Im Freiburger Münster hat die Künstlerin Elke Maier eine beeindruckende Kunstinstallation geschaffen. Tausende Meter Faden durchziehen den Kirchenraum.
Tausende Fäden hat Elke Maier bei ihrer Kunst-Installation im Freiburger Münster gespannt.
Eigentlich hat Elke Maier keine Zeit. Nachher kommt noch ein Fernsehteam, um sie bei ihrer Arbeit zu filmen, und sie muss bis dahin noch viel erledigen. Sie muss jetzt eigentlich auch gleich noch einmal hoch ins Gewölbe. Ja, gerade sei es leider sehr schlecht, sagte Elke Maier. Sie steht auf einer Leiter im Chorraum im Freiburger Münster und knotet vorsichtig einen dünnen weißen Faden an eine kleine Auskerbung im Sandstein. Sie schwingt den Faden, wickelt ihn um ihre Finger, einmal durch die Schlaufe, zieht den Knoten zu. Dann das Ganze noch einmal. Und noch einmal. Sie schaut nach oben zur Kuppel, folgt dem Lauf des Fadens. Sie scheint zufrieden. Ja, jetzt sei es leider gerade zeitlich wirklich schlecht, sagt sie, steigt von der Leiter und dann fängt sie an zu erzählen. Und man spürt, mit welcher Hingabe sie arbeitet.
Es ist ein Vormittag im Mai. Elke Maier ist Künstlerin und sie hat noch ein paar Tage Zeit, um ihre un- und außergewöhnliche Kunstinstallation „Sichtbar – Unsichtbar“ zu beenden. Seit Pfingsten ist das Werk vollendet. Unzählige weiße Fäden durchziehen nun das Freiburger Münster.
„Ich muss die Fäden auf das Äußerste spannen“, erklärt Maier. „Umso straffer sie gespannt sind, umso dünner werden sie und sie verlieren ihre Materialität, weil sie die Schwerkraft zu überwinden scheinen“, sagt sie. „Durch die Spannung wird die Oberfläche glatter und sie scheinen anders im Licht. Ich möchte ihnen das Irdische wegnehmen“, sagt sie. „Meine Installation will über gewohnte Dimensionen hinausgehen und nach Transzendenz und Spiritualität fragen.“
Schwerelos scheinen die Fäden durch den Raum zu schweben. Von unten nach oben, links nach rechts, von hinten nach vorne durch das Kirchenschiff. Mal sind sie sichtbar, wenn das Licht auf sie scheint. Dann erscheinen sie wie Sonnenstrahlen, die den Kirchenraum durchfluten. Dann wieder verbergen sie sich vor den Augen des Betrachtenden und tauchen erst wieder auf, wenn man ein paar Schritte zur Seite geht. Immer hängt es vom Lichteinfall und von der Position ab, was und ob man etwas sieht.
„Jeder Faden, den ich spanne, ist eine Frage an den Raum“, erklärt Elke Maier. „Meine Arbeit ist ein Dialog mit dem Raum. Ich befinde mich hier in einer ständigen Gegenwartskonzentration, und entdecke den Raum und schaue nach Möglichkeiten, wie die Fäden laufen können.“ Seit Mitte April verbringt die Künstlerin jeden Wochentag mehrere Stunden von morgens bis abends – wenn nicht gerade Liturgie gefeiert wird – in der Kathedrale und spannt die Fäden. Unter interessierter Beobachtung der Besucher und Besucherinnen. „Das sieht ganz toll aus“, sagt eine Frau, die gerade noch den Marien-Hochaltar Hans Baldung Griens bewundert hat und jetzt vom Chor aus den Blick nach oben ins Kirchenschiff hebt und Elke Maier bei deren Arbeit auf der Leiter zuschaut. „Das Münster ist ja recht dunkel und wenn dann in diese Lichtpunkte diese Fäden zum Vorschein kommen, ganz klasse ist das“, findet die Frau.
Nur mittags macht Elke Maier eine halbe Stunde Pause. Aber eine richtige Pause ist es nicht. Meistens sitzt sie dann nämlich in einer der Bänke – und „studiert, entdeckt den Raum“. „Ich bringe keinen einzigen Nagel an, keinen einzigen“, erklärt Maier. Der Raum gibt vor, wo und wie sie die Fäden anbringt. Mehrmals am Tag steigt Elke Maier Dutzende Treppen hoch, um durch die Deckengewölbeöffnungen, den „Augen“, wie sie sie nennt, die Fäden an den Garnrollen vorsichtig hinunterzulassen und sie zu befestigen. Nichts darf sich verknäueln. Dann wieder die Treppen runter, um die Fäden an den Wänden, an kleinsten Steinvorsprüngen, an Figuren oder den Halterungen für die Bildteppiche zu spannen.
Ihre Installation hat gewaltige Ausmaße. Das Freiburger Münster misst an der höchsten Stelle im Chor 27,35 Meter und in der Länge misst das Kirchenschiff 125,83 Meter. Tausende Meter Baumwollgarn durchziehen so das gotische Münster.
Bei der Kunstinstallation hat Elke Maier bei allen Freiheiten auch Einschränkungen, mit denen sie arbeiten und umgehen muss. „Ich kann die Fäden beispielsweise nicht in der Mitte des Raumes spannen, sondern nur an den Seiten, damit sie die Liturgie nicht stören.“
Die Liturgie feiert Münsterpfarrer Alexander Halter sehr gerne mit der Installation im Münster. Er freut sich sehr über das außergewöhnliche Kunstprojekt. Als es zur Diskussion stand, ob Elke Maier ihre Faden-Installation im Freiburger Münster machen könne, fuhr er nach Bamberg. Dort hatte Elke Maier über 50 Kilometer Faden bei ihrer Installation im Dom verarbeitet. Halter sah sie sich an – und war überzeugt: „Zu 100 Prozent“, betont er. „Was ist das Bindende in unserem Leben, das trägt, aber vielleicht manchmal nicht sichtbar ist“, das ist nur eine der vielen Fragen, die die Installation für ihn hervorbringt. Genauso wie die Frage: „An was machst du eigentlich dein Leben fest?“
Auch Kuratorin Katharina Seifert vom Referat Kunst, Kultur, Kirche der Erzdiözese freut sich sehr über die Kunstinstallation, für die sie gleich sozusagen Feuer und Faden war, als sie die entsprechende Anfrage von Elke Maier im Mailpostfach hatte. Für sie ist es eine intensive, stille und zugleich sehr spirituelle Arbeit. Die Installation lade zum Nachdenken über Gott und das über die sichtbare Welt Hinausgehende ein. Der Projekt-Etat liegt bei etwa 43 000 Euro, großzügig finanziell unterstützt wird die Installation von der Erzbischof Hermann Stiftung. Zu sehen und zu erleben bleibt die Arbeit „Sichtbar-Unsichtbar“ bis Ende September. Noch bis 20. Juni läuft parallel die Foto-Ausstellung „Transzendente Räume“ im c-Punkt Münsterforum. In dieser dokumentieren großformatige Bilder frühere Installationen von Elke Maier, ob im Bamberger Dom oder im Wiener Stephansdom.
Jetzt hat Elke Maier aber wirklich keine Zeit mehr. Noch einen Faden spannen, dann geht es wieder hoch ins Gewölbe.