Schutzbedürftig
19.06.2023 |
In dem Zusammenhang sei daran erinnert: Bevölkerungsbewegungen stecken im Erbgut aller europäischen Staaten. Aber diese Erkenntnis scheint verloren – oder verdrängt. Europa, viele Jahrzehnte lang Hochburg von Recht und Frieden, wirkt zunehmend unbeeindruckt vom Sterben im Mittelmeer, eine „seelenlose Festung, die nicht einmal mehr eine Seele zu suchen scheint“, wie es die italienische Zeitung „La Stampa“ zuletzt drastisch formulierte.
Im Jahr 2001 haben die Vereinten Nationen den 20. Juni zum „Weltflüchtlingstag“ erklärt. An Bedeutung hat der Tag wahrlich nicht verloren: Auch in diesem Jahr bedürfen über hundert Millionen Flüchtlinge und Vertriebene weltweit unserer Unterstützung und unseres Gebets. Es gilt mehr denn je, politischen Vertreterinnen und Vertretern im Bundestag und im Europäischen Parlament anzugehen und sie aufzufordern, sich für einen humanitären Flüchtlingsschutz ins Zeug zu legen. Wie der katholische Flüchtlingsbischof Stefan Heße, der jetzt seine Kritik an der EU-Asylpolitik wie am jüngst verabschiedeten Kompromiss der EU-Innenminister erneuerte. Wie die Kirchen in Deutschland zusammen, die sich zuletzt 2021 mit einem neuen, umfangreichen Papier („Migration menschenwürdig gestalten“) an Politik und Öffentlichkeit wandten. Für die Anliegen von Vertriebenen und Schutzsuchenden sensibel zu sein, gehöre „zum Kernbestand des christlichen Glaubens“, so sagte es der Hamburger Bischof. Man könnte auch sagen: zu seiner Seele.
Europa darf nicht zur seelenlosen Festung verkommen
Das Sterben im Mittelmeer geht weiter: Gerade hat ein schweres Bootsunglück wieder hunderte Menschen in den Tod gerissen. Viel zu viele waren in unverantwortlicher, entwürdigender Weise auf dem Fischkutter zusammengepfercht gewesen. Das Mittelmeer ist seit Jahren eine „Mordsee“: Menschen, die von Armut, Gewalt und Krieg getrieben werden, suchen in Europa ein besseres Schicksal. Legal einwandern können sie nicht, weil die Europäische Union ihre Einwanderungspolitik seit Jahren verschärft, angetrieben von rechtspopulistischen Parteien beziehungsweise ihrer Wählerschaft. Längst vergessen scheint das internationale Recht, die Genfer Flüchtlingskonvention. 1951 verabschiedet, sollte sie europäische Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg schützen und wurde 1967 ergänzt um das „Protokoll über die Rechtsstellung der Flüchtlinge“, mit dem die zeitliche und geografische Einschränkung aufgehoben wurden.
In dem Zusammenhang sei daran erinnert: Bevölkerungsbewegungen stecken im Erbgut aller europäischen Staaten. Aber diese Erkenntnis scheint verloren – oder verdrängt. Europa, viele Jahrzehnte lang Hochburg von Recht und Frieden, wirkt zunehmend unbeeindruckt vom Sterben im Mittelmeer, eine „seelenlose Festung, die nicht einmal mehr eine Seele zu suchen scheint“, wie es die italienische Zeitung „La Stampa“ zuletzt drastisch formulierte.
Im Jahr 2001 haben die Vereinten Nationen den 20. Juni zum „Weltflüchtlingstag“ erklärt. An Bedeutung hat der Tag wahrlich nicht verloren: Auch in diesem Jahr bedürfen über hundert Millionen Flüchtlinge und Vertriebene weltweit unserer Unterstützung und unseres Gebets. Es gilt mehr denn je, politischen Vertreterinnen und Vertretern im Bundestag und im Europäischen Parlament anzugehen und sie aufzufordern, sich für einen humanitären Flüchtlingsschutz ins Zeug zu legen. Wie der katholische Flüchtlingsbischof Stefan Heße, der jetzt seine Kritik an der EU-Asylpolitik wie am jüngst verabschiedeten Kompromiss der EU-Innenminister erneuerte. Wie die Kirchen in Deutschland zusammen, die sich zuletzt 2021 mit einem neuen, umfangreichen Papier („Migration menschenwürdig gestalten“) an Politik und Öffentlichkeit wandten. Für die Anliegen von Vertriebenen und Schutzsuchenden sensibel zu sein, gehöre „zum Kernbestand des christlichen Glaubens“, so sagte es der Hamburger Bischof. Man könnte auch sagen: zu seiner Seele.
Brigitte Böttner