Die Feste „Allerheiligen“ und „Allerseelen“ stehen bevor. Sie stehen nicht für ein Irgendwo am Ende des Lebens, sondern lassen den Himmel in unsere (all-)tägliche Wirklichkeit hineinragen.
Ein Stück Himmel, der sich leuchtend und wärmend in unserer Mitte ausbreitet.
Einfach himmlisch! – mag es einer entfahren, wenn ein Moment „perfekt“ erscheint, vollendet und so dicht die Atmosphäre, dass sich nicht fassen lässt, was vor sich geht. Sprachlos staunen ist die angemessene Reaktion. Oder ein Stoßgebet gen Himmel schicken. Eine Bitte, dem Augenblick Ewigkeit zu verleihen: „Verweile doch, du bist so schön!“
„Himmlisch“ ist ein Kriterium, das für Qualität und Geschmack steht. Bei einem guten Essen, einer intensiven Begegnung kann sich für einen Moment der Himmel öffnen, unserem irdischen Tun Glanz verleihen. Wir leben vom Glanz!
Wie flüchtig das gleißende Licht eines Herbsttages auch sein mag, es hinterlässt einen Streifen Sehnsucht, eine Spur ins Morgen – wobei das nicht ausgemacht ist. Vielleicht geht es vielmehr um ein Abtauchen in die Gegenwart, das Hier und Jetzt, das Ertasten und Befühlen eines Stück Himmels, der sich leuchtend und wärmend in unserer Mitte ausbreitet. Zu den meditativen Gebetsschätzen der Christenheit gehören (für mich) die Litaneien, insbesondere die zu den Heiligen. Sie laden ein, sich hineinzustellen in den Strom der Freundinnen und Gefährten Jesu, der Zeugen und Glaubensbotschafterinnen seit dem Anbruch der „neuen Zeit“ in Israel/Palästina vor 2000 Jahren. Nicht zu vergessen die Wurzeln dieses Aufbruchs, von denen Jahrtausende alte Schriften berichten.
Angefangen bei den von Jesus Berufenen, „zählt“ die Allerheiligenlitanei weiter über die Jahrhunderte hinweg bis in die Gegenwart. Je länger diese Liste geführt, die Namen verlesen werden, desto berückender die Wirkung dieses Rituals. Zahlreich wie die Sterne am Himmel stehen die Lebensgeschichten dieser Menschen, fluten und erfüllen wie eine Woge den Kirchenraum, sodass wir alle eintauchen und uns tragen lassen dürfen vom Strom dieser „heiligen Zeit“.
Schau doch: Eine Treppe steht auf der Erde!
„Durch die Taufe gehörte sie Christus an; ihm ist sie gleichgeworden im Tod“: Der tröstliche Satz aus der Begräbnisliturgie reißt jede noch verbliebene Grenze zwischen Dies- und Jenseits, öffnet den Übergang von Hier nach Dort; vielleicht ist es eher ein Flur, auf dem man hin- und herwandeln kann? „Da hatte (Jakob) einen Traum: Siehe, eine Treppe stand auf der Erde, ihre Spitze reichte bis zum Himmel. Und siehe: Auf ihr stiegen Engel Gottes auf und nieder ...“ (Genesis 28, 12). Das kennen auch Menschen in Trauerphasen: Auf einmal ist da eine Verbindung, plötzlich erscheint es ganz selbstverständlich, dass der Verstorbene einfach „eine Etage höher“ unterwegs ist ...
Jesus hatte ein zwiespältiges Verhältnis zur Heiligsprechung, die man seinerzeit natürlich so nicht kannte. Scharfsinnig durchschaute er die Gewohnheit, für die Propheten Denkmäler zu errichten, „die von euren Vätern umgebracht wurden. Damit bestätigt und billigt ihr, was eure Väter getan haben.“ (Lukas 11,47–54)
Vergleichbares findet sich auch in der Christentumsgeschichte: Unbequeme Mahner, exzentrische Charismatiker und begabte Seherinnen wurden von der Kirchenleitung nach dem Tod „zur Ehre der Altäre“ erhoben, nicht zuletzt, um die Volksverehrung zu bändigen und gegebenenfalls durch Wallfahrten zu kanalisieren.
Das ändert nichts daran, dass die „Heiligen“ und „Seligen“ der Kirche im besten Sinne „Vor-Bilder“ sind für ein Leben mit dem Glauben; Zeitzeuginnen und Boten, an denen wir Heutigen uns orientieren können. Darum die beiden großen Feste im Jahr: „Allerheiligen“ am 1. November, „Allerseelen“ am 2. November. Verbunden durch die Erinnerung an die Verstorbenen des zurückliegenden Jahres mit der großen Schar der Erlösten.
Zu Besuch kommt: „das aufstrahlende Licht aus der Höhe
Allerheiligen ist nicht das Fest der großen und bedeutenden Namen, sondern eine Feier, die alle angeht: Die himmlische Heimat ist bereitet, unser Leben hat einen Weg und ein Ziel und einen Sinn. Wie das aussehen kann, schildern die biblischen Schriftsteller in vielfältigen Visionen: „Danach sah ich eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen; niemand konnte sie zählen. Sie standen vor dem Thron und vor dem Lamm, gekleidet in weiße Gewänder, und trugen Palmzweige in den Händen ...“ (Offenbarung 7, 9).
Der Himmel auf Erden verschwindet nicht nach den beiden Festen, auch wenn der November einen schlechten Ruf hat, was die äußeren Lichtverhältnisse und die innerliche Leichtigkeit betrifft. Das Jahr treibt dem Ende zu, doch wir dürfen hoffen: Aus dem tiefsten Dunkel heraus wird uns „das aufstrahlende Licht aus der Höhe besuchen/, um allen zu leuchten, / die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes, / und unsre Schritte zu lenken auf den Weg des Friedens“ (Lukas 1, 79).
Frieden empfangen und weitergeben, ist schon ein Anteil am „heiligmäßigen“ Leben. Ein Zeichen auf dem Weg, die Erfahrung von einem Stück „Himmel“ auf Erden.