Kompass zu einem lebenswerten Leben

09.09.2026 |

Die Ferien sind vorbei – und damit eine Zeit, auf die sich viele gefreut haben und die in der Regel von Freude geprägt war. Aber warum sollte es nicht möglich sein, diese Freude auch im Alltag zu bewahren? Als Haltung und als Lebensgefühl, das nicht an einzelnen besonderen Momenten hängt. Melanie Wolfers gibt Hinweise, wie wir der Freude in unserem Leben mehr Raum geben können.

Wie schaffen wir es, dass die Freude heimisch bei uns wird? Auch mit einer dankbaren Haltung, die hellsichtig ist für das Gute und Schöne.
 
„Melanie, was soll auf deinem Grabstein stehen?“ Dies wurde ich am 17. September 1998 im Rahmen einer psychologisch-spirituellen Ausbildung gefragt. Meine Antwort: 
 
„Melanie Wolfers, 23. Mai 1971 – ... 
Sie hat Freude in das Leben von Menschen gebracht.“
 
Die Frage, was ich mir für mein Leben ersehne, und meine Antwort habe ich nie vergessen! Vielleicht war es diese Sehnsucht, die mich nach jahrelangem Zögern und trotz innerer Widerstände schlussendlich doch dazu gebracht hat, ein Buch über Freude zu schreiben. Sobald ich mich nämlich dem Thema nähern wollte, fragte ich mich skeptisch: „Ist es nicht naiv, vielleicht sogar zynisch, sich angesichts der vielen Krisen mit Freude zu beschäftigen?!“ Doch je länger ich darüber nachgedacht und mit Menschen gesprochen habe, umso deutlicher wurde mir: Gerade jetzt ist Lebensfreude wichtig! 

Denn erstens: Wir alle wollen Freude empfinden. Oder zumindest zufrieden sein. Denn das verleiht unserem Leben Glanz und Leichtigkeit. Freude macht unser Leben lebenswert. Wir alle leben zum ersten und zum einzigen Mal. Daher sollten wir das Beste daraus machen, solange wir können. Wozu wären wir sonst hier? Und zweitens: Freude hat die Macht, unser eigenes Dasein und die Welt spürbar zum Guten zu wenden. Freude macht unsere Beziehungen wärmer. Den Kopf klarer. Das Herz weiter. Sie ist eine Widersacherin der Angst und befähigt uns, mit den kleinen und großen Herausforderungen des Lebens besser umzugehen. Und: Sie hat das Potenzial, aus unserer Welt einen besseren Ort zu machen!

Doch mit der Freude ist das nicht so einfach! Einerseits leben wir in einer Kultur, die von einem erwartet, ständig gut drauf zu sein, und auch wir selbst wollen zufrieden sein. Doch andererseits löst Freude oft auch Unbehagen aus: etwa die Angst, dass der schöne Augenblick vergehen wird. Oder das tiefsitzende Empfinden, dass Freude einem nicht zusteht, weil man schlicht noch nicht alles getan habe, was es zu tun gebe. 

Kennen Sie das auch: Diese Wenn-dann-Sätze, die Glück und Zufriedenheit an Vorleistungen knüpfen? In diesem Fall befänden Sie sich in guter Gesellschaft. Denn viele Menschen gehen unbewusst davon aus, dass man sich Freude verdienen muss. Sie meinen, sie dürfen sich erst dann freuen, wenn sie genug geleistet oder durchgestanden haben oder wenn alle versorgt sind. Ganz im Sinne des Sprichworts: „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen!“

Die Freude auf ein Später zu vertagen, klingt harmlos, vernünftig und erwachsen. Doch über Jahre hinweg praktiziert hat dies fatale Folgen. Zum einen: Wir können Freude verlernen! Wer Freude regelmäßig vertagt, weiß eines unschönen Tages nicht mehr: Was macht mir eigentlich Freude? Wie fühlt sich Leichtigkeit an?
 
Viele wissen dann gar nicht mehr, was ihnen guttut, und ihre Fähigkeit zur Freude schwächelt. Zum anderen wird das Glück auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben. Im Alltag kann das so aussehen: „Wenn das Projekt abgeschlossen ist, dann gönne ich mir Ruhe“ – doch kaum endet das Projekt, beginnt schon das nächste. Und so hängt die Freude in der Warteschleife und wird und wird nicht durchgestellt. Wir schieben das Leben auf, anstatt es zu leben.

Zur entscheidenden Wende kommt es, wenn einem das fundamentale Missverständnis von Freude aufgeht: Wenn wir Freude nicht mehr als Belohnung für vorausgegangene Mühen verstehen, sondern als Kompass zu einem Leben, das wir wirklich lebenswert finden. Und wenn wir einander immer wieder ermutigen: Freude ist keine Bonuszahlung, die am Ende ausgeschüttet wird. Sie ist ein Zeichen deiner Lebendigkeit. Sie ist das, was das Leben bewohnbar macht.

Doch was kann helfen, der Freude im Leben mehr Raum zu geben? Was können wir selbst dazu beitragen, dass Freude nicht nur gelegentlich bei uns vorbeikommt, sondern heimisch wird bei uns? Vieles! Vier kurze Hinweise:

Sich der Freude entgegenstrecken

Freude berührt und erfasst den ganzen Menschen. Sie prägt unser Leben in all seinen Dimensionen – und deswegen können wir auch auf verschiedenen Ebenen ansetzen. Die körperliche Freude ist die einfachste und unmittelbarste Form der Freude. Sie entsteht, wenn unser Körper angenehme Reize erfährt: etwa durch genügend Schlaf, Bewegung, gutes Essen, Wärme oder Sexualität. Werden die physiologischen Bedürfnisse erfüllt, fühlt man sich energiegeladen, wohlig, entspannt und lebendig. Kurz gesagt: Es lohnt sich, den Körper miteinzubeziehen, wenn wir uns nach (mehr) Freude im Leben ausstrecken.

Dem Steinzeithirn ein Schnippchen schlagen: Ans Danken denken

Das menschliche Gehirn fixiert sich mit Vorliebe auf das Negative. Kein Wunder, schließlich hatten Urmenschen mit einem gefahrensensiblen Gehirn höhere Überlebenschancen. Doch der einseitige Fokus auf das Belastende macht eine miese Stimmung. Das bedeutet: Um Freude zu fördern, gilt es, der Negativitätsverzerrung unseres Steinzeithirns aktiv zu widerstehen. Der wirksamste Weg besteht darin, eine Haltung der Dankbarkeit zu entwickeln. 

Das Wort „Dankbarkeit“ ruft bei manchen Menschen ungute Erinnerungen wach. Vielleicht wurde ihnen als Kinder eingebläut, dass man bei Geschenken immer artig „Danke!“ sagen muss, selbst wenn diese einem zuwider waren. Doch bei der Haltung der Dankbarkeit geht es nicht um einen höflichen Reflex, sondern um eine Aufmerksamkeit für das Gute im Leben. Dankbare Menschen erkennen und schätzen, was in ihrem Leben gut ist: ein unterhaltsames Buch; ihre Talente; ein Mensch, der sie liebt … – all die Gaben, die ihnen geschenkt worden sind. Und darin liegt ein wesentliches Element von Dankbarkeit: Dass man etwas als nicht-selbstverständlich erlebt, sondern als ein Geschenk. Dass einem etwas gegeben ist – einfach so.

Eine dankbare Haltung macht hellsichtig für Gutes und Gelungenes. Sie weckt in uns eine innere Zufriedenheit und Freude selbst in schwierigen Zeiten. Und sie steht in engster Beziehung zur psychischen Gesundheit. 

Eine Handvoll Glück: Stecken Sie morgens eine Handvoll Nüsse in Ihre linke Hosentasche. Jedes Mal, wenn Sie tagsüber etwas Schönes erleben – ein Kinderlachen, einen erfrischenden Windhauch, ein freundliches Wort – wandert eine Nuss in Ihre rechte Tasche. Abends nehmen Sie diese Nüsse einzeln in die Hand und rufen sich jeden Moment kurz ins Gedächtnis. Durch diese Übung schärfen Sie tagsüber Ihre Aufmerksamkeit für das Gute, das Ihnen begegnet. Und durch das abendliche Erinnern können Sie diese Momente genussvoll nacherleben und sich der Nach-Freude überlassen.

Gemeinsam geht’s (uns) besser

Es bereitet Freude, jemandem eine Freude zu bereiten. Es tut gut, anderen Gutes zu tun. Die Forschung redet in diesem Zusammenhang vom warm glow, vom „warmen Glanz“ des Gebens. Ein freundliches Wort, jemandem zuhören, etwas teilen, kurz mit anpacken – solche kleinen Gesten tun anderen gut, und sie lassen uns spüren, Teil von etwas Größerem zu sein. Wir fühlen, dass wir zu einer Gemeinschaft beitragen und die Not anderer lindern – und all das erzeugt eine Zufriedenheit, die über den Moment hinaus wirkt. 

Erkenntnisse der modernen Wissenschaft über den warm glow spiegeln eine Weisheit wider, die in den Religionen seit Jahrtausenden gelebt und gelehrt wird. Mitgefühl, Solidarität und Verbundenheit sind zentrale Gebote und Wege zur spirituellen Erfüllung. Ja mehr noch: Die Freude, die sich darin findet, ist die Erfüllung spiritueller Sehnsucht. Um den Himmel als Inbegriff von Freude auszumalen, erzählt die Bibel von einem rauschenden Hochzeitfest.

Im Großen und Ganzen geborgen 

Auf Sie und mich stürmt unendlich viel ein. Doch das Übermaß der Reize führt dazu, dass wir oft gar nicht mehr in Resonanz gehen können mit dem Erlebten. Mit dem Bild eines Musikinstrumentes gesprochen: Wenn der Resonanzkörper etwa eines Cellos mit Krimskrams gefüllt ist, kann er nicht mehr klingen. Ähnlich kann Freude in unserem Leben kaum zum Klingen kommen, wenn es vollgestopft ist von Plänen, Projekten und Eindrücken. Es braucht Zeit, Raum und Offenheit, damit ein liebevoller Blick oder aufmunternder Satz bei uns ankommen und Freude in uns wecken kann.

Seit jeher pflegt das Christentum eine Kultur von Muße und Innehalten – etwa durch Gebet, Stille und die Feier des Sonntags. Der Theologe Johann Baptist Metz formulierte einmal, Unterbrechung sei die kürzeste Definition von Religion – ich finde, eine sehr gelungene Definition. Denn religiöses Leben will mich immer wieder heilsam unterbrechen. Es kann mich herausholen aus meinem Kreisen um mich – aus meiner Angst, Sorge oder Geschäftigkeit – und öffnen für die Gegenwart eines Größeren, in das mein Leben eingebettet ist. 

Ein wunderbares Bild für diese mystische Erfahrung findet sich in der Apostelgeschichte: In ihr, der göttlichen Liebe, „leben wir, bewegen wir uns und sind wir“ (vgl. Apg 17, 29). Wir bewegen uns immer schon im Raum der Liebe – und das taucht uns und die ganze Welt in ein neues Licht. Angst flacht ab.
 
Vertrauen keimt auf, dass die Welt im Letzten im Lot ist – auch wenn vieles nicht aufgeht und unverständlich bleibt. Aus christlicher Sicht findet Freude ihren tiefsten Grund in der gläubigen Erfahrung, in Gott Geborgenheit zu finden. Und in der Hoffnung: Nichts und niemand kann tiefer fallen als in Gottes Hand. Eine solche Heiterkeit des Herzens leugnet Leid und Schmerz nicht. Sie trägt sie in der Tiefe.

Warum Freude die Welt retten kann

Wenn wir an etwas echte Freude haben, dann weckt dies fast automatisch Achtung, Respekt und Sorgfalt. Und unser Verhalten verändert sich: Wer Freude an der Natur empfindet, schützt sie eher. Wer Freude an Gemeinschaft erlebt, handelt solidarischer. Es ist die Summe dieses alltäglichen Verhaltens, die eine große Wirkung erzielt. In diesem Sinne rettet Freude die Welt. 

Das Schöne und Ermutigende: Unsere beste Verbündete ist die echte, lebendige Welt. Die Erde, die uns mit jedem Frühling dazu anhält, der Freude Raum zu geben. Und die uns mit jedem neugeborenen Kind einlädt, uns ins Leben zu verlieben. Und für es einzustehen.
 
Melanie Wolfers
 

Die Autorin

Melanie Wolfers (geb. 1971) ist Rednerin, Beraterin und Autorin. Die promovierte Philosophin und Theologin lebt seit 2004 in der internationalen Ordensgemeinschaft der Salvatorianerinnen in Wien. Sie betreibt den Podcast „GANZ SCHÖN MUTIG“ und moderiert im ZDF die Talksendung „die letzte Bank“. 
www.melaniewolfers.de
 

Vortrags- und Gesprächssabende

Im September finden im Erzbistum Freiburg folgende drei Vortrags- und Gesprächsabende mit Melanie Wolfers zum Thema „Freude – Das Leben ins Herz schließen“ statt:
Donnerstag, 17. September, 19.30 Uhr, Katholisches 
Gemeindehaus, Goethestraße 6, Haslach im Kinzigtal
Freitag, 18. September, 19 Uhr, Buchhandlung Augustiniok, Langestraße 29, Waldkirch
Sonntag, 20. September, 17 Uhr, Pfarrzentrum Ernst Kneis Reichenbach, Busenbacher Straße 6, Waldbronn 
Eintritt: 12 Euro für Erwachsene, 
5 Euro für Schülerinnen/Studenten bis 21 Jahre