Tag 7: Zwischen Sightseeing und einem kritischen Blick auf die Geschichte

03.08.2023 |

Die Anstrengungen der letzten Tage machen sich bemerkbar. Wir lassen es darum etwas ruhiger angehen, erkunden die Stadt und wandern dabei auch durch die portugiesische Geschichte.

Gegen halb acht erwachen wir. So gut haben wir lange nicht geschlafen. Mit dem heutigen Tag sind wir bereits eine Woche gemeinsam unterwegs. Neben all den schönen Begegnungen, Erlebnissen, Einblicken und Ausblicken, sind wir auch erschöpft. Die kurzen Nächte machen sich bemerkbar. Darum lassen viele von uns diesen Tag ruhiger angehen, auch meine Mitpilgerin und ich.
 
Wir frühstücken in Ruhe Brote mit Butter und Honig oder Käse und quatschen ein wenig mit unserer Gastfamilie. Die Kinder sind sehr aufgeregt, dass wir da sind. Aber auch zurückhaltend. Leider können wir kein Portugiesisch. Die Eltern sprechen jedoch sehr gut Englisch, sie geben uns Tipps mit auf den Weg, wo wir mit unseren Food Vouchers essen können.
 
Am frühen Nachmittag treffen wir uns als Gruppe zu einer gemeinsamen Stadtführung. Claudia Rutschmann lebt seit fast zwanzig Jahren in Lissabon. Mit einem leichten bayerischen Dialekt führt sie uns durch die Straßen und gleichzeitig durch über 3000 Jahre Stadtgeschichte.
 
Über dem Stadtzentrum thront die Burg „Castelo de São Jorge“, die vor wenigen Jahrzehnten restauriert wurde. 
 
Nicht zu übersehen ist die Burg „Castelo de São Jorge“, die über dem historischen Stadtzentrum thront. Die ursprüngliche Burg bauten die Mauren um das 11. Jahrhundert. Sie befindet sich auf dem einzigen Hügel mit unterirdischem Süßwasser. „Was wir heute als Burg sehen, das ist noch keine hundert Jahre alt“, erklärt Claudia Rutschmann das etwas zu symmetrische Gemäuer. Die Burg sei einer „Fantasieruine“ aus dem Mittelalter nachempfunden.
 
Ein großer Einschnitt in die Stadtgeschichte war der Tag des großen Erdbebens am 1. November 1755. Gemessen an der heutigen Richterskala erreichte es eine Stärke von acht bis neun. Das Beben sowie eine einhergehende Tsunamiwelle und ein Großbrand zerstörten damals etwa zwei Drittel der Stadt. Auch heute noch ist Lissabon eine von Erdbeben gefährdete Region. „Durch die Katastrophe konnte man auf dem Reißbrett eine moderne Stadt planen“, erklärt Claudia Rutschmann das heutige Stadtbild.
 
Jedes Jahr erinnern am 25. April tausende Menschen auf dem "Largo do Carmo" an die sogenannte Nelkenrevolution. Sie brachte die Diktatur in Portugal zu Fall.
 
Mit dem „Largo do Carmo“ wartet ein weiterer geschichtsträchtiger Ort auf uns: Jedes Jahr erinnern am 25. April tausende Menschen auf diesem Platz an die sogenannte Nelkenrevolution im Jahr 1974. Der Hauptsitz der Nationalgarde grenzt direkt daran an. Die Nelkenrevolution war ein nicht blutiger Militärputsch, der über 40 Jahre Diktatur innerhalb eines Tages beendete. Die Bevölkerung kaufte damals rote Nelken und steckte sie in die Gewehrläufe der Soldaten – so ist der Name entstanden.
 
Einen kritischen Blick auf die portugiesische Geschichte wirft dagegen das „Youth Hearing“, zu dem der Bund der Katholischen Jugend (BDKJ) eingeladen hat. Die angekündigten Themen Klimagerechtigkeit und Kolonialismus sprechen viele junge Menschen an, sodass der kleine Saal im Goethe-Institut bis auf den letzten Platz belegt ist und keine weiteren Pilgerinnen und Pilger mehr eingelassen werden können.
 
Das Podium zu den Themen Kolonialismus und Klimagerechtigkeit ist gut besucht. Auf der Bühne sprechen unter anderen der portugiesische Umweltaktivist Danilo Moreira und der Augsburger Bischof Bertram Meier.
 
„In Portugal gibt es eine Verleumdung der Geschichte: Immer wieder geht es darum, dass Portugal ein freundlicher Kolonialherr war“, kritisiert Danilo Moreira, portugiesischer Umweltaktivist und Gast auf dem Podium. Ein seit Jahren geplantes Denkmal, dass an die Kolonialzeit erinnern soll sowie ein Museum existieren bis heute nicht.
 
Kritik erntet auch Podiumsgast Bertram Meier, Bischof im Bistum Augsburg, dass sich in Sachen Klimaschutz zu wenig in der Kirche bewege. „Die katholische Kirche ist immer noch ein dicker Tanker“, gibt er zurück, der sich nur langsam voran bewege. Aber das Thema sozio-ökonomischer Wandel stehe bereits seit drei Jahren auf Platz zwei für den regelmäßig stattfindenden Studientag der Deutschen Bischofskonferenz – wurde bisher jedoch immer wieder verschoben. Das lässt Zweifel an dessen Stellenwert aufkommen.
 
Ein erster Schritt, um sich nach vorne zu bewegen, ist miteinander ins Gespräch zu kommen – insbesondere zwischen den Generationen. „Das haben wir etwas verlernt, zu sagen: Ich höre dir zu. Du verstehst vielleicht meinen Punkt gerade nicht, aber ich setze mich trotzdem mit dir an einen Tisch“, fasst Susanna Laux vom Bundesverband Katholische Kirche an Hochschulen zusammen, was jeder tun könne, um einen Unterschied zu machen – jeden Tag.
Kurz nachgefragt bei: Gregor Podschun
Gregor Podschun, Vorsitzender des Bunds der Katholischen Jugend (BDKJ), ist am Montagabend mit der Bahn in Lissabon angekommen.
 
Herr Podschun, wie ist Ihr Eindruck nach den ersten zwei Tagen in Lissabon?
Ich finde es ist ein total bunter Weltjugendtag! Da geht einem das Herz auf, wenn man hier durch die Stadt läuft und sieht, wie viele Menschen unterwegs sind und in welcher Vielfalt. Das verdeutlicht nochmal, dass Weltkirche vielfältig ist und trotzdem eine Einheit bildet. Es zeigt auch, dass junge Menschen interessiert sind an den Veranstaltungen, die stattfinden – auch an politischen und kirchenpolitischen Veranstaltungen.
 
Haben Sie Erwartungen an die nächsten Tage?
 
Der Papst ist ja heute zum Weltjugendtag angereist. Ich hoffe, dass er ein Wort zum Missbrauchsskandal sagt. Es fehlt leider immer noch, dass der Vatikan zugibt, dass da systemische Ursachen sind. Auch eine Einladung von jungen Menschen zur Weltsynode wäre schön. Die sind bisher fast gar nicht dabei. Das sind Sachen, die ich erwarte und erhoffe. Ob sie erfüllt werden, das wird sich dann zeigen.
Drei Dinge, die ich heute mitnehme …
Wort des Tages: zuhören
Angeberwissen des Tages: In Lissabon befindet sich die älteste Buchhandlung der Welt. Die „Livraria Bertrand" eröffnete 1732.
 
Helena Gennutt
 
 


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