Frankreichs Erwachsenentaufen entstehen aus spiritueller Erfahrung
20.10.2026 |
Die Zahl katholischer Taufen von Erwachsenen und Jugendlichen in Frankreich, vor allem in Vorstädten, ist vielen ein Rätsel. Selbst Kirchenverantwortliche staunen. In den Nachbarländern will man das natürlich auch gern haben. Nur: Der kirchliche Nährboden enthält überall ganz unterschiedliche Substrate.
In Frankreich lassen sich immer mehr Jugendliche und Erwachsene taufen. Ihre Geschichten zeigen: Oft sind persönliche Krisen, spirituelle Erfahrungen und Begegnungen mit gläubigen Menschen der Ausgangspunkt für die Suche nach Gott. Für die Kirche ist der Zulauf Geschenk und Auftrag zugleich.
Die Auseinandersetzung mit dem Phänomen Erwachsenentaufen, bislang ein Thema für Pastoraltheologen und Spezialisten, gewinnt in Europa derzeit rasant an Dynamik. Der Analyse einer Fact Finding Mission nach Frankreich vorangestellt sei, quasi als Grundthese, das berühmte Karl-Rahner-Zitat aus dem Jahr 1966: «Der Fromme von morgen wird ein Mystiker sein; einer, der etwas erfahren hat - oder er wird nicht mehr sein.»
Nathalie B. leuchtet. Von innen. Aber so richtig! Seit Ostern ist die 48-Jährige aus Créteil im Süden von Paris neu getauft - und sehr glücklich damit. Dabei ist das, was sie aus der Geschichte ihres Lebens erzählt, ein ganz schönes Päckchen. Die Eltern trennten sich früh. Durch den Vater hat sie zehn Halbgeschwister, die ein Zirkusleben leben und die sie nur selten treffen kann.
Nathalie blieb damals bei der Mutter, die nicht religiös war. Vom Vater kannte sie Jesus, erzählt sie. Doch eines Tages, sie war sechs, eine persönliche Katastrophe: Ihre alleinerziehende Mutter nahm sie mit zur Arbeit, einem TV-Sender. Und ganz allein im Raum musste die Sechsjährige dort den Zefirelli-Film «Jesus von Nazareth» ansehen, der auf einem Bildschirm lief. So viel Hass gegen Jesus, so viel Gewalt - warum? Für Nathalie ein Trauma. Seitdem hatte sie große Angst vor dem leidenden Christus und vor dem, was ihm angetan wurde.
Doch die beiden begegneten sich wieder. Mit 20 heiratete Nathalie - einen Zirkus-Artisten, der unmittelbar nach ihrer Hochzeit vom Seil stürzte und über Monate im Koma lag. In Nathalies Verwirrung und Verzweiflung, so erzählt sie, erschien ihr Jesus im Traum und spendete ihr Trost; eine Art Versöhnung zwischen den beiden.
Die Geschichte ging dann weiter: die Geschichte von Nathalies Leben, und auch ihr religiöser Weg. 25 Jahre lang; sie ging ihn ganz für sich allein. Bis die Kindergärtnerin vor drei Jahren, mit 45, entschied: Ich möchte jetzt getauft werden. Und von da an gingen andere mit auf ihrem Weg.
Nathalies Geschichte ist eine von Tausenden in Frankreich. Und die Zahlen steigen. Taufen von Erwachsenen und Jugendlichen, in den Pariser Vorstädten und im ganzen Land, machen mittlerweile rund zehn Prozent aller Taufen dort aus. Die Zahl nationaler und internationaler Konferenzen zum Thema steigt ebenfalls. Auch die Deutsche Bischofskonferenz entsandte zuletzt Experten dorthin, um zu verstehen: Warum gerade hier?
Sophie L. ist eine Frohnatur, Schulseelsorgerin an der katholischen Gesamtschule Sainte Marie in Créteil. Woher der neue Boom kommt? - Sie zuckt mit den Schultern: «Frag ihn da oben!» Sie könnte ja behaupten, dass sie hier in der Schule einfach einen Super-Job macht ... Aber: «Das ist es ganz bestimmt nicht.» Es sind aber auch nicht - da ist sich Sophie sicher - nur die Sozialen Medien; auch wenn sie, gerade bei Jugendlichen, eine wichtige Rolle spielen.
Denn die jungen Leute binden sich nicht gern an Termine; sonntagvormittags um X Uhr oder dienstagabends im Gemeindesaal Y. Sie wollen Angebote da, wo sie gerade Zeit und Lust haben, sagt die Erzieherin: per Handy-Abruf an der Bus- oder Métro-Haltestelle oder auf dem Pausenhof.
Da können dann auch Videos wie das des YouTubers Constant aus Créteil - der inzwischen ins Priesterseminar eingetreten ist - über 100.000 Mal geklickt werden. Er etwa bot einfach einen Raum zum Stillwerden an, zum persönlichen Gebet. Auf diese oder andere Weisen erklärt er, wie Glauben so geht. Doch der erste Impuls kommt meist nicht von solchen digitalen Missionaren, wie die Gespräche mit Tauf- und Firmbegleitern ergeben. Solche Infos und Inhalte aus dem Netz ziehen sich die Jugendlichen erst, nachdem etwas oder jemand anderes in ihrem Leben ihr Interesse geweckt hat.
Das kann ein Freund sein oder eine Verwandte, die religiös lebt oder empfindet. Ein schicksalhafter Einschnitt, eine persönliche Bedrängnis; ein Moment, in dem man nicht mehr wusste, wo es weitergeht. Recht häufig fällt etwa das Wort Großmutter. Oft in Familien ist sie es, die als letzte oder einzige noch den katholischen Glauben lebt und praktiziert; und sie war oder ist es, die sich noch bemühte, das auch weiterzugeben.
Dem Firmbegleiter Thierry C. sind schon viele solcher Beispiele begegnet. Thierry, ein Kerl wie ein Baum, Ende 40, hat erst vor zwei Jahren geheiratet - er und seine Frau Cathérine wollen, als gemeinsames Eheprojekt, anderen auf ihrem Weg zum Glauben helfen. Diese ehrenamtlichen Begleiterinnen und Begleiter - 530 sind es allein in Créteil - sind rund zwei Jahre persönliche Lehrer, Gesprächspartner und Berater für die Tauf- oder Firm-Anwärter. Man trifft sich von Zeit zu Zeit, spricht über Themen, Fragen und Nöte.
Als ein wichtiges Motiv der Hinwendung zur Religion nennt Thierry ein Phänomen der Großstadt, namentlich von Paris: «métro, boulot, dodo». Der ewige Trott aus langem Arbeitsweg, Job und Schlafen - «er reicht vielen irgendwann nicht mehr». Doch es kann Jahre dauern, bis sich das Bedürfnis nach «etwas anderem» endlich Bahn bricht. Beobachter sehen auch die Corona-Zeit als einen wichtigen Katalysator dafür: eine Zeit, in der Trott und äußere Zwänge für viele plötzlich wegfielen - und sich dafür die Frage nach dem Sinn stellte.
Sie lernten auch viel über sich und ihren Glauben, berichten fast alle Firm- und Taufbegleiter. Ein wichtiges Prinzip ist Freiwilligkeit - auf beiden Seiten. «Wir sind nicht ihre Mutter!», betont Béatrice M. aus Vincennes, einer Pfarrei mit derzeit 60 Taufbewerbern. «Wir sind nur Begleiter auf einem Stück Wegs - und wenn jemand nicht mehr kommen mag oder kann, dann können wir das nicht verordnen.»
Tatsache ist aber auch: Im stark säkularen Frankreich werden immer weniger Neugeborene und Kleinkinder getauft - so dass schon rein zahlenmäßig deutlich mehr Kapazitäten für Jugend- und Erwachsenentaufen vorhanden sind. Auch haben der frühere Kurienkardinal Walter Kasper und andere völlig Recht, wenn sie bemängeln, bislang lägen noch kaum belastbare wissenschaftliche Studien zu dem Phänomen vor. Derzeit ist in Frankreich eine große Untersuchung in Vorbereitung.
Was aber allen in Deutschland klar sein muss, die von einer Übertragbarkeit des Phänomens träumen, sofern man nur klug genug von Frankreich lerne: Die tiefe Spiritualität und die bildhaft-begeisterte, ja bisweilen blumige Rede über Religion und Glaubenserfahrung in Frankreich ist fundamental verschieden von gut eingeübter deutscher Nüchternheit und Vernunftsteuerung. Wer als Deutscher in Frankreich mit Taufbewerbern und -begleitern spricht, könnte durchaus Mühe haben, auf deren Erfahrungen und Empfindungen mit gleicher Offenheit antworten zu können. Katholiken in Deutschland sind schlicht kaum gewohnt, so ans persönlich Eingemachte zu gehen.
In Deutschland gibt es ein amtskirchlich abgefedertes Dazwischen von Christ, Gemeinde und Bistum - Gremienarbeit etwa, Strukturdebatten -, über das man trefflich ringen und in das man sich verkrümeln kann, bevor es an die ganz persönliche Christus-Beziehung oder ein ganz persönliches Zeugnis geht. In der Pariser Vorstadt geht man in die Kirche, weil man etwas von und mit Gott erleben will, nicht weil man es so gewohnt ist. Und weil man im Zweifel bereit ist, sich wirklich anfragen zu lassen und einzubringen.
Karl Rahner - um zum Eingangszitat zurückzukommen - hat schon vor 60 Jahren vorausgesehen, dass sich Kirche von einer selbstverständlichen Volkskirche hin zu einer Kirche des persönlichen Glaubens entwickeln wird. Ein Christ wird nur noch dann lebendig glauben können, wenn er eine unmittelbare, innere Gotteserfahrung gemacht hat - und im Zweifel nicht dort, wo er von außen auf quasi vereinsmäßig organisierte Strukturen blickt und sich fragt, ob er hier Mitglied werden will.
Tatsächlich: Bei weitem nicht alle Neugetauften in Frankreich finden ihren Platz in einer Kirchengemeinde. Nach Angaben der Begleiterinnen Béatrice und Danièle bleibt etwa die Hälfte der Neugetauften («Neophyten») auch nach der Taufe weiter in den Gemeinden sichtbar. Allerdings ist die Mobilität in den Vorstädten groß, zumal in der Uni-Stadt Créteil: Menschen ziehen um, wechseln den Job, ziehen weiter, kehren in ihre Heimatländer zurück.
Vielleicht sind Gemeindezugehörigkeit und Messbarkeit auch ein desto größerer Erfolgsmaßstab, je größer volkskirchliche Restbestände sind. In vielen Ländern Europas wächst die Zahl der Erwachsenentaufen - interessanterweise vor allem in jenen, in denen die Kirche schwächer gesellschaftlich etabliert ist, zum Beispiel in Skandinavien.
In Frankreich - auch das muss wahrnehmen, wer einen solchen Boom «auch haben» will - hat das Umdenken hin zu einer Diaspora-Kirche und die Gelassenheit im Umgang mit «den anderen» bereits einige Jahrzehnte Vorsprung. Einen Aufschlag machte die Bischofskonferenz 1996 mit ihrem Papier «Proposer la foi» - den Glauben vorschlagen. Noch weit darüber hinaus gehen heute Bischöfe wie der Marseiller «Mittelmeer-Kardinal» Jean-Marc Aveline (67), der die bewusst gelebte «Nachbarschaft» zu Anders- oder Nichtgläubigen nicht als eine bloße Menschenfreundlichkeit wertet, sondern bereits als einen ersten dialogischen Erfolg im Christ-Sein.
Der frühere Erzbischof von Poitiers, Albert Rouet (90), dankt ausdrücklich den religiös Desinteressierten - weil sie die Christen über ihren eigenen Glauben neu nachdenken und staunen lassen. Religiöse Gleichgültigkeit nicht als Problem, sondern als Herausforderung, als ein Anlass zum Gespräch, auch als Quelle von Selbsterkenntnissen: Von solchen Ansätzen sind viele in einer Restvolkskirche noch einigermaßen entfernt.
Allerdings stehen selbst Kirchenverantwortliche und Bischöfe in Frankreich immer noch staunend vor ihrem Phänomen. Dennoch werden mehr und mehr Weichen so gestellt, dass «die Neuen» gut ankommen, gut begleitet werden - und auch bleiben können. Im Juni gab es eine landesweite Kirchenversammlung mit mehr als 300 Teilnehmern, um über die geistliche Begleitung von Anwärtern und Neugetauften nachzudenken. Dieser Tage wird dieser Prozess fortgesetzt; bis Ende 2028 soll er in konkrete Vorschläge zur Umsetzung in den Bistümern münden. Papst Leo XIV. nannte bei seinem jüngsten Frankreich-Besuch die Vielzahl der Täuflinge und Firmkandidaten ein Geschenk, aber auch einen Auftrag: Kirche und Gemeinden müssten die neue Nachfrage nach dem Glauben aktiv begleiten und langfristig in ihr Leben integrieren.