Das Wohl des Menschen

28.05.2026 |

Papst Leos erste Enzyklika ist ein großer Wurf. Ob er Gehör findet?

„Gut gebrüllt, Löwe!“ So könnte ein ironisch-verkürztes, aber doch angemessenes Urteil über die erste Enzyklika von Papst Leo XIV. lauten. Passend zu seinem Namen. Denn das Lehrschreiben „Magnifica humanitas“ („Großartige Menschheit“) ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. 

Zum einen, weil der Text inhaltlich nicht zuerst auf eine innerkirchliche Fragestellung ausgerichtet ist. Leo thematisiert vielmehr ein technisch-wirtschaftliches Phänomen, nämlich die sich in atemberaubender Geschwindigkeit entwickelnde Künstliche Intelligenz (KI), von der – wie er betont – nicht einmal diejenigen, die daran arbeiten, genau wissen, wie sie funktioniert und ob sie sich sinnvoll steuern lässt. Zum anderen beschreibt Leo klar und deutlich die Dimension dessen, was da passiert: Es handelt sich um nicht weniger als einen „Epochenwandel“, der grundlegende, existentielle Fragen mit sich bringt. 

Bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass der Papst keine ausschließlich abwehrende Haltung gegenüber der KI an den Tag legt. Er macht deutlich, dass die Technologie überaus segensreich wirken könnte, je nachdem, wie Menschen damit umgehen – und: in welchen Händen sich diese Technologien befinden. An diesem Punkt verweist Leo unmissverständlich auf die zwielichtigen „Haupttriebkräfte“ der KI, nämlich „private, oft transnationale Akteure, die über Ressourcen und Handlungsmöglichkeiten verfügen, die denen vieler Regierungen überlegen sind.“ Aus diesem Grund sei die technologische Macht schwieriger zu erkennen, zu steuern und auf das Gemeinwohl auszurichten.
 
Apropos Gemeinwohl: Dieses Prinzip der katholischen Soziallehre, auf die Papst Leo ausführlich zurückgreift, bezeichnet die Überzeugung, dass alles wirtschaftliche Handeln und jeder technologische Fortschritt nicht nur auf die Interessen Einzelner oder bestimmter Gruppen ausgerichtet sein darf, sondern dem Wohl aller Menschen zugutekommen muss. So selbstverständlich dies gerade aus der Sicht des Glaubens erscheint: Allein schon die Tatsache, dass es diese Enzyklika gibt, geben muss, zeigt, dass mit der KI nicht weniger auf dem Spiel steht als die Überzeugung von der unhintergehbaren Würde jedes einzelnen Menschen. 

Leos Enzyklika ist ein großer Wurf. Der Löwe hat nicht nur gut, sondern auch laut gebrüllt. Umso bedrängender erscheint die Frage, ob er Gehör findet. Ob sich die zum Teil skrupellosen Profiteure der KI, denen die biblische Rede von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen fremd ist, davon beeindrucken lassen?
 
Michael Winter