Falsches Rezept
23.07.2024 |
An der Hilfe für Notleidende sparen, verschärft menschliche Krisen
Ein Zelt, in dem vier bis sechs Personen auf vier bis fünf Quadratmetern leben, es gibt vielleicht ein paar Decken, ein paar Töpfe, es gibt Cholera. Und unfassbar viel Gewalt. Allein um die Stadt Goma im Ostkongo herum gibt es 700 000 Inlandsvertriebene, die unter schlimmsten Bedingungen dort campieren, in sehr einfachen Lagern, wo Frauen beim nächtlichen Gang zur Latrine riskieren, Opfer einer Vergewaltigung zu werden. Selbst nach 32 Berufsjahren bei Caritas international sei ein Besuch in Goma für ihn immer noch eine Herausforderung mit Grenzwert, sagt Oliver Müller, heute Leiter des in Freiburg ansässigen kirchlichen Hilfswerks.
Goma ist eine der schwersten humanitären Krisen weltweit, doch es gibt viele von diesen „vergessenen Katastrophen“, oft in wenig bekannten Ländern wie Burkina Faso, Mali oder Bangladesch. „Mittel für humanitäre Hilfe zu kürzen, kann kein Rezept sein zur Bewältigung globaler Krisen“, kommentiert Müller denn auch die absehbaren Einschnitte im Haushalt der Ampelkoalition. Dabei hatten sich Kanzler und Vize dutzende Male mit dem Finanzminister getroffen, um Einsparmöglichkeiten auszumachen und dabei – nach eigenem Bekunden –„jeden Stein umgedreht“. Wie klagen (oder eher poltern) auf hohem Niveau mutet da die Reaktion des Verteidigungsministers an, der „nur“ eine statt sechs Milliarden Euro mehr erhalten soll. Denn andere Bereiche haben echte Einschnitte hinzunehmen. Die eine Milliarde für den Wehretat könnte genau die sein, die das zuständige Auswärtige Amt, zuständig unter anderem für die humanitäre Hilfe und die Entwicklungshilfe, 2025 weniger zur Verfügung haben soll: 2,2 statt 3,2 Milliarden im Vorjahr. Dabei ist die Zahl der Krisen und Kriege in den vergangenen Jahren stetig gewachsen.
Unter geopolitischen Gesichtspunkten muss die finanzielle Neuausrichtung des nächsten Haushalts verhängnisvoll erscheinen, wenn der Rotstift ausgerechnet bei der Nothilfe für Menschen ansetzt. Denn damit würden Krisenländer weiter destabilisiert. Und die Konflikte exportiert: durch Flucht und Vertreibung, Seuchen und Gewalt. Und was nützte dann die Milliarde mehr beim Verteidigungsminister?
Mehr als 200 000, diese Zahl sei zum Schluss angeführt, und sie taugt zur Ermutigung – so viele Menschen haben Caritas international letztes Jahr unterstützt. Als Privatperson. Weil es christlich und ethisch geboten ist. Und auch Selbstschutz.
Brigitte Böttner