Oh, wo finden wir ihn bloß?

31.07.2026 |

Gedanken über die Trostbedürftigkeit von uns Menschen

„Trost“- so lautet der lapidare Titel des neuesten, kürzlich erschienenen Romans von Angelika Klüssendorf. Trostbedürftig sei in dem Buch jede und jeder, zu dieser Quintessenz kommt die Rezensentin einer großen deutschen Tageszeitung. Die Autorin hat jedenfalls einen Leitbegriff für ihren Roman gewählt, mit dem wohl jeder Zeitgenosse, unabhängig von seinem weltanschaulichen Profil oder seiner religiösen Zugehörigkeit, etwas anfangen kann. Jede und jede von uns erinnert sich doch an konkrete Situationen der eigenen Trostbedürftigkeit, an Menschen, Rituale, Texte oder Musikstücke, die ihr beziehungsweise ihm Trost gespendet haben. Trost sei eine Kategorie, „deren Eigentümlichkeiten aufs engste mit den Merkmalen der Spezies Mensch zusammenhängen“, so formulierte der 1996 verstorbene Münsteraner Philosoph Hans Blumenberg in seinem posthum herausgegebenen Werk „Beschreibung des Menschen“ (Frankfurt 2006).
 
Gleichzeitig hat aber auch der Trost seine Geschichte: Über ihn haben in der griechisch-römischen Antike Platon, Cicero und Seneca nachgedacht; aus der christlichen Spätantike ist vor allem die im Kerker verfasste Schrift „Trost der Philosophie“ des Gelehrten und Staatsmanns Boethius zu nennen, die über Jahrhunderte große Resonanz fand.
 
Trost angesichts der überwältigenden Schönheit der Schöpfung: Sonnenuntergang über Lavendel.
 
Der Christ Boethius lebte um 500, also noch in der Umbruchzeit nach der „Konstantinischen Wende“. Seinerzeit begann der christliche Glaube, das römische Reich und seine Nachfolgestaaten religiös und kulturell als Staatsreligion zu prägen, entwickelte sich Schritt für Schritt aus der antiken Welt das christliche Europa. Es entstand auf diesem Hintergrund auch eine christlich- theologisch grundierte Trostliteratur.  Aus ihr ragt nicht zuletzt ein Werk des späten Mittelalters hervor: Das etwa um 1300 entstandene, Königin Agnes von Ungarn gewidmete „Buch der göttlichen Tröstung“ aus der Feder des um 1260 bei Erfurt geborenen großen Theologen und Mystikers Meister Eckhart aus dem Dominikanerorden. Eckhart setzt in seinem Trostbuch ganz lebenspraktisch an und zählt „dreierlei Betrübnis“ auf, die den Menschen in seinem Elend anrühre und bedränge: „Die eine kommt aus dem Schaden an äußerem Gut, die andere aus dem Schaden, der seinen Verwandten und Freunden zustößt, die dritte aus dem Schaden, der ihm selbst widerfährt in Geringschätzung, Ungemach, körperlichen Schmerzen und Herzensleid“.
 
Gott, Mensch und der Trost – eine lange Geschichte ..
 
Meister Eckhart versucht ebenfalls auf dreifache Weise Trost zu spenden. Zunächst durch einen kurzen, hochspekulativen Traktat über den Menschen als Bild Gottes, der in die Aussage mündet: „Wer aber Gott allein in der Kreatur liebte und die Kreatur allein in Gott, der fände wahren, rechten und gleichen Trost allerorten.“ Es folgen „etwa dreißig Stücke, von denen ein jegliches für sich schon den verständigen Menschen in seinem Leide füglich trösten soll“. Oft unter Berufung auf Stellen aus der Heiligen Schrift und auf dem Hintergrund von Eckharts Denken über Gott und die Kreaturen wird jedes Mal gezeigt, dass der Mensch dadurch Trost finden kann, dass er von zu einfachen, kleinkarierten Vorstellungen über Gott loskommt. Schließlich wird im „Buch der göttlichen Tröstung“ dargelegt, dass der trostbedürftige Mensch nicht nur aus den Worten, sondern auch aus den Werken anderer Menschen Trost schöpfen kann. 
 
Über 600 Jahre nach Meister Eckhart verfasste Hans Blumenberg so etwas wie ein „Trostbuch“: Das Kapitel „Trostbedürfnis und Untröstlichkeit des Menschen“ in der großen Nachlasspublikation „Beschreibung des Menschen“. Es handelt sich um Überlegungen eines Verfassers, der als Sohn eines katholischen Vaters und einer konvertierten jüdischen Mutter am Anfang seines akademischen Studiums einige Semester katholische Theologie absolviert hatte, sich als Philosoph aber dann vom christlichen Glauben entfernte. Gleichzeitig hat sich Blumenberg als nachchristlicher Denker mit christlichen Wurzeln immer wieder mit Grundfragen des Glaubens so kritisch wie kenntnisreich beschäftigt, bis hin zu seinem 1988 erstmals erschienen Buch „Matthäuspassion“.
 
In „Trostbedürfnis und Untröstlichkeit des Menschen“ geht es nicht nur um Immanuel Kant, um Siegmund Freud und um Hans Jonas , sondern zum Schluss auch um den christlichen Schöpfungsgedanken und um die Gnosis als eine Art Gegenmodell mit ihrer Trennung von Heilsgott und Schöpfergott. Blumenberg besteht in seinem Text auf der unaufhebbaren, für den Menschen konstitutiven Trostbedürftigkeit: „Gerade deshalb, weil nicht nur das Institut des Trostes, sondern auch die Ursachen der Trostbedürftigkeit mit höchst natürlichen Vorgängen und Fakten des menschlichen Lebens verbunden sind, wird keime Veränderung sogenannter gesellschaftlicher Verhältnisse das Institut des Trostes überflüssig machen.“ Das gelte vor allem und exemplarisch für das Trostbedürfnis angesichts der Endgültigkeit des Todes, und zwar des Todes der anderen als auch des eigenen.
 
Eine Verbeugung vor dem musikalischen Genie Johann Sebastian Bach
 
Blumenbergs „Matthäuspassion“ bietet einerseits eine eigenwillige, zum Widerspruch herausfordernde ,Deutung der christlichen Heilsgeschichte und des für sie zentralen Todes Jesu. Sie ist andererseits eine einzige große Verbeugung vor dem musikalischen Genie Johann Sebastian Bachs, das es für den ungläubigen oder glaubensarmen Hörer der Gegenwart ermögliche, selbst hinsichtlich des eigenen Todes getröstet zu werden. Der zum Weinen Entlassene zweifle am musikalisch dargebotenen Tod Jesu in der Bachschen Passion nicht: „Mehr braucht er nicht, um angesichts des seinen getröstet zu sein.“ An anderer Stelle spricht Blumenberg im selben Sinn vom Text der Passionsgeschichte als einem, „dem die Musik die sakrale Qualität der Unbefragbarkeit verleiht“.
 
Johannes Brahms hat keine Passionsmusik komponiert, wohl aber als großes geistliches Werk das erstmals vollständig am 18. Februar 1869 in Leipzig aufgeführte „Deutsche Requiem nach Worten der Heiligen Schrift“. Das Werk ist eine Trostmusik reinsten Wassers; es beginnt und endet mit dem Wort „selig“. Der Trostcharakter wird besonders deutlich im 5.Satz, in dem Brahms zwei Schriftstellen musikalisch umsetzt, die ausdrücklich vom Trost handeln: „Sehet mich an: Ich habe eine kleine Zeit Mühe und Arbeit gehabt und habe großen Trost funden“ (Sir 51,35); „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“ (Jes 66,13a). Der erste Text wird mit Spitzentönen vom Solosopran vorgetragen, während der zweite im vierstimmigen Chorsatz erklingt, beides vom Orchester in betörendem G-Dur umspielt. Wer sich von dieser Musik berühren lässt, der ist im besten Sinn getröstet.
 
Ulrich Ruh