der Mann, der heiraten sollte, und die jungen Frauen mit genug Benzin im Tank wieder bei der Hochzeit gelandet. Dann wurde die Tür abgeschlossen ...“ Wie es ausgeht, ist bekannt. Das letzte Wort hat der Bräutigam: „Darum macht keinen Blödsinn und seid immer bereit! Denn ihr habt keinen blassen Schimmer, an welchem Datum und zu welcher Uhrzeit ich wiederkommen werde.“

Den Lebensweg ihrer Berufung gestalten, muss jede für sich. Auch die Virgo consecrata. Nicht allein, immerhin. Ein persönliches Vorbild kann unterstützen. Maßgeblich allerdings ist der künftige Bräutigam, Jesus Christus. Von ihm erhält die Kandidatin bei der Weihe ihre Insignien: Ring und Schleier. Der Bischof handelt nur in Stellvertretung. Wie bei jeder Weihe.
 
Brigitte Böttner