Lebenslust und Leid - Vor 350 Jahren starb Paul Gerhardt

26.05.2026 |

Nach dem 30-jährigen Krieg machte Paul Gerhardt seinen Landsleuten mit seinen Liedern Mut. Bis heute werden die poetischen Texte sowie die eingängigen Melodien gern gesungen - auch von Margot Käßmann.

Im Gotteslob leben die Lieder von Paul Gerhardt bis heute weiter – als poetische Hoffnungsträger voller Trost, Zuversicht und Lebensfreude. Besonders „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ berührt Menschen seit Jahrhunderten.
 
Margot Käßmann hat ihre eigene Beerdigung schon geplant. Fest steht etwa, welche Lieder gesungen werden sollen - zum Beispiel "Geh' aus mein Herz und suche Freud", ein Sommerlied, das zumeist auf Hochzeiten oder Taufen gespielt wird.
 
Dennoch passe das hunderte Jahre alte Lied von Paul Gerhardt auch hervorragend bei einem Todesfall, findet die Pfarrerin und ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). "Es verbindet einfach Lebenslust, das Wissen um Leid und die Hoffnung auf Gottes Zukunft nach dieser Welt. Ich denke, das ist das, was die Menschen bis heute in seinen Liedern so anrührt", sagt Käßmann. "Das Nicht-Ignorieren von Leid und trotzdem Dagegenhalten. Auch jetzt zum Beispiel, im Mai, freut man sich an der Natur und all dem Blühen - allen Krisen zum Trotz."
 
Nicht Tod und Trauer, sondern Frühling

Diese Hochgefühle beim Hinausgehen ins Grüne drückt ein besonders schöner und berühmt gewordener Vers des Liedes aus: "Narzissus und die Tulipan,/die ziehen sich viel schöner an/als Salomonis Seide", heißt es da. Nach Tod und Trauer klingt das nicht - eher nach Maienausflug oder einem Spaziergang durch den frühlingshaften Garten.
Der Dichter Paul Gerhardt, der diese poetischen Worte fand, starb vor 350 Jahren, am 27. Mai 1676. Das Lied "Geh' aus mein Herz und suche Freud'" schrieb er 1648, als der Dreißigjährige Krieg zu Ende ging. Es war für die Menschen ein Trostlied in schwerer Zeit, das er mit 41 Jahren verfasste, als er noch unbekannt war. Der evangelisch-lutherischer Theologe gilt bis heute als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Kirchenlieddichter.
 
Auswendig singen trotz vieler Strophen

Seine Lieder waren Hits ihrer Zeit: Viele Menschen konnten sie auswendig - und sie hatten oft sehr viele und lange Strophen. Mehr als 130 Lieder schrieb er insgesamt; 26 davon finden sich im aktuellen evangelischen Gesangbuch, sieben im katholischen Gotteslob, darunter das Weihnachtslied "Ich steh' an deiner Krippen hier" und das Passionslied "O Haupt voll Blut und Wunden". Auch außerhalb der Kirche sind seine Lieder bekannt geworden, etwa "Nun ruhen alle Wälder".
 
Besonders in der evangelischen Kirche gelten seine Lieder als Ausdruck von Frömmigkeit und Dichtkunst schlechthin. Entsprechend feiert die evangelische Kirche 2026 das Paul-Gerhardt-Jahr mit zahlreichen Veranstaltungen - unter anderem einem Kompositionswettbewerb, der neue Melodien auszeichnet, die von Gemeinden und Gruppen leicht gesungen werden können. Käßmann ist Schirmherrin. Preisverleihung ist am 27. Mai, dem Todestag des Dichters, in Berlin.
 
Pest, Pocken und Hungersnöte

Ein leichtes Leben hatte Gerhardt, der 1607 in Gräfenhainichen im damaligen Kurfürstentum Sachsen geboren wurde, nicht. Mit zwölf Jahren starb sein Vater, drei Jahre später seine Mutter. Er lebte im Dreißigjährigen Krieg, erlebte Seuchen von der Pest bis zu den Pocken, Hungersnöte und Übergriffe von Soldaten. Seine Ehefrau starb früh ebenso wie vier seiner fünf Kinder.
 
"Er war ja gezeichnet. Und trotzdem, würden wir heute sagen, war er resilient", sagt Käßmann. "Alle seine Lieder strahlten auch diese Hoffnung, diese Glaubenshoffnung aus." Dies sei brandaktuell: "Das erleben wir ja gerade auch in diesen Zeiten, dass wir schockiert sind und nicht wissen, wie es weitergeht, dass wir verunsichert und ängstlich sind. Und dann kommt diese Hoffnung dagegen wie ein trotziges Dennoch. Das kommt bei Paul Gerhardt bei jedem Lied durch." Auch jüngere Leute könnten dies nachvollziehen. "Paul Gerhardt wird bis heute gern gesungen", sagt Käßmann mit Blick auf Konfirmandinnen und Konfirmanden.
 
Bach-Vertonungen

Gerhardt studierte in Wittenberg Theologie und war später Pfarrer in Mittenwalde südlich von Berlin, an der Berliner Nikolaikirche und in Lübben im Spreewald. Seine Texte wurden von großen Komponisten vertont, etwa von Johann Sebastian Bach (1685-1750), der Gerhardts Lieder sehr schätzte und sie in Kantaten und Passionen verwendete.
"Der Wolken, Luft und Winden/gibt Wege, Lauf und Bahn,/der wird auch Wege finden,/da dein Fuß gehen kann", zitiert Käßmann aus einem weiteren Lied, nämlich "Befiehl du deine Wege". Sie sagt: "Das fand ich immer schön, dieses 'Ach, du wirst schon den nächsten Schritt gehen können.' Das ist so eine Zuversicht. Meine Großmutter hat das schon beim Gulaschkochen gesungen. Sie musste fliehen aus Hinterpommern und hatte Krieg erlebt, einen Ehemann verloren, die Heimat verloren. Und trotzdem hat sie das gesungen."
Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff (1954-2023) würdigte Gerhardt 2018 in einem Essay in der Zeitschrift "Sinn und Form": Er habe die große Kunst besessen, "Menschen mit sehr verschiedenen Lebensweisen und Bildungsgraden zu bezaubern, sie in einem andächtigen Gefühl zu einen, und das über Jahrhunderte hinweg."
 
KNA