Deutschlands ältester Baum wird zum Nationalerbe ausgerufen
16.06.2026 |
Sie wuchs schon, da waren die Jahreszahlen noch dreistellig: Die Ur-Eibe von Steibis gilt als ältester Baum Deutschlands. Und das ist nicht der einzige Rekord dieses Gehölzes, das jetzt einen besonderen Titel bekommt.
Über 1.100 Jahre alt: Die Steibiser Ur-Eibe wirkt mit ihren Höhlungen, Rissen und bizarren Formen wie ein Wesen aus einer anderen Zeit.
Je länger man schaut, desto mehr Gestalten tauchen auf. Sonderbar muten sie an, wie Gnome, Trolle, Hexen, manche gar außerirdisch. Der wohl älteste Baum Deutschlands, er ist voll von schrägen Gesichtern. Tausend Löcher, Spalten und Risse in ihrem Holz lassen die Eibe von Steibis im Oberallgäu wie ein Wesen voller Augen, Münder und Nasen erscheinen. Über tausend Jahre lang ist all das gewachsen, tausendeinhundert Jahre gar.
Auf dieses enorme Alter schätzt die Deutsche Dendrologische Gesellschaft die Steibiser Eibe. Das gab der Fachbund für Gehölzkunde vergangenen April bekannt. Der Baum wächst also schon seit Zeiten, da die Jahreszahlen noch dreistellig waren; die Experten kennen nach eigenen Angaben bundesweit keinen, der älter wäre. Am 18. Juni will die Gesellschaft die Eibe daher zum Nationalerbe-Baum ausrufen. Als solcher soll er fortan besonders geschützt werden.
Wer den Holz-Methusalem besuchen möchte, der braucht ein bisschen Kondition. Von der Talstation der Hochgrat-Bergbahn tief im Süden Bayerns führt ein steiler Weg hinauf zur Unterlauchalpe. Eine halbe Stunde strammen Marsches später steht man dann keuchend gut 1.000 Meter über dem Meer.
Unauffällig in der Weide
Die Ur-Eibe, so nennt man den Baum hier in der Gegend berechtigterweise, wächst rund 300 Meter hinter dem Alphof bergan auf einer Weide. Sie fällt jedoch vom Weg aus nicht auf, denn drum herum stehen viele größere Gehölze, vom herrlichen Gipfelpanorama ganz zu schweigen.
Da kann die Eibe nicht mithalten; sie bringt es gerade mal auf etwa sechs Meter Höhe. In dieser Umgebung kommt sie damit recht geduckt daher, zumal sie sich hangabwärts beugt. Einzelne greise Reiser stechen dabei aus der Krone heraus und scheinen wie ins Tal hinabzugreifen. Die Eibe erinnert an ein altes Mütterchen aus dem
Märchen: zerzaust, verwittert und von irgendwie geheimnisvoller Aura.
Wer sich davon anlocken lässt, bemerkt erst aus der Nähe, wie breit der Baum ist: Der Stamm - von ferne durch Zweige fast völlig verdeckt
- misst einen Umfang von 5,1 Metern. Damit gilt die Ur-Eibe nicht nur als Altersrekordhalterin, sondern auch als dickste Eibe Deutschlands.
Stamm scheint zu bersten
Talwärts scheint der massige Stamm fast zu bersten, zum Hang hin ist er ausgehöhlt. Seine Rinde ist mal schuppig und mal glatt, die Farben spielen zwischen Ochsenblutbraun und Knochengrau, an manchen Stellen gibt es moosgrüne Tupfer.
Da, wo der Stamm geöffnet ist, rahmen Borkenstücke die Lücke von links und rechts wie ein Portal. Irgendwo droben im Dach aus dunkelgrünen Nadeln singen Vögel; leise nur, es klingt fast andächtig. Von dort blitzt auch immer wieder mal ein Sonnenstrahl in die Stammhöhle. Er erhellt dann weichen Boden und an den Seiten ein hölzernes Massiv aus Kratern, Graten und Plateaus. Daraus wiederum erheben sich mächtige Äste - mitunter derart verschlungen gewachsen, dass es aussieht, als hätten die Zeitläufe sie geradezu gedrechselt und gewrungen.
Die Ur-Eibe, sie wirkt wie eine Kathedrale der Natur; wie eine ganze Landschaft, bizarr und bloß aus Blatt und Borke; ja wie ein wahres Wunderland, geschaffen von Jahrhunderten.
Botanische Schätze
Elf Jahrhunderte mögen es bisher gewesen sein, schätzt die Dendrologische Gesellschaft. Vielleicht auch nur neun, womöglich aber auch schon 13; Gewissheit gibt es nicht. So oder so: Die Eibe ist ein lebendiger Gruß aus dem Mittelalter. Bis heute trägt der weibliche Baum sogar Früchte. Und fruchtbar ist es auch um ihn herum. Allerlei botanische Schätze gedeihen unter und neben der Eibe: Trollblumen und Türkenbundlilien zum Beispiel, Enziane, selbst Orchideen.
Und so möge es bleiben: "Die Leute sollen hier bittschön bloß nicht die Weide kaputtlatschen", beschwört Herbert Mader etwaige künftige Nationalbaum-Pilger. Er ist der Alpmeister der Weidegenossenschaft Maierhöfen, auf deren Grund die Eibe steht.
Ja, sagt Mader, man sei schon stolz darauf, den ältesten Baum zu haben. "Zur Ausrufung als Nationalerbe werden ja auch eine Info-Tafel und zwei Bänke aufgestellt." Aber am Weg unterhalb des Gehölzes, nicht in der Weide. Die Ur-Eibe soll weiterhin in Ruhe altern können.
Holz für Schiffe und Gewehre
Unbehelligt, so wie einst auch von den Engländern: "Die haben hier früher ganz viel Eibenholz aufgekauft", erzählt Georg Wagner vom Verein Heimatdienst Oberstaufen, wozu Steibis gehört. "Für den Schiffbau und für Gewehrkolben. Die Eibe hat ja ein sehr stabiles Holz."
Warum der Ur-Eibe dieses Schicksal erspart blieb? Womöglich ward sie einfach übersehen, so abseits und unauffällig, wie sie wenigstens vom Weg aus gesehen wächst. "Man hat hier nie groß über die Ur-Eibe gesprochen", sagt der Vereinsvorsitzende. Irgendwelche Sagen, die sich um den Baum ranken? Irgendwelche besonderen Begebenheiten? Georg Wagner verneint, Herbert Mader ebenso.
Nun, was nicht ist, kann ja noch werden. Die Dendrologische Gesellschaft bescheinigt Eiben schließlich ein Alterspotenzial von rund 2.000 Jahren. Ein paar Jahrhunderte hat die Steibiser Ur-Eibe also noch vor sich - und das allein ist doch schon sagenhaft.