Der Papst ehrt Robert Schuman

15.09.2026 |

Der Papst besucht die alte Bergbau-Region Lothringen. Und ehrt damit auch einen Juristen, der zur Gründerfigur der Europäischen Union wurde – obwohl er eigentlich lieber Priester geworden wäre: Robert Schuman.

Büste Robert Schumans in Brüssel. Der französische Politiker gilt als einer der Gründerväter der europäischen Einigung und war erster Präsident des Europäischen Parlaments.
 
Europa genießt bei vielen derzeit nicht mehr das höchste Ansehen. Und es schwindet auch das historische Bewusstsein dafür, dass die Existenz der heutigen EU vor allem auf die Visionen und das hartnäckige Engagement christlich geprägter Politiker zurückgeht. Einer ihrer Vorreiter war der Franzose Robert Schuman (1886-1963), erster Präsident des Europäischen Parlaments, das 1958 erstmals zusammentrat. Es hat ihm später den Ehrentitel "Vater Europas" verliehen.
 
Tatsächlich war Schuman buchstäblich der geborene Europäer: Seine Heimat lag auf der Grenze zwischen Luxemburg und Lothringen – das 1871 an das Deutsche Reich fiel. Im Ersten Weltkrieg diente er noch als Reservist im deutschen Heer. Nach der Abtrennung Elsass-Lothringens jedoch wurde der Grenzgänger, der in Metz als Rechtsanwalt tätig war, Franzose und 1919 junger Abgeordneter der Pariser Nationalversammlung. Und bei Metz lebte und starb er auch 1963. Die europäische Tradition, die Stadt und die Region bleiben eng mit ihm verbunden. Auch deshalb predigte 1988, rund ein Jahr vor dem Fall des Eisernen Vorhangs, Papst Johannes Paul II. vor dem EU-Parlament über die geistige Einheit des damals noch in Ost und West geteilten Europas. Daran wird wohl nun auch Leo XIV. anknüpfen, wenn er am 28. September an die Mosel kommt.
 
Robert Schuman wollte eigentlich Priester werden
 
Nach dem frühen Tod seiner Eltern hatte Schuman eigentlich Priester werden wollen. Doch Freunde überzeugten ihn, dass die Welt tüchtige Laien brauche – und dass die Heiligen des 20. Jahrhunderts Straßenanzüge trügen. So schlug der umfassend Begabte eine Karriere als Jurist und aktiver Laienkatholik ein.
Bereits in den 1920er Jahren knüpfte Schuman ein dichtes Netz von Kontakten mit christlich-demokratischen Politikern aus ganz Europa, etwa Konrad Adenauer oder dem Italiener Alcide de Gasperi. Diese Beziehungen sollten nach 1945 Früchte tragen. Doch zunächst geriet Schuman als Unterstaatssekretär für das Flüchtlingswesen in Gegensatz zu Philippe Pétains Vichy-Regierung. Im Herbst 1940 wurde er als erster prominenter französischer Politiker verhaftet.
 
Nach seiner Flucht aus der Gestapo-Haft im August 1942 versteckte sich Schuman bei Benediktinern, mit denen ihn enge Freundschaft verband. Er arbeitete nun im Widerstand. 1945 gründete er die Christlich-Demokratische Partei.
 
Zwischen 1947 und 1953 gehörte Schuman allen schnell wechselnden französischen Regierungen an - zunächst als Finanzminister, dann als Premier- und Außenminister. Gegen die Anfeindung der Gaullisten betrieb er mit Energie seine Idee einer europäischen Einigung und deutsch-französischen Annäherung. Auch die Straßburger Konvention für die Menschenrechte und Grundfreiheiten von 1950 gilt als sein Werk.
 
Eine Perspektive für Frieden in Europa
 
Fünf Jahre nach Kriegsende, im Mai 1950, wurde der sogenannte Schuman-Plan vorgestellt. Der damalige Außenminister sah darin eine "Montanunion" zwischen Frankreich und Deutschland vor, also eine behördliche Aufsicht über die Stahl- und Kohleproduktion beider Länder. Die gemeinsame Bewirtschaftung der zentralen Stoffe der Rüstungsindustrie durch die einstigen Erbfeinde war für Schuman aktive Friedenspolitik. Dieses Instrument, das auch dem Beitritt anderer Länder offen stand, sollte zur Keimzelle der europäischen Einigung werden - die heute weit über den einst Eisernen Vorhang ausgreift. Die Stadt Aachen verlieh Schuman dafür 1958 den Karlspreis. Noch weiter reichende Elemente der Integration, etwa eine Europäische Verteidigungsgemeinschaft, scheiterten damals an nationalen Widerständen.
 
Hilflos in Eiseskälte
 
Im Winter 1961 erlitt der Junggeselle Schuman bei einem Abendspaziergang einen Herzinfarkt. Die ganze Nacht blieb er hilflos in Eiseskälte liegen – und erholte sich nie mehr ganz davon. Am 4. September 1963 starb Robert Schuman, 77-jährig, in seinem Landhaus in Scy-Chazelles bei Metz.
 
Ein "ewiges Vorbild für alle Verantwortlichen am Aufbau Europas" nannte Papst Johannes Paul II. (1978-2005) Schuman 1988 vor dem EU-Parlament. Der Seligsprechungsprozess für den überzeugten Christen, der auch als Regierungschef täglich die Messe besuchte, läuft seit 1990.
 
Bald könnte sein Verdienst, die Vision eines geeinten Europa nach Zeiten des "totalen Krieges" in politische Realität umgesetzt zu haben, noch einmal belohnt werden. 2021 sprach Papst Franziskus Schuman den sogenannten heroischen Tugendgrad zu. Damit gilt er nun offiziell als besonderes Glaubensvorbild – eine essenzielle Voraussetzung für eine Seligsprechung. Womöglich hat Franziskus' Nachfolger ja in Metz auch in dieser Causa etwas mitzuteilen.
 
Alexander Brüggemann