Leerstelle
22.10.2024 |
Die Jugend fällt vom Glauben ab – das kann erschrecken
„Mehr junge Männer sind rechts“, titelte meine Tageszeitung zur Vorstellung der neuen Shell-Jugendstudie in der vergangenen Woche. Die Themen der 19. Umfrage unter 2500 Jugendlichen zwischen zwölf und 25 Jahren reichen von der Einstellung zu Familie und Freunden über die politische Orientierung bis zu aktuellen Konflikten in der Welt.
Breiten Raum nimmt bei der Jugendstudie der Bereich „Werteorientierung“ ein; dazu zählt auch die Glaubensfrage. Der Befund ist – diesmal und erneut – mehr als ernüchternd: Insbesondere bei katholischen Jugendlichen ist der Glaube an Gott rückläufig, so die Zusammenfassung der Studienautoren. Mit Blick auf die Gesamtheit der Zwölf- bis 25-Jährigen habe sich die Bedeutung, die die Jugend dem Gottesglauben beimisst, im langfristigen Zeitverlauf zwar kaum verändert. Doch speziell bei jungen Menschen, die der römisch-katholischen Kirche angehören, verliert die Gottesfrage seit 20 Jahren dramatisch an Attraktivität. 2002 nannten noch die Hälfte (51 Prozent) der befragten Katholiken den Glauben als für sich bedeutsam, heute nur noch 38 Prozent.
Eine Entwicklung, die nicht nur für jene schmerzhaft sein dürfte, die Glauben und Gottvertrauen als hilfreich und lebensförderlich erfahren. Und die mitbekommen, welche aktuellen und absehbaren Aufgaben junge Leute herausfordern. Könnte eine Verwurzelung in der Religion nicht eine stabile Basis sein, von der aus sich das Leben betrachten und gestalten lässt? Könnte glauben nicht auch zuversichtlich machen? Religiöse Unkenntnis und Glaubensverlust markieren eine Leerstelle im Lebenslauf. Kirchliche Familienfeste, Ministranten- und Jugendarbeit schaffen Erinnerungen fürs Leben, vermitteln Teamgeist und Selbstbewusstsein. Wo sonst gibt es in unseren Breiten ernstzunehmende Begleit- und Übergangsrituale beim Erwachsenwerden?
Angesichts dieser Fragen sollten nicht nur Familien und Kirchen, sondern die Gesellschaft insgesamt Interesse haben, jungen Menschen die freiheitsliebenden, entwicklungsförderlichen Elemente des Glaubens anzubieten. Schon deshalb, weil das Lern- und Lebensfeld „Glaube (an Gott)“ das Zeug dazu hat, Radikalisierungstendenzen entgegenzuwirken – weil das hier niemand braucht. Den für den Umbau des kirchlichen Lebens und Arbeitens Verantwortlichen sei geraten, das Angebot für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene „on Top“ der Agenda setzen – als Zukunftsinvestition.
Brigitte Böttner