Notwendig nebeneinander

05.06.2026 |

Dass der Zweifel zum Glauben gehört, ist kein Geheimnis. Aber Unglaube?

„Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Was der Vater des fallsüchtigen Knaben, der zu Jesus gebracht wurde, spontan ausruft, scheint auf den ersten Blick ein Widerspruch zu sein (Markus 9, 23f.). Denn wir sind gewohnt, Glaube und Unglaube als Gegensatzpaar zu betrachten. Umso bemerkenswerter ist die Antwort des Vaters, der bei Jesus Hilfe für seinen kranken Sohn sucht. Denn sie formuliert nicht nur, dass Glaube und Unglaube nebeneinander im menschlichen Herzen existieren, sondern lässt uns auch fragen, wie es um unseren Glauben bestellt ist, der offensichtlich Unglauben hervorruft. 
 
Dass der Zweifel zum Glauben gehört, ist kein Geheimnis. Aber der Unglaube? 
 
... sonst glaube ich nicht! Der ungläubige Thomas gehört zu den berühmtesten Gemälden des italienischen Barock-Meisters Caravaggio (1571-1610).
 
Erhebender ist, vom Segen des Glaubens zu sprechen. Und vernichtend das Urteil über die Ungläubigen in der Bibel. Den Unglauben im eigenen Herzen entdecken, sich mit ihm zu beschäftigen, ruft Widerstand hervor. Wenn Menschen heute massenweise aus der Kirche austreten, heißt das nicht notwendig, dass sie plötzlich spirituell unmusikalisch geworden wären. Aber die Frage nach Glaube und Unglaube stellt sich so nicht mehr. Vor siebzig Jahren schrieb Reinhold Schneider in seinen Tagebuchaufzeichnungen „Sie haben keinen Wein mehr“, angelehnt an die Feststellung oder eher den Appell von Maria an Jesus in der Erzählung von der Hochzeit zu Kanaa (Winter in Wien: Aus meinen Notizbüchern 1957/58).
 
Die Situation derer betrachten, die nicht geladen sind 
 
Über dieses erste Zeichen Jesu in Galiläa lesen wir: „Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt und die Mutter Jesu war dabei. Auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit eingeladen“ (Johannes 2, 1f). Damit beginnt das Evangelium. Wie steht es aber mit denen, die nicht geladen wurden zur Hochzeit? 
 
Menschen sprechen schnell von „Glaubensabfall“ oder Auflehnung. Was allerdings, so Dostojewskij, nicht geschehen dürfe, ohne die Psychologie des Unglaubens in den Blick zu nehmen. Der gebürtige Badener Theologe, Religionsphilosoph und leidenschaftliche Lehrer Eugen Biser (1918-2014) hat sich die Situation der „Nichtgeladenen“ zum Thema gemacht. Er schreibt, die Unfähigkeit zum Glauben oder gar seine Ablehnung könne noch mit anderen Faktoren zu tun haben als mit Selbstverhärtung und Schuld (Glaubenswende, 34). Die Theologie habe ihre Argumentation einseitig entwickelt, nur im Interesse der „Erfolgreichen“. Ausgeblendet bleibt, wer mit seinem Glaubensversuch nicht zum Ziel kam: weil er entweder scheiterte oder auf halber Strecke liegenblieb. Als Musterbeispiel für einen gescheiterten Glaubensversuch bespricht Biser die einzige(!) missglückte Berufungsgeschichte des Neuen Testaments, die vom „reichen Jüngling“ (Markus 10, 17-22).
 
Und er vermutet, dass es nicht nur die vielen Güter waren, die den Mann hinderten, auf Jesu Nachfolgeangebot einzugehen. Dessen Eingangsfrage „Was muss ich tun, um ewiges Leben zu erlangen“, lässt erahnen, dass es um die Sinnfrage geht, dass sein Lebenswille gebrochen ist, weil er mit der „Hypothek eines endlichen Daseins“ nicht zurechtkommt. Biser sieht in ihm die Situation des heutigen Menschen gespiegelt, der nicht zum Glauben finden kann, weil „Lebensunlust und Seinsverdrossenheit“ ihn hindern, sich selbst anzunehmen, wie er ist. Und diese Unfähigkeit wird überdeckt mit Anhäufung von materiellen Gütern. 
 
Glauben können wir uns nur schenken lassen 
 
Tatsächlich ist die Glaubenskrise eine Sinnkrise. Und die fehlende Möglichkeit, sich und sein Dasein in einem unbedingten Bejahtsein festzumachen, zwingt dazu, die Angst vor dem Nichts, dem Tod, zu überdecken. Und dies nicht nur mit Habenwollen, sondern auch mit Machtstreben, um von niemandem abhängig zu sein. Doch das gelingt nicht. Wir sind gefangen in der Herkunft der Familie, in Normen und Gewohnheiten, an denen wir festhalten, um Sicherheit zu gewinnen und nicht ins Bodenlose zu fallen, und in unserem Konflikt zwischen Ich-Ideal und Selbsterleben.
 
Wie kommt es, dass wir, als „ungläubiges Geschlecht“ (Markus 9, 19), uns aus eigener Kraft aus vielfältigen Abhängigkeiten und aus der verdrängten Angst vor Sinnlosigkeit und Tod nicht befreien können? 
 
Die Antwort ist, dass wir der Liebe Gottes misstrauen. Der Glaube sagt uns, dass Gott Liebe ist. Aber das zu „wissen“ ist für uns kein Trost und Halt, sondern stärkt unseren Unglauben. Warum? Weil unsere Vorstellung von Liebe erwartet, dass jemand, der liebt, Leid verhindert, wenn er Macht hat. Aber wo bleibt der „Allmächtige“ angesichts der Grausamkeiten und Katastrophen in dieser Welt? Da helfen alle Erklärungen der Theologen nichts, die darauf hinweisen, dass hinter dieser Erwartung ein schiefes Gottesbild steht. 
 
Doch dieses Misstrauen hat noch eine tiefere Ursache: unser fehlendes Urvertrauen. Es gründet in der frühen kindlichen Erfahrung, bedingungslos angenommen und geliebt zu sein, wie wir sind. Elterliche Liebe ist in der Regel groß – und doch immer mit Erwartungen verbunden. Sie kann nicht selbstlos sein, weil auch Eltern ihre Geschichte haben, Gewordene sind, mit Defiziten und Nachholbedarf an Liebe und Zuwendung. Eine schicksalshafte Verkettung von Generation zu Generation. Weil wir nur die an Erwartungen geknüpfte Liebe kennen, ist es für uns nicht möglich, aus eigener Kraft an eine Liebe zu glauben, die uns bedingungslos liebt und ja zu uns sagt.
 
Glauben, dass wir von Gott bedingungslos geliebt werden
 
Unglaube so verstanden, ist die Unfähigkeit, unser Dasein, unser Leben so in der Liebe Gottes zu begründen, dass wir es nicht nötig haben, alle Anstrengungen zu unternehmen, um anerkannt, bestätigt und geliebt zu werden. Entsprechend heißt glauben, dass wir schon vor jeder Leistung von Gott, so wie wir sind, bedingungslos geliebt werden. Diesen Glauben müssen wir geschenkt bekommen, von Menschen, die ihn vorleben und dazu einladen; wie müssen ihn erbeten, wie es schon unsere Eltern und andere geliebte Menschen für uns getan haben. Auf uns gestellt, verharren wir im Unglauben. 
 
So gilt es, die Perspektive zu wechseln, die Richtung zu ändern, und nicht weiter zu erwarten, dass uns andere Menschen helfen, „Ja“ zu uns selbst zu sagen. Das braucht Urvertrauen in Gott und meine Mitmenschen, in ein liebendes Gegenüber. Martin Buber hat dafür den unschätzbaren Ausdruck gefunden: „Am Du wird das Ich zum Ich.“
 
Helmut Jaschke