„Es gibt einen Zustand, wo Worte keine Rolle mehr spielen.“

22.06.2026 |

Es war ein verrücktes Vorhaben: Der Stuttgarter Künstler Daniel Beerstecher wanderte ein Jahr schweigend durch Deutschland – in einer lauten Zeit. Um zuzuhören, 365 Tage lang. Bis jetzt. Was er dabei gelernt hat.

Der Künstler Daniel Beerstecher zu Beginn seiner einjährigen Schweigewanderung durch Deutschland vor der katholischen Kirche Sankt Maria in Stuttgart.
 
Wenn man ein Jahr schweigend durch Deutschland gewandert ist – welche ersten Worte würde man dann sprechen und zu wem? Der Stuttgarter Performance-Künstler Daniel Beerstecher beendete jetzt seine Schweigewanderung quer durch die Republik, in der er sich „ganz der Kraft des Zuhörens widmen“ wollte.
Seine „letzten Worte“ vor seinem großen Schweigen hatte er im Juni 2025 an seine Ehefrau gerichtet.
 
„Danke, dass Du in meinem Leben bist.“ Jetzt, 365 stille Tage später, sprach er im evangelischen Bildungszentrum Hospitalhof in Stuttgart seine „ersten Worte“. Beerstecher stand auf dem Podium und sagte mit ruhiger, leiser Stimme erst nur zwei Worte: „Danke. Danke.“ Er sei dankbar, „dass ich diese wunderbare Erfahrung machen durfte“.
 
„Dankbarkeit macht den Raum größer“
 
Dankbarkeit sei vielleicht das, was ihn am meisten getragen habe auf seiner nicht einfachen Reise: „Wenn es schwierig wird, verengt sich der Blick“, resümierte Beerstecher. „Dankbarkeit macht das Schwere nicht ungeschehen, aber sie macht den Raum wieder größer.“ An seine Ehefrau gerichtet, sagte der 46-Jährige: „Es war keine leichte Zeit.“ Er danke ihr für ihre große Unterstützung.
 
Gemeinsam mit dem Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich blickte Beerstecher zurück. Ullrich bezeichnete die „Langzeit-Performance“ von Beerstecher als einzigartiges Projekt und „existenzielle Herausforderung“. Beerstecher habe sich mutig in einen Ausnahmezustand begeben. 
 
Interview mit einem Schweigenden
 
Innerhalb eines Jahres hat Daniel Beerstecher zu Fuß eine gewaltige Strecke zurückgelegt. Er sagte: „Ich möchte auch meinen Füßen danken, sie haben mich 3.500 Kilometer durch Deutschland getragen.“ Trotz Blasen, Frostbeulen und einem 20 Kilogramm schweren Rucksack.
 
Der Künstler setzte sich mit zunächst fremden Menschen an allen möglichen Orten zusammen und hörte ihnen einfach zu, auch in Museen, Kirchen und sozialen Einrichtungen. Als vor einem Jahr in Stuttgart seine ungewöhnliche Wanderschaft begann, saß er vor der Kirche Sankt Maria. An seinem Hemd hatte der asketisch wirkende Mann mit den neugierigen Augen ein Ansteckschild: „Ich bin für ein Jahr im Schweigen. Aber ich höre Dir gerne zu.“
 
Stille suchen in einer lauten Welt
 
Beerstecher beantwortete Fragen, indem er nickte, lächelte, den Kopf schüttelte oder kurze Antworten auf einen Zettel schrieb. Etwa auf die Frage, ob solch ein Vorhaben, ein Jahr lang kein Wort zu sprechen, nicht ziemlich verrückt sei? „Es war von Anfang an verrückt“, schrieb er in einem „Interview“ mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Der Grund für sein Vorhaben: Die Welt kam ihm immer lauter vor. Dem wollte er „als Kontrast die Stille entgegenstellen“.
 
Wenn Worte keine Rolle mehr spielen
 
Nach dem jetzigen Projekt „Ich höre zu – Ein Jahr im Schweigen“, bei dem er immer wieder bei „Gastgebenden“ unterkam oder in der freien Natur übernachtete, zog er nun ein Fazit: Wenn bei einem Gespräch einer schweigt, dann könne die Verbindung zum Gesprächspartner viel tiefer werden, „als wenn man immer gleich überlegt, was man als Nächstes sagt, noch bevor der andere ausgeredet hat“.
 
Manchmal machte er auch fast spirituelle Erfahrungen. „Es gibt einen Zustand, wo Worte keine Rolle mehr spielen.“ Das habe er punktuell sowohl bei der Wahrnehmung der Natur als auch in der Begegnung mit Menschen erfahren. „Wenn man ganz präsent ist und zeigt: Ich bin da.“ Die Stille habe ihn gelehrt, mit seinen vorher oft grüblerischen Gedanken „gut zu sein“.
 
Im Zufall Gott sehen
 
Die Erlebnisse auf seiner einjährigen Schweige-Route von Stuttgart über Frankfurt und Köln im Westen bis Hamburg und Lübeck im Norden nach Leipzig und Dresden im Osten sowie München, Konstanz und Freiburg im Süden will er nun aufschreiben. „Es ist ein Buch geplant“, kündigte er an.
 
Er wolle aber „keine falsche Romantik“ erzeugen. Er habe „Ängste gehabt, zu scheitern mit diesem Projekt: Die haben mich ein dreiviertel Jahr der Reise begleitet“. Je weniger er aber versucht habe, „die Dinge zu kontrollieren“, desto mehr sei Schönes und Überraschendes passiert. Dieses Vertrauen ins Leben könne man auch Vertrauen in Gott nennen, sagte Beerstecher und fügte leise hinzu: „Wenn man irgendwann nicht mehr an Zufälle glaubt.“
 
Norbert Demuth (KNA)