Sonntagsmusik

 
Sonntagsmusik zum 24. Mai (Ausgabe 21-22/2026)
„Komm, Schöpfergeist, mach ganz …!“ Ein noch wenig bekanntes Pfingstlied
 
Der Geist des Herrn hat uns den Anfang neu geschenkt, In alles, was da wächst, den Atem eingesenkt. Der Gottesgeist beseelt, die kalt sind und versteint; Zerstörtes baut er auf, Zerstreutes wird geeint.
 
Peter Pawlowsky, nach Huub Oosterhuis (GL 863)
 
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Dem Heiligen Geist sind viele Lieder gewidmet! Oftmals braust es darin gewaltig. Dazu setzt unsere pfingstliche Sonntags-Musik einen choralhaften Kontrapunkt. Der niederländische Poet und Theologe Huub Oosterhuis (1933-2023) besingt die Geistkraft, die einen neuen Anfang schenkt. Die vierteilige Melodie ist eine schlichte niederländische Volksweise, die mit nur sieben verschiedenen Tönen auskommt.
 
Die erste Strophe spricht den biblischen Jüngerinnen und Jüngern Jesu aus dem Herzen. Nach der Katastrophe von Jesu Kreuzestod fanden sie im Geist zur Glaubensgewissheit der Auferstehung. Das ist der „neue Anfang“, der zugleich an den ersten Anfang der Schöpfung durch den Atem Gottes erinnert. Viele Geistesgaben klingen überdies an: Er baut auf und wärmt, wo zuvor alles in Kälte erstarrt war.
 
Dass der Geist uns Geschwister sein lässt, nennt die Bibel „Koinonia“, geist-gestiftete Gemeinschaft. Auch die religiösen Grundsymbole Wasser (Taufe) und Licht (Christus) besingen wir in der zweiten Strophe. So ergibt sich eine poetische Brücke zur Osternacht mit Taufe und Osterkerze. Zugleich wird ein allzu glattes Verstehen des Geistes abgewehrt. Er „weht, wo er will“ (Johannes 3, 8) und bleibt unergründlich. Könnten wir ihn vollends begreifen, stünden wir ja direkt neben oder gar über ihm. Dieses Lied will sensibel machen für die geistlichen Obertöne des Lebens, die sich oft nur leise melden und nicht im Sturmesbrausen, der äußeren Orchestrierung des Heiligen Geistes. Die Geistkraft kennt auch die leisen Töne. Mit den Worten von Huub Oosterhuis: „Heiliger Geist ist Kraft-in-Menschen; eine Gegenkraft, Wärme-Kraft gegen das, was hart, kalt und Stein in uns ist.“
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Aufnahme mit Band, Chor, Orgel und Gemeinde aus dem Stephansdom Wien unter der Leitung von Hermann Platzer.
 
 
Sonntagsmusik zum 10. Mai (Ausgabe 19/2026)
Ein Jesuswort im Klang der Musik von Georg Philipp Telemann
 
Wer mich liebet, der wird mein Wort halten und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen.
 
Johannes 14, 23
 
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Auf dem Weg zwischen Ostern und Pfingsten gibt es viel Musik. Der Halleluja-Ruf ist der Grundton dieser 50 Tage. Zudem hören wir oft Jesusworte aus dem Johannesevangelium. Auch heute ist das Evangelium aus den Abschiedsreden Jesu genommen. Der entscheidende Satz daraus „Wer mich liebet …“ begleitet sozusagen das feierliche Halleluja. Deshalb hören wir ihn schon direkt vor dem Evangelium nach Johannes. Solche Worte über das innigste Verhältnis zwischen Gott und Mensch, das sich denken lässt, haben viele Mystikerinnen und Mystiker inspiriert. Und sie wurden oft vertont, weil sie früher dem Pfingstsonntag zugeordnet waren. Heute, auf dem Weg nach Pfingsten, passen sie aber ebenso gut. Worum geht es? Jesus stellt seine Jüngerinnen und Jünger ganz in das Geheimnis des dreifaltigen Gottes hinein. Verstehbar wird das nur mit Hilfe des Heiligen Geistes. Aber vielleicht kann die geistliche Musik auch ein wenig dabei helfen.
 
Wir hören dazu den Beginn einer Kantate des Barockmeisters Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767). Er hat in Eisenach, Frankfurt am Main und in Hamburg gewirkt. Zu Lebzeiten war er einer der erfolgreichsten und bekanntesten Komponisten, dessen Ruhm größer war als der von Johann Sebastian Bach. Aus Telemanns Feder stammen Opern und Oratorien, Orchesterwerke und über 1500 Kantaten, die er in sogenannten „Jahrgängen“ gesammelt hat. Unser Stück entstand in seiner Frankfurter Zeit, vor ziemlich genau 300 Jahren. Die Jesusworte weist er dem Bass zu, weil das seit alters her die Stimme Christi ist. Die musikalische Form nennt man Arioso: ein bewegter, aber keineswegs virtuoser Gesang, dezent vom Orchester begleitet. Jesu Verheißung erklingt so mit geradezu segnender Geste. Ja, sie kommt immer näher, wozu auch die vielen Wiederholungen der Worte beitragen. Telemann schenkt uns etwa zwei Minuten Zeit, diese pfingstliche Zusage aus Jesu Mund hörend aufzunehmen und anzunehmen.
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Einspielung mit Nicolas Ries (Bass) und dem Neumeyer Consort unter der Leitung von Felix Koch.
 
Sonntagsmusik zum 26. April (Ausgabe 17/2026)
Wie der Gute Hirte zum Bräutigam der Seele wird

Der Herr ist mein Hirte, nichts fehlt mir, nichts fehlt mir bei dir. Er füllt meinen Kelch mit Genügen, nichts fehlt mir bei dir. Und alle deine Wege sind gut; du weißt, was du willst und du weißt, was du tust. Ohne Angst, ohne Sorgen, ohne Gedanken am Morgen geb‘ ich dir mein Ja, heute neu mein Ja. Denn gestern ist vergangen und morgen ist noch nicht, doch heute will ich sagen: Ich liebe dich im Hier und Jetzt, im Jetzt und Hier, ich vertraue dir…
(Johannes Hartl, nach Psalm 23)
 
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Am heutigen Sonntag des Guten Hirten ist Psalm 23 sozusagen die Erkennungsmelodie. Zu allen Zeiten hat dieses Lied des Vertrauens viele Musiker und Dichterinnen angeregt. Zum alten Psalm, der poetisch mit den Bildern vom Hirten und vom königlichen Gastgeber spielt, entstehen immer neue Variationen.

Auch im Umkreis des Gebetshauses Augsburg, das der Theologe Johannes Hartl (geb. 1971) im Jahr 2005 mit seiner Ehefrau Jutta gründete und bis heute leitet. Seine Fassung des 23. Psalms setzt auf eine sehr kindliche Haltung, aber das hat Jesus ja auch gepredigt: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder…“ (Matthäus 18, 3). Die „Feinde“ aus dem biblischen Original – „Du deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde“ – sind verschwunden. Dafür kommt ein weiteres spirituelles Bild ins Spiel: Gott und Mensch sind in gegenseitiger Liebe miteinander verbunden, wie Bräutigam und Braut. Sogar ein Gelöbnis wird gesprochen: „Und ich geb‘ dir alles, nimm mein Leben, nimm es ganz!“
 
Die Klangwelt im popmusikalischen Sound ist gekonnt inszeniert. Alles ist Gefühl, und Gefühl ist alles! Vielleicht lässt sich ja die religiöse Welt mitsamt der Kirchenmusik wie die Bewegung eines Pendels verstehen. Nachdem vieles in den letzten Jahrzehnten in Richtung des Rationalen ausgeschlagen hat, betont diese Musik das Emotionale. Gewiss ist, dass beide Facetten dazu gehören und berechtigt sind. Ob diese Psalm-Variation dabei in Wort und Musik zu weit geht, weil sie die Vernunft allzu sehr ausblendet und die Christinnen und Christen zu fast willenlosen Schäfchen machen will, ist schwer zu sagen. Aber letztlich ist das ja die Problematik dieser Psalmworte von Anfang an. Entscheiden Sie am besten selbst!
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt die Einspielung mit „Johannes Hartl und Freunde“
 
Sonntagsmusik zum 12. April (Ausgabe 13, 14, 15/2026)
Österliche Klänge der Komponistin Leonora d’Este

Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat; wir wollen jubeln und uns über ihn freuen. Halleluja!
 
Psalm 118,24
 
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Die Osterzeit ist ein einziger Jubel. Fast wie bei einem Karussell drehen sich die Klänge um das eine Zentrum, den „Halleluja“-Ruf! Zu den wichtigen biblischen Versen, die bereits in der Osternacht zu hören sind, gehört Psalm 118, eine jüdische Dankliturgie mit dem freudigen Ausruf „Das ist der Tag, den der Herr gemacht hat!“ Da hören wir von einer reichen Symbolik, etwa im Vers „Der Stein, den die Bauleute verwarfen, er ist zum Eckstein geworden.“ 

   Christen beziehen diesen Satz und den gesamten Psalm auf Jesu Ostersieg. Der Literat Arnold Stadler übersetzt den entscheidenden Vers so: „Das ist der Tag des Herrn! Wir wollen ihn feiern. Er soll unsere Freude sein.“ Und ganz ähnlich könnte auch die Komponistin gedacht haben, der unsere heutige Sonntags-Musik gewidmet ist. Leonora d’Este hat von 1515 bis 1575 gelebt, die Prinzessin, Nonne und Äbtissin galt als gebildete Musikerin. Sie stammt aus einer skandalumwitterten Adelsfamilie. Ihre Mutter war Lucrezia Borgia, eine Tochter von Papst Alexander VI. Vermutet wird, dass ihr das Musizieren im Kloster näher lag als eine durchaus auch mögliche „weltliche Karriere“ mit Ehemann und Kindern. Also nahm sie den Schleier und wurde Nonne im Kloster zu Ferrara. Hier soll ihr fünfstimmiges „Haec dies“ („Das ist der Tag“) entstanden sein. Dazu passt die Besetzung mit Frauenstimmen, die in der Höhe ganz schwindelfrei sein sollten. Leider hat der venezianische Verleger, der das Werk gedruckt hat, keine Namen eines Komponisten oder einer Komponistin genannt. Weil viele Indizien auf Leonora d’Este hinweisen, ist ihre Autorschaft zwar nicht letztlich gesichert, aber sehr wahrscheinlich. Beim amerikanischen Vokalensemble Lyyra ist diese sehr polyphone Musik in den allerbesten Händen, pardon: Kehlen. Aber auch zum heutigen Weißen Sonntag oder zu den Jubelkommunikanten, die vor 40 oder 50 Jahren ihre Erstkommunion hatten, passt die Botschaft dieser Musik: „Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat; wir wollen jubeln …“
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt diese Einspielung mit den Frauenstimmen des Ensembles Lyyra.
 
Sonntagsmusik zum 29. März (Ausgabe 13, 14, 15/2026)
Hinauf nach Jerusalem! Jesu Leidensweg mit Bachs Musik

Ich will hier bei dir stehen,
Verachte mich doch nicht!
Von dir will ich nicht gehen,
Bis dir dein Herze bricht.
Wenn dein Haupt wird erblassen
Im letzten Todesstoß,
Alsdenn will ich dich fassen
In meinen Arm und Schoß.
 
Paul Gerhardt
 
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Der Palmsonntag ist die Ouvertüre zur Heiligen Woche. Heute beginnt ein Weg mit etlichen Stationen. Johann Sebastian Bach hat mit der Kantate „Sehet, wir gehn hinauf gen Jerusalem“ eine Musik geschaffen, die hierzu bestens passt. Das Ganze ist als Dialog gestaltet, der die Einwände der gläubigen Seele sehr ernst nimmt. Sie singt: „Ach, gehe nicht! Dein Kreuz ist dir schon zugericht‘, wo du dich sollst zu Tode bluten; hier sucht man Geißeln, dort bindet man Ruten; die Bande warten dein!“ Was aber würde das bedeuten? Dann könnte Jesu Erlösungswerk seinen Gang nicht aufnehmen und es gäbe weder das Abendmahl noch die Osternacht! Schrittweise findet die Seele zur Einsicht, dass all das nötig ist, was nun bevorsteht. Ja, sie entschließt sich zum Mitleiden mit dem Leiden des Gottessohnes.

Bach ist immer dann in seinem Element, wenn zum äußeren Begehen der Kreuzwegstationen auch noch die innere Dramatik kommt, nach dem Motto der „Matthäus-Passion“: „Das gehet meiner Seele nah.“ Ein ähnlichesBekenntnis erklingt in unserer Kantate bei der Strophe „Ich will hier bei dir stehen“ aus dem berühmten Passionslied „O Haupt voll Blut und Wunden“ von Paul Gerhardt. Zwischen die Liedzeilen fügt Bachs Leipziger Textdichter Picander gerne persönliche Vorsätze wie „Am Kreuz will ich dich noch umfangen“ ein. Choralworte und Bekenntnisse ergänzen sich gegenseitig. Gegen Ende der Kantate kommt bereits, wie von Weitem, das Ziel in den Blick. Ein österliches Präludium! Der Bass singt hoffend von den letzten Worten Jesu am Kreuz: „Es ist vollbracht“. Als Schluss-choral erklingt eine Strophe, die das Leiden in österliches Licht taucht: „Jesu, deine Passion ist mir lauter Freude.“ Nun ist aus dem irdischen Jerusalem, wo der Leidensweg beginnt, das himmlische Jerusalem geworden. Diese Kantate ist eine wunderbare Einstimmung in die wichtigste Woche des Kirchenjahres.
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt die Einspielung mit Vokalsolisten, Chor und Orchester der J. S. Bachstiftung St. Gallen unter derLeitung von Rudolf Lutz.
 
Sonntagsmusik zum 15. März (Ausgabe 11/2026)
Wie eine musikalische Schulaufgabe zu einem Lieblingslied von Königin Elisabeth II. wurde

Der Herr, mein Hirte, führet mich; fürwahr, nichts mangelt mir. Er lagert mich auf grüner Au bei frischem Wasser hier. Den Tisch bereitest du vor mir, selbst vor der Feinde Schar. Mein Haupt salbst du mit deinem Öl, mein Kelch fließt über gar …
Psalm 23
 
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An unserer Sonntags-Musik zu diesem berühmten Psalm haben mindestens ein halbes Dutzend Autoren und, ganz wichtig, vor allem eine Autorin und eine Übersetzerin mitgewirkt. Es beginnt textlich bei den Verfassern der Hebräischen Bibel mit ihren 150 Psalmen und deren Übersetzung im „Schottischen Psalter“. 
Dort, in der nordöstlichen Grafschaft Aberdeenshire, bekommt das Psalmgebet eine Melodie. Sie stammt von der 1836 als Pfarrerstochter geborenen Jessie S. Irvine, die als Organistin gewirkt hat. 1872 schuf sie diese Melodie, die nach dem Ort ihrer Entstehung „Crimond“ heißt. Im englisch-anglikanischen Bereich ist das nicht ungewöhnlich, denn dort werden Liedmelodien oft nach Komponistennamen oder Orten benannt. Jessie Irvines Kompositionsversuch soll übrigens eine Schulaufgabe im Fach Musik gewesen sein. 

Am vierstimmigen Chorsatz hat auch der Musiker David Grant mitgewirkt, den die Komponistin als Berater beigezogen hat. Besonders eingängig ist die dann zudem noch die Überstimme für die letzte Strophe. In dieser Fassung war der Choral schon oft bei großen Feierlichkeiten des englischen Königshauses zu hören: 1947 etwa bei der Trauung von Queen Elizabeth und Prinz Philipp, im September 2022 dann auch beim Staatsbegräbnis für die Queen, die diese Psalmmusik zu ihren Lieblingsstücken gezählt hat. 

In deutscher Fassung ist dieses Psalmlied vor allem in evangelischen und eher konservativen Kreisen beheimatet. Die deutsche Übertragung stammt von Charlotte Sauer. In der Schweiz hat das Lied es immerhin ins Reformierte Gesangbuch geschafft. Zum freudigen Charakter des heutigen Sonntags „Laetare“ passt es bestens. Und vielleicht begegnen wir ihm ja bald sogar im neuen Evangelischen Gesangbuch, das gerade entsteht?
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt die Einspielung mit dem Chor „Das Solistenensemble“ unter der Leitung von Gerhard Schmitter.
 
Sonntagsmusik zum 1. März (Ausgabe 9/2026)
Wie Abraham der göttlichen Weisung vertraut, vertont von Carl Amand Mangold

In jenen Tagen sprach der Herr zu Abram: Geh fort aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde!
Genesis 12, 1 
 
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Oratorien über biblische Gestalten oder Heilige sind eine aufwändige musikalische Gattung mit „Soli, Chor und Orchester“. Da ist es eigentlich schade, dass hunderte von ihnen in Vergessenheit geraten sind und kaum erklingen. Wenn man Glück hat, gibt es immerhin eine CD-Einspielung und Klangbeispiele im Internet. So auch beim zweiteiligen Abraham-Oratorium, in dem gleich zu Beginn die heutige Erste Lesung sehr dramatisch vertont ist. Der Komponist heißt Carl Amand Mangold (1813-1889). Er hat sich in nur fünfmonatiger Entstehungszeit dem biblischen Abraham, der zunächst Abram hieß, abendfüllend zugewandt. Im Alten Testament hören wir, was ihm alles widerfahren ist, und im Neuen gibt es oftmals Hinweise auf ihn, etwa bei Paulus im vierten Kapitel des Römerbriefs, Vers 3. Paulus fragt, was die Schrift, also die Hebräische Bibel, sagt; und die Antwort heißt: „Abraham glaubte Gott und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet.“

Wer aber war der Komponist Carl Amand Mangold? In Darmstadt geboren, hat er nach Studien in Paris vor allem in seiner Geburtsstadt gewirkt. Er war Lehrer und Leiter eines bürgerlichen Musikvereins, mit dem er oratorische Konzerte geben konnte. Das sind Höhepunkte im Musikleben! Am Beginn seines Abraham-Oratoriums steht, wie sich das gehört, eine Ouvertüre. Ihr Motto heißt: „Des Herrn Wort ist wahrhaftig und was er zusagt, das hält er gewiss.“ Dann trägt ein kompakter Doppelchor in blockhaften Akkorden die göttliche Zusage im Wortlaut der Luther-Bibel vor. Abraham antwortet mit großer stimmlicher Geste und aus vollem Herzen: „Herr, du willst Großes an mit tun, des bin ich fröhlich.“ Mit göttlichem Segen beginnen die dramatischen Ereignisse aus dem Buch Genesis, von denen wir in der heutigen Ersten Lesung hören.
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt die Einspielung des Abraham-Oratoriums aus Carl Amand Mangolds Wirkungsort Darmstadt mit dem Bariton Gilles Cachemaille in der Titelrolle sowie dem Konzertchor und dem Philharmonischen Orchester Darmstadt unter der Leitung von Wolfgang Seeliger (Ouvertüre und erste Szene).
 
Sonntagsmusik zum 15. Februar (Ausgabe 7/2026)
Gottes Weisung als Weg der Weisheit, vertont von John Rutter

Öffne mir die Augen, dass ich sehe, rühr an mein Herz, dass ich begehre. Lenke meine Schritte, dass ich den Lauf deiner Gebote einschlage.
Mein Herr und Helfer, sei du mein Gott; kein anderer soll neben dir sein … 
 
Lancelot Andrews
 
 
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Die Sonntags-Musik singt von einem Gebet: Der Höchste möge mir die Augen öffnen – und gewiss auch die Ohren mitsamt den Lippen. So kann ich darauf vertrauen, dass er mir den richtigen Weg weist. Auf der Rückseite dieser „spirituellen Medaille“ steht das erste der zehn Gebote: „Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ 

Ganz ähnlich formuliert es Psalm 119, der heutige Antwortgesang nach der Ersten Lesung: „Öffne mir die Augen, dass ich schaue die Wunder deiner Weisung! Weise mir, Herr, den Weg deiner Gesetze!“ Wie eine Brücke zwischen diesen biblischen Worten und der heutigen Sonntags-Musik steht ein Gedicht aus der Feder des englischen Gelehrten und Predigers Lancelot Andrewes (1555-1626). Der britische Komponist John Rutter (geb. 1945) hat dieses poetische Gebet sehr eindringlich vertont. Sir John ist einer der erfolgreichsten Chorkomponisten der Gegenwart! Er dirigiert seine Werke auch selbst, gerne mit über tausend Sängerinnen und Sängern, so wie vorletztes Jahr im Mainzer Dom. Und er hält bisweilen bei königlichen Anlässen in London die musikalischen Fäden in der Hand. Rutters Musik ist ebenso eingängig wie qualitätvoll. In der englischen Tradition mit Kathedralchören und opulenten Werken tief verwurzelt, scheut er Ausflüge in die popmusikalische Klangwelt nicht. „Öffne mir die Augen“ – im Original heißt es „Open thou mine eyes“ – beginnt einstimmig.
 
In drei steigernden Anläufen wird immer das wichtigste Wort betont: Augen, Herz, Schritte und Lauf. Raffiniert gehen die Steigerungen weiter: Nachdem die Oberstimmen das Thema übernommen haben, reichen sie es an die tiefen Stimmen weiter; auf die vierstimmige Version folgt nochmals die solistische Sopranstimme, die von einer Frau, einem Knaben oder einer kleinen Chorgruppe gesungen werden kann. Die Noten sind exakt die vom Anfangsteil. Aber die „Klangregie“ ist jetzt neu, weil ein vier- bis fünfstimmiger Summchor hinzutritt und der biblischen Botschaft einen exquisit geflochtenen Klangteppich ausrollt.
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Einspielung mit dem Knabenchor collegium iuvenum unter Leitung von Michael Čulo aus der Stiftskirche Stuttgart.
 
Sonntagsmusik zum 1. Februar (Ausgabe 5/2026)
Die Seligpreisungen in einem neuen poetischen und musikalischen Gewand

Selig seid ihr, wenn ihr lebt.
Selig seid ihr, wenn ihr Lasten tragt.
Selig seid ihr, wenn ihr lieben lernt.
Selig seid ihr, wenn ihr Güte wagt.  
 
 Friedrich Karl Barth 
und Peter Horst (GL 458)
 
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Im 2013 eingeführten Gotteslob sind auch mehrstimmige Gesänge enthalten. Dazu zählen die zum heutigen Evangelium passenden und vierstimmig abgedruckten Seligpreisungen (Nr. 458). Ihr Komponist ist Peter Janssens (1934-1998), ein wichtiger Musiker aus der popmusikalischen Szene. 
Hier will er mit der Mehrstimmigkeit unterstreichen, dass es nicht um das Lied eines Einzelnen geht, sondern um das „Bekenntnis einer ganzen Gemeinde“. Bei der Uraufführung war die Gemeinde sogar ziemlich groß. 11 000 Menschen hörten 1979 beim Evangelischen Kirchentag in Nürnberg in einer Messehalle das geistliche Musikspiel „Uns allen blüht der Tod – ein Fest für die Lebenden“, in dem diese Seligpreisungen enthalten sind. Die Musik ist für Neue Geistliche Lieder dabei untypisch: schlicht und choralhaft, ohne Beat und Gegenrhythmen, lauter schlichte Harmonien im homophonen Tonsatz, den alle Stimmen ruhig deklamieren.

Der Text bezieht sich auf Jesu Bergpredigt und setzt zugleich neue Akzente. Die evangelischen Autoren Peter Horst (1927-2008) und Friedrich Karl Barth (geb. 1938) haben beide als Pfarrer, in der Jugendarbeit und als liturgische Impulsgeber gewirkt. Auf Barth geht im Übrigen auch die Erfindung des aus Pappe hergestellten „Kirchentagshockers“ zurück. Ihre Worte bringen gut zur Geltung, dass die Seligpreisung zum einen eine Zusage „von oben“ ist, zum anderen aber auch ein Impuls, heute so zu handeln, wie Jesus es will. Dann gilt, was die drei Liedautoren besonders wichtig finden: „Ihr alle seid schon hier glücklich, wenn ihr in der rechten Weise lebt.“ Das Thema der Lebenskunst aus den Seligpreisungen kennt viele Variationen. Vier weitere des Kölner Theologen Raymund Weber (geb. 1939) druckt das Gotteslob unter der Nummer 459 zur gleichen Musik ab. Genügend Stoff, sich musikalisch meditierend auf den heutigen Sonntag einzustimmen.
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Einspielung mit Andreas Großberger (Orgel) und der Mädchenkantorei an der Domkirche St. Eberhard Stuttgart unter Leitung von Martin Dücker.
 
Sonntagsmusik zum 18. Januar (Ausgabe 3/2026)
Wie der Barockkomponist Heinrich Schütz den biblischen „Prediger in der Wüste“ vertont

Ich bin eine rufende Stimme in der Wüste: Richtet den Weg des Herren! Ich taufe mit Wasser, aber er ist mitten unter euch getreten, den ihr nicht kennt. Der ist’s, der nach mir kommen wird, welcher vor mir gewesen ist, des ich nicht wert bin, dass ich seine Schuhriemen auflöse.
 
vgl. Johannes 1,23-27
 
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Heinrich Schütz (1585-1672) war ein Meister der musikalischen Bibelauslegung. Das hören wir in seiner Sammlung „Geistliche Chormusik“, die er 1648, im Jahr des Westfälischen Friedens, der Stadt Leipzig und ihrem berühmten Thomanerchor gewidmet hat. 

Wie geht Schütz vor, wenn er Bibelverse in die Sprache der Musik „übersetzt“? Als Erstes beschäftigt er sich mit dem Text. Da stören ihn etwas die moderierenden Worte wie „er sprach“ oder „Johannes antwortete“, weil sie den Redefluss unterbrechen. Also streicht er sie weg, bis nur noch die direkte Rede des Johannes übrig bleibt, deren Fortsetzung wir im heutigen Evangelium hören. Als Zweites überlegt Schütz, welche Worte so bildhaft sind, dass sie geradezu nach Musik rufen. Den Anfang gestaltet er solistisch, damit das erste Wort „Ich“ zur Geltung kommt. Dann widmet er sich insbesondere den Verben. Das „Rufen“ verlangt nach weiten Tonsprüngen, die wie Ausrufungszeichen wirken. Zur „Wüste“ hingegen passt ein langsam schleppendes Tempo mit unharmonischen Dissonanzen, so als ob die Orientierung verloren ist. Dann folgt das „Richten“ des Weges, ein ergiebiges Thema für die Musik: Holprig geht es los, aber dann finden die Töne ihre Richtung! Etwas komplizierter ist das „Taufen“, dem Schütz mit unnachahmlicher Präzision nachspürt. Melodisch deutet er an, wie die Hand des Taufenden ins Wasser eintaucht und sich gleich darauf nach oben hebt, damit das Wasser mit einer fließenden Kette von Achtelnoten auf den Täufling herabträufeln kann. Am Ende noch ein letztes Bild: das Auflösen der Schuhriemen. Ganz emsig und geschäftig geht es hier zu, bis in langen Notenwerten das Wort „Auflösen“ erreicht ist. Schütz beginnt immer neu mit Dissonanzen, die sich dann tatsächlich in schöne Harmonien auflösen. So musikalisch eingestimmt, begegnen wir heute im Evangelium dem Prediger und Täufer Johannes.
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Aufnahme mit dem in Berlin beheimateten „Ensemble Polyharmonique“ unter der Leitung von Alexander Schneider.
 
Sonntagsmusik zum 6. Januar (Ausgabe 51/25, 52/25, 1/26)
Drei Könige besingen romantisch den König in der Krippe
O König du, im armen Stall, wir fallen aufs Antlitz vor dir. Der Engel jubelnden Widerhall, im Herzen hören ihn wir. Nimm hin den Weihrauch, Myrrhen und Gold, nimm hin des Morgenlandes Gut.

Fanny von Hoffnaaß 
 
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Die Feiertags-Musik zu Dreikönig ist ein familiäres Teamwork. Von der Dichterin Fanny von Hoffnaaß stammen die Worte eines etwa einstündigen Oratoriums für Weihnachten, die ihr Ehemann Josef Gabriel Rheinberger dann anschließend vertont hat. Das Werk trägt den Titel „Der Stern von Betlehem“. Fanny von Hoffnaaß war vielseitig begabt. In einem zeitgenössischen Kommentar heißt es: „Diese merkwürdige Frau dichtet, zeichnet, singt, spielt Klavier, komponiert auch gelegentlich.“ Ihrem in Vaduz geborenen Mann verdanken wir viel Orgel- und Kammermusik sowie Messen und Chorstücke. Über 50 Bände zählt die Gesamtausgabe seiner Kompositionen.

Ihm und seiner Gattin Fanny ist mit dem „Stern“ eine volkstümliche und alpenländisch anmutende Weihnachtsmusik gelungen. Die Szene mit den drei Weisen beginnt mit einem charmanten Vorspiel des Orchesters. Dann treten die drei Könige auf. Die biblisch-christliche Tradition deutet sie ja stellvertretend für die damals bekannten Erdteile und die drei Lebensalter. Was liegt da näher, als das auch auf die Musik zu beziehen und die drei als solistisches oder chorisches Terzett mit Tenor, Bariton und Bass zu komponieren? Als Erstes hören wir von ihrer Geste: Sie fallen anbetend auf die Knie. Dann hören sie, wie die Hirten in der Christnacht, einen Engelsgesang, in den sie einstimmen wollen. Und schließlich geht die Dichterin der symbolischen Bedeutung ihrer Geschenke nach: Wie Weihrauch sollen die Gebete aufsteigen, die bittere Myrrhe verweist jetzt schon auf Jesu Leiden in der Passion, und das „lautere Gold“ ist Sinnbild für die unverfälschte Liebe zu Jesus. Die Quintessenz ist die Hingabe im fortissimo: „All dies, o König, sei dein.“ Rheinberger hat seinen „Stern“ nie selbst gehört. Zu schmerzlich war für ihn die Erinnerung an Krankheit und Tod seiner Frau noch vor Abschluss der Komposition. „Den werd‘ ich jetzt bald sehen, bald – bald!“ soll sie am Weihnachtsabend 1892 im Blick auf ihren „Stern von Betlehem“ gesagt haben.
 
Unser Autor Meinrad empfiehlt eine Aufnahme mit dem Symphonieorchester Graunke und dem Chor des Bayerischen Rundfunks.
 
Sonntagsmusik zum 28. Dezember (Ausgabe 51/25, 52/25, 1/26)
Wie Gottes Verheißung an Abraham zum zweistimmigen Gesang wird
Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht; es hat Hoffnung und Zukunft gebracht; es gibt Trost, es gibt Halt in Bedrängnis, Not und Ängsten, ist wie ein Stern in der Dunkelheit.

Hans-Hermann Bittger 
 
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Manchmal trifft vieles glücklich zusammen! So auch bei der Nummer 450 aus dem Gotteslob. Autor des Textes ist der Essener Priester Hans-Hermann Bittger (1933 bis 2012), der sich sehr für neue Lieder eingesetzt hat. Als er im Jahr 1978 in Israel unterwegs war, konnte er bei einer Übernachtung unter freiem Himmel „einen Sternenhimmel betrachten, so leuchtend und überwältigend wie nie zuvor und niemals nachher“. Für Bittger gewann das Wort Gottes an Abraham aus der heutigen ersten Lesung ganz neue Leuchtkraft: „Sieh doch zum Himmel hinauf und zähl die Sterne, wenn du sie zählen kannst! Und er sprach zu ihm: So zahlreich werden deine Nachkommen sein.“ Nun fehlt aber noch die Musik. Die hörte Bittger bald darauf in Jerusalem im Radio. Es ist der Kanon „Vij‘huda leolam“ von Joseph Jacobsen (1897 bis 1943), erstmals gedruckt in einem deutschen jüdischen Schulbuch. Jacobsen hat als Musiklehrer u.a. an der Hamburger Talmud-Tora-Schule gewirkt. 1938 wurde er mit weiteren jüdischen Kollegen verschleppt und im Konzentrationslager interniert. Im März 1939 gelang ihm mit seiner Familie die Flucht nach England, wo er 1943 im Alter von 45 Jahren starb.

Der Beginn „Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht“ setzt in nächtlicher Tiefe ein, um sich dann himmelwärts aufzuschwingen. Der zweite Abschnitt „es hat Hoffnung und Zukunft gebracht“ steht eine Quart höher. Die letzte Zeile kehrt in Wort und Ton zum Anfang zurück. Aus dem Kontrast Licht-Nacht wird nun Stern-Dunkelheit. So schön dieser Gesang ist, erinnert er aber zugleich an die dunkle Geschichte, die unser Singen überschattet. Joseph Jacobsen hat beides erleben müssen. Und er blieb bei seiner Liebe zur Musik, von der er in seiner Doktorarbeit schreibt: „In Musik hat Gott einigen Sterblichen ins Ohr geflüstert.“
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Einspielung aus dem Nikolaus-Münster in Überlingen mit der dortigen Jugendkantorei unter Leitung von Melanie Jäger-Waldau.
 
Sonntagsmusik zum 21. Dezember (Ausgabe 51/25, 52/25, 1/26)
Immanuel! Wie Bach den kostbaren Namen Jesu vertonte
Immanuel, o süßes Wort!
Mein Jesus heißt mein Hort,
Mein Jesus heißt mein Leben;
Mein Jesus soll mir immerfort
Vor meinen Augen schweben.
Wohlan, dein Name soll allein
In meinem Herzen sein!

Christian Friedrich Henrici alias Picander
 
Einen besonders wichtigen Satz hören wir in der heutigen Liturgie gleich dreimal, nämlich in der ersten Lesung, als Vers vor dem Evangelium und dann im Evangelium selbst. Der Satz heißt „Siehe, die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären, sein Name wird sein: Immanuel – Gott mit uns.“ Oft wurde der Name Jesu schon vertont. Nur selten aber so intensiv wie von Johann Sebastian Bach (1685-1750) im vierten Teil seines Weihnachtsoratoriums. Bach und seine Leipziger Textdichter Picander entscheiden sich für eine Art Litanei. Aber das ist nicht alles. In deren Verlauf wird überdies noch die melodisch reich verzierte Liedstrophe „Jesu, du mein liebstes Leben“ von Johann Rist eingeflochten.
 
Der Bass singt die Litanei, deren Anrufungen alle mit „Mein Jesus …“ beginnen. Dazu trägt der Sopran den Choral mit vielen weiteren Jesus-Namen vor: „Jesu, meine Freud und Wonne, meine Hoffnung, Schatz und Teil.“ Wir hören hier vom Sopran nicht die angestammte Liedmelodie, sondern einen arienhaft-solistischen Gesang. Warum? Bach will das persönliche „Ich“ wohl stärker betonen, als das gemeindliche „Wir“. Nicht auszuschließen ist, dass Texter und Komponist sich von Martin Luther haben inspirieren lassen, der den Namen Immanuel sehr schön kommentiert hat: „Er heißt Immanuel, nicht ‚Wir mit Gott‘, sondern umgekehrt ‚Gott mit uns‘. Wir können nicht zu ihm kommen, darum muss er zu uns kommen, sich unser annehmen und uns erlösen.“ Für Luther ist die Gnade am allerwichtigsten. In Leben wie im Sterben gilt „sola gratia“, allein durch die Gnade. Und das ist heute wohl auch ökumenisch anerkannt.
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Aufnahme der Bach-Stiftung Sankt Gallen mit Tobias Wicky und Miriam Feuersinger unter der Leitung von Rudolf Lutz; Beginn bei 6:30.
 
Sonntagsmusik zum 7. Dezember (Ausgabe 49/2025)
Die Botschaft des Apostels Paulus verjazzt in der Hamburger Elbphilharmonie
Wir sagen euch an 
den lieben Advent.
Sehet, die zweite Kerze brennt.
So nehmet euch eins 
um das andere an,
wie auch der Herr an uns getan.
Freut euch, ihr Christen, 
freuet euch sehr!
Schon ist nahe der Herr.

Maria Ferschl nach Römer 15, 7

 
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Dieses Lied will uns durch den Advent begleiten, indem es von Woche zu Woche „mitwächst“. Zu jeder am Adventskranz neu entzündeten Kerze darf eine weitere Strophe erklingen. Von der österreichischen Lehrerin und Schriftstellerin Maria Ferschl (1895-1982) stammen die Worte. Sie hat sich vielfach für die Erneuerung der Gottesdienste und für die Einführung der Landessprache in der Liturgie eingesetzt. Mit diesen vier Strophen gelingt ihr ein kleiner Geniestreich, weil Riten und Worte, Advent und Gesang, Familie und Kirche bestens zusammenklingen. Der Mainzer Kirchenmusiker Heinrich Rohr (1902 – 1997) hat die einprägsame Melodie beigesteuert: für ein Kinderlied, das nicht nur Kinder gern singen.

Dass ihre populären Strophen einmal in der berühmten Hamburger Elbphilharmonie im jazzigen Gewand eingespielt werden würden, hätten die beiden Autoren sich wohl nicht träumen lassen. Der Arrangeur Oliver Gies (geb. 1973) hat dieses Gewand ganz raffiniert „geschneidert“. 

Aber am Anfang steht ja auch noch der Apostel Paulus. Er hatte damals reiche Erfahrungen mit großen Hafenstädten. Lebte er heute, wäre ein Brief von ihm an die Christinnen und Christen in Hamburg gar nicht so undenkbar. Nach Rom schickt er diese Aufforderung, die wir in der zweiten Lesung hören: „Darum nehmt einander an, wie auch Christus uns angenommen hat, zur Ehre Gottes!“ (Römer 15, 7) In der Adventszeit kann ich vieles erneuern. Auch im gegenseitigen Sich-Annehmen, so wie jeder und jede ist. Besonders gut geht das mit Musik! Beim Singen hören wir aufmerksam auf die anderen Stimmen. Es darf auch mal kritisiert werden. Alle bringen ihre Talente ein, zur Ehre Gottes.
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine stimmungsvolle Aufnahme mit dem Ensemble Singer Pur aus der Elbphilharmonie Hamburg.
 
Sonntagsmusik zum 23. November  2025 (Ausgabe 47/2025)
Das Lamm auf dem Königsthron in Georg Friedrich Händels „Messias“
Würdig ist das Lamm, das geschlachtet ist, Macht zu empfangen, Reichtum und Weisheit, Kraft und Ehre.
Ihm sei die Herrlichkeit und die Herrschermacht in Ewigkeit. – Amen.
Offenbarung 5,12 und 1,
 
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Vielstimmig geht es heute zu! Wir feiern das für kirchliche Verhältnisse noch junge Hochfest Christkönig. Vor genau 100 Jahren wurde es eingeführt. „Polyphon“ ist da nicht nur unsere Sonntags-Musik. Auch die Christus beschreibenden Bilder und Symbole in den liturgischen Texten sind geradezu vielfarbig. Gleich der Eröffnungsvers „Würdig ist das Lamm“ stimmt uns auf das Hochfest ein, nennt aber das Wort König gar nicht. Das Zitat aus der Offenbarung des Johannes führt uns ein Lamm vor Augen, dem sieben Eigenschaften zugesprochen werden, unter anderem Macht, Reichtum, Weisheit und Ehre. Das aber sind königliche Insignien! Eines ist sicher: In ein allzu einfaches Königsbild lässt dieser König sich nicht pressen. Er ist auch der gute Hirte, das geopferte Lamm, der Bräutigam der Seele und vieles mehr.

Georg Friedrich Händel (1685-1759) gelingt in seinem berühmten „Messias“-Oratorium ein großes komponiertes Porträt des königlichen Christus. Im Schlusschor geht es um sein Wiederkommen in Herrlichkeit, am Ende aller Tage. Dafür entfacht Händel ein wahres Feuerwerk an Klängen. Wie in Stein gemeißelt hören wir die Überschrift „Würdig ist das Lamm“. Kompakt folgen seine Eigenschaften. Und dann baut Händel mit dem letzten Wort „Amen“ eine Fuge wie eine klingende Kathedrale. Der Schriftsteller Stefan Zweig hat das fantasievoll als „Sternstunde der Menschheit“ beschrieben: „Dieses ‚Amen‘, diese zwei knappen, raschen Silben, sie fasste Händel nun, um aus ihnen ein klingendes Stufenwerk bis in den Himmel zu bauen.“ So löst Händel als Komponist genau das ein, was im heutigem Kommunionvers steht: „Allmächtiger Gott, du hast uns berufen, Christus, dem König der ganzen Schöpfung, zu dienen.“
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Aufnahme mit den Ensembles Voces8 und Apollo5 unter der Leitung von Barnaby Smith.
 
Sonntagsmusik zum 9. November  2025 (Ausgabe 45/2025)
Dieser Ort ist von Gott geschaffen, ein unschätzbares Geheimnis,
ein Heiligtum ohne Makel. 
Liturgie der Kirchweihe, nach Genesis 28,16 f.
 
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Die Sonntagsmusik führt uns zu Anton Bruckner (1824-1896) und an seinen österreichischen Wirkungsort Linz. Sein berühmtes „Locus iste“ (Dieser Ort) war für die Weihe der Votivkapelle des neuen Linzer Doms bestimmt und passt deshalb gut zum heutigen Weihetag der Lateranbasilika. 

Es geht um den „Gotteshausbau“, schon in der Bibel. Denn dort erwacht Jakob aus seinem Traum von der Himmelsleiter mit einem guten Plan: „Dieser Stein soll ein Gotteshaus werden.“ Einige Male ist in den heutigen liturgischen Texten von „Bausteinen“ die Rede. Die Arbeit mit ihnen klappt aber bekanntlich nicht immer reibungslos. Auch in Linz kam es beim Bau des „Neuen Domes“ zu etlichen Verzögerungen. Im Herbst 1869 stand die Votivkapelle, der aber noch die Wand zur unvollendeten Kathedrale fehlte. Selbst wenn Bruckners „Locus iste“ damals noch nicht zu hören war, ist es eine großartige „Kirchen-Musik“ mit klarer klanglicher Architektur! Ebenso archaisch wie modern. Am Beginn ein „reiner“, also makelloser C-Dur-Dreiklang, zu dem die Sopranstimme schrittweise absteigt, was gleich beim zweiten Ton eine herbe Dissonanz ergibt. Diese musikalische „Vokabel“ ist untrennbar mit Bruckners Kirchweihmotette verbunden. 

Vielen mag sie bekannt vorkommen, wofür der britische Komponist Howard Goodall (geb. 1958) verantwortlich zeichnet. Seine Fassung ist nämlich von Bruckner „abgekupfert“ und wurde zur Titelmusik der Fernsehserie „Mr. Bean“.
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Einspielung aus dem Mariendom Linz mit Hard-Chor Linz & Linzer Singakademie unter der Leitung von Alexander Koller.
 
Sonntagsmusik zum 26. Oktober  2025 (Ausgabe 43-44/2025)
„Gott, sei mir Sünder gnädig“ – wie J. S. Bach die Bitte des Zöllners in Musik übersetzt
 
Doch Gott muss mir genädig sein,
Weil ich das Haupt mit Asche,
Das Angesicht mit Tränen wasche,
Mein Herz in Reu und Leid zerschlage
Und voller Wehmut sage:
Gott, sei mir Sünder gnädig!
 
Georg Christian Lehms

 
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Oft ist es nicht nur wichtig, was jemand sagt, sondern auch wie es gesagt wird. Im heutigen Evangelium hören wir von einer selbstbewussten Geste und von einer demütigen Haltung. Selbstbewusst heißt: weit vorne, im Stehen. Demütig hingegen: ganz hinten, sich auf die Brust schlagend, auf die Knie fallend oder fassungslos die Hände ringend. Der Text zu unserer Sonntags-Musik intensiviert die Demut noch zur Buße und Reue: Asche auf dem Haupt wie am Aschermittwoch, unter Tränen. 

Was der Zöllner mit wenigen Worten, aber von Herzen sagt, ist das Bekenntnis „Gott, sei mir Sünder gnädig“. Die Musik stammt von Johann Sebastian Bach, der hier Worte der Kantate „Mein Herze schwimmt im Blut“ aus der Feder des Darmstädter Hofdichters Georg Christian Lehms vertont hat. Lehms und Bach inszenieren alle Stationen der Reue geradezu dramatisch. Das Bekenntnis „Gott, sei mir Sünder gnädig“ setzt melodisch ganz hoch ein und gerät so zum Höhepunkt! Ganz am Ende der Kantate steht dann, wie bei der Beichte, die Versöhnung: „Wie freudig ist mein Herz, da Gott versöhnet ist und mir auf Reu und Leid nicht mehr die Seligkeit noch auch sein Herz verschließt.“ Das spricht wohl auch dem Zöllner aus dem heutigen Evangelium aus dem Herzen.
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Einspielung der Netherlands Bach Society mit der Sopranistin Julia Doyle unter der Leitung von Alfredo Bernardini.
 
Sonntagsmusik zum 12. Oktober  2025 (Ausgabe 41/2025)
Der biblische Ruf „Hab Erbarmen mit mir!“ in opernhafter Musik
 
Lieber Gott, nun ist die arme kleine Messe beendet. Ich bin für die komische Oper geboren, du weißt es wohl! Wenig Kenntnisse, ein wenig Herz, das ist alles. Sei also gepriesen und gewähre mir das Paradies. Gioachino Rossini
 
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„Rossini untertreibt! Denn seine „arme kleine Messe“ ist ein abendfüllendes Werk. Erstmals erklang es im März 1864 zur Weihe einer Privatkapelle in Paris. Während dieser schlichten Zeremonie waren, vermutlich im Salon des Hauses, Vokalsolisten und ein kleiner Chor am Werk, begleitet von zwei Klavieren und einem Harmonium. Am Beginn steht das „Kyrie eleison“, das im Ruf der Aussätzigen „Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns“ eine seiner biblischen Vorlagen hat. Rossini, der von 1792 bis 1868 gelebt hat, komponiert die huldigende Bitte voller Leidenschaft! Er will wohl zeigen, dass auch die Sprache der angeblich weltlichen Oper zum Ausdruck bringen kann, worum es im Glauben geht. 

Erst vor wenigen Jahren wurde entdeckt, dass Rossini im Christe eleison eine Verbeugung vor einem Pariser Kollegen versteckt hat. Der Chor singt da unbegleitet und polyfon, so wie es in der Sixtinischen Kapelle üblich ist. Aber das hat Rossini gar nicht selber komponiert. Vielmehr hat er ein Stück aus einer Messe seines Freundes Louis Niedermeyer in sein neues Stück „eingepflanzt“. So zeigt der italienische Opernkomponist, der seinen Lebensabend in Passy bei Paris verbringt, dass nicht nur die frischeste Musik dem Impuls des heutigen Antwortpsalms gerecht wird: „Singt dem Herrn ein neues Lied!“ Auch „alt“ klingende Musik kann immer neu werden, wenn sie inspiriert und „con amore“ dargeboten wird. Nichts weniger als eine Musik aus dem Herzen hat Rossini hier im Sinn.
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt diese mitreißende Live-Aufnahme mit dem Niederländischen Radiochor unter der Leitung von Leonardo García Alarcón.
 
Sonntagsmusik zum 28. September  2025 (Ausgabe 39/2025)
Treffen sich der arme Lazarus und der Erzengel Michael – in einer Bach-Kantate
 
Bleibt, ihr Engel, bleibt bei mir!
Führet mich auf beiden Seiten,
Dass mein Fuß nicht möge gleiten!
Aber lernt mich auch allhier
Euer großes Heilig singen
und dem Höchsten Dank zu singen! Christoph Birkmann
 
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Unsere Sonntags-Musik mit dem armen Lazarus verbinden wir mit einer Montags-Musik zum Fest der Erzengels Michael. Wie das geht? Johann Sebastian Bach zeigt es uns in seiner Kantate „Es erhub sich ein Streit“. Im Sonntagsevangelium heißt es: „Der Arme starb und wurde von den Engeln in Abrahams Schoß getragen.“
 
In der spirituell-christlichen Tradition ist Michael der Engel, der die Seelen gen Himmel trägt. Bachs Arie beschreibt genau dies als letztes Ziel im Leben. Aber auch der Weg dorthin kommt zur Geltung: Alles beginnt schon „allhier“, wenn wir mit allen Engeln und Heiligen, also auch mit Lazarus, das Sanctus singen. Ganz besonders ist, dass der Leipziger Thomaskantor sich nicht mit dem Text begnügt, den der Tenorsolist singt. Simultan tritt eine Trompete auf, das himmlisch-endzeitliche Instrument. Wir hören von ihr den Choral „Ach Herr, lass dein lieb Engelein am letzten End die Seele mein in Abrahams Schoß tragen“. Das erinnert an den Gesang „Zum Paradies mögen Engel dich geleiten“. Ein eindrucksvolles Bild für den Wunsch aller nach Vollendung. Im Evangelium geht es für Lazarus in Erfüllung! Am Montag geht es dann um Michael, der „lieb Engelein“ und streitbarer Kämpfer zugleich ist. Irgendwie hängt biblisch, liturgisch, poetisch und musikalisch alles miteinander zusammen. Wie in einer großen Harmonie!
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt diese inszenierte Einspielung der Netherlands Bach Society. Die von Daniel Johannsen gesungene Tenor-Arie beginnt bei 11:01.
 
Sonntagsmusik zum 14. September  2025 (Ausgabe 36-37/2025)
Hört vom Holz des Kreuzes – in einem neuen Lied vom fruchtbaren Leiden
 
Holz auf Jesu Schulter, von der Welt verflucht, ward zum
Baum des Lebens und bringt gute Frucht. Kyrie eleison, sieh,
wohin wir gehn. Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn.
Gotteslob 291
 
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Es war vor genau 50 Jahren: Der Theologe und Liederdichter Jürgen Henkys (1929–2015) besucht eine Tagung in Groningen, bei der ein neues niederländisches Gesangbuch vorgestellt wird. Schon auf seiner Heimfahrt nach Berlin überlegt er, welche Lieder daraus er ins Deutsche übertragen will. Zu „Holz auf Jesu Schulter“ schreibt er dann später: „In diesem zugleich kräftigen und stillen Lied wird der Widerstreit von Kreuz und Auferstehung, von Sinnlosigkeit und Lebensreichtum so durchdacht, dass Jesu Geschick und unser eigenes immer mehr zusammen geschaut werden. Das Kreuz als Galgen und damit als Zeichen des Todes erschließt sich dem Glauben als Baum des Lebens.“ Wenn das kein Lied für das Fest Kreuzerhöhung ist!

Der flämische Komponist Ignace de Sutter (1911 bis 1988) lässt sich von der ältesten Musik inspirieren. Das ist der Gregorianische Choral. Der Kyrieruf der Messe „Orbis factor“ (Gotteslob 121 und Abbildung) erklingt als Zitat in der Mitte des Liedes. In Wort und Ton erschließen die sechs Strophen das Geheimnis dieses Holzes. Erst im Licht der Osternacht wird es verstehbar. Im Kreuz liegen Heil, Leben und Hoffnung, wie es am Karfreitag heißt. Der Ruf zur Verehrung „Seht das Holz des Kreuzes“ ist im Lied zu „Hört vom Holz des Kreuzes“ variiert. Auch die „Frucht“ ist ein altes Passionsmotiv, denn als „Baum des Lebens“ erinnert das Kreuz an das Paradies. Deshalb hat das Wort „schwer“ im Lied zwei Bedeutungen: zunächst das schwere Kreuz, dann die schwere Frucht. Und diese Last ist leicht.

Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt diese eindrucksvolle Einspielung des niederländischen Originals, zu der man im Gotteslob (Nr. 291) den deutschen Wortlaut mitlesen kann.
 
Sonntagsmusik zum 31. August 2025 (Ausgabe 34-35/2025)
Nehmen wir demütig Platz an der Tafel!
 
Aus den Dörfern und aus Städten, von ganz nah und auch von fern, mal gespannt, mal eher skeptisch, manche zögernd, viele gern, folgten sie den Spuren Jesu, folgten sie dem, der sie rief, und sie wurden selbst zu Boten, das der Ruf wie Feuer lief: Eingeladen zum Fest des Glaubens …
Eugen Eckert

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Im Evangelium erzählt Jesus von einem Festmahl, zu dem viele eingeladen sind. Sein Tipp für jeden Gastgeber: „Lade Arme, Lahme und Blinde zum Essen ein.“ Eine musikalische Einstimmung für heute ist das Lied „Aus den Dörfern und den Städten“ mit dem Refrain „Eingeladen zum Fest des Glaubens“. Eugen Eckert (geb. 1954), Stadionpfarrer der Commerzbank-Arena und Autor von über 1000 Liedtexten, hat die vier Strophen 1989 für einen „Tag der Katecheten“ im Bistum Limburg verfasst. Die Musik stammt von Alejandro Veciana (geb. 1962), der damals ebenso wie Eckert zur NGL-Band Habakuk gehört hat und der heute hauptberuflich an einer Gesamtschule in Hanau Musik und Spanisch unterrichtet. 

Mit diesem Lied kann man sich leicht identifizieren: singend, spielend und hörend. Das Bild eines Gastmahls wird uns mit textlichen und musikalischen Farben vor Augen und Ohren geführt. In der vierten Strophe muss man etwas aufpassen, weil jetzt aus dem erzählenden „sie folgten“ und „sie wurden zu Boten“ ein „Wir“ geworden ist: Wir folgen und werden so zu Boten des Gottesreiches. Nichts Anderes will Jesus, der auch für die Gäste beim Festmahl einen Tipp parat hat: Sie – pardon: wir! –  sollen uns demütig unten an die reich gedeckte Tafel setzen und nicht ganz oben. Aber das ist schon wieder ein neuer Aspekt unserer heutigen Geschichte, zu dem es auch Musik gibt …
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Einspielung mit der Band Habakuk
 
 
Sonntagsmusik zum 17. August  2025 (Ausgabe 32-33/2025)
Igor Stravinsky vertont einen Psalm als Gebet für Chor und Orchester
 
Gehofft hatte ich, ja gehofft auf den Herrn; da neigte er sich mir zu und erhörte mein Rufen. Er zog mich heraus aus der Todesgrube, aus Unrat und Schlamm. Er stellte meine Füße auf Felsgrund und festigte meine Schritte. Er legte mir ein neues Lied in den Mund …
(Psalm 40, 1-4)
 
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Was der heutige Antwortpsalm hier im vierten Vers erzählt, das ereignet sich immer aufs Neue, wenn Verse der Psalmen zu Musik werden: im Komponieren, Spielen und Singen, einstimmig oder vielstimmig, mit Chor und Orchester. Ein ausdrucksstarkes aus dem Jahr 1930 ist die Psalmensinfonie von Igor Stravinsky (1882-1971). Im mittleren Satz hören wir die Anfangsverse des heutigen Antwortpsalms in lateinischer Sprache. Über der Partitur steht: „Diese zur Ehre Gottes komponierte Sinfonie ist dem Boston Symphony Orchestra zum Anlass des fünfzigsten Jahrestages seines Bestehens gewidmet.“

Stravinsky greift viele Einflüsse aus Ost und West auf. Er war ja ein musikalischer Weltbürger mit Lebensstationen in Russland, Frankreich und Amerika. In der Psalmensinfonie will er die vokalen und instrumentalen Kräfte so ausbalancieren, dass alte Traditionen nachklingen und zugleich etwas ganz Neues entsteht. Der zweite Satz beginnt, typisch instrumental, mit einer Fuge. Bald mischt sich der Chor ein, was sogar eine Doppelfuge ergibt! Und mit den hymnischen Klängen zur Verheißung des „Neuen Liedes“ schlägt Stravinsky in der Geschichte der Psalmkomposition ein neues Kapitel auf.
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Aufnahme aus der Liederhalle Stuttgart mit den Ensembles des SWR unter der Leitung von Pablo Heras-Casado. Der zweite Satz beginnt bei 3:15.
 
Sonntagsmusik zum 3. August  2025 (Ausgabe 31/2025)
Was vergeht und was bleibt – in einem Kanon von Samuel Rothenberg
 
Alles ist eitel, du aber bleibst, und wen du ins Buch des Lebens schreibst. Du aber bleibst, du aber bleibst …
(nach Kohelet 1,2; Psalm 102,27, Offenbarung 3,5)
 
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„Wechselbäder sollen gesund sein für den Körper! Die heutigen biblischen Texte bieten ein geistliches Wechselbad. Es geht um das, was vergänglich ist und um das Bleibende. Die Erste Lesung bleibt skeptisch und vergleicht alles auf Erden mit einem „Windhauch“. Anders übersetzt heißt dieser Vers „Alles ist eitel.“ So beginnt ja auch ein berühmtes Gedicht des Barockpoeten Andreas Gryphius. Wer aber kann der Vergänglichkeit entkommen? Das ist der „neue Mensch“, der in Christus Kraft findet und den Paulus in der Zweiten Lesung beschreibt. Im Evangelium betont Jesus dann den Unterschied zwischen denen, die irdische Schätze anhäufen und jenen, die „bei Gott reich“ sind. Noch ein Wechselbad!

Text und Musik dieses Kanons entstanden 1942. Beide, der Autor Gerhard Fritzsche (1911-1944) und der Musiker Theophil Rothenberg (1912 -2004), haben sich mit der „Bekennenden Kirche“ gegen die Nationalsozialisten aufgelehnt. Dass deren Ideologie nicht bleiben wird, war ihnen klar. Denn Gott allein bleibt! Und mit ihm auch alle Menschen, die durch die Taufe ins „Buch des Lebens“ eingeschrieben sind. Mit den Worten „Alles ist eitel“ sinkt die Melodie im eintönigen Rhythmus in die Tiefe, wie das Gras im heutigen Antwortpsalm (Psalm 90,6). „Du aber bleibst“ wird zur vielfach wiederholten Gewissheit, mit der die drei Stimmen gegen die Vergänglichkeit ansingen. Ja, sie blühen auf wie Blumen in einer Landschaft. Und all das im harmonischen Wechselbad von Moll und Dur!
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Aufnahme aus Potsdam.
 
Sonntagsmusik zum 6. Juli  2025 (Ausgabe 26/2025)
„Bitte um inneren und äußeren Frieden“: In Beethovens „Missa solemnis“

Agnus Dei, qui tollis peccata 
mundi, miserere nobis. 
Dona nobis pacem.
Lamm Gottes, du nimmst 
hinweg die Sünde der Welt, 
erbarme dich unser. 
Gib uns den Frieden.    
                                        (Liturgie)   
 
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Jesu Aufforderung im heutigen Evangelium „Wenn ihr in ein Haus kommt, so sagt als Erstes: Friede diesem Haus!“ lässt sich leicht musikalisch variieren. Etwa so: Wenn ihr Musik macht, dann singt immer wieder vom Frieden! Zahllose Komponisten und nicht zuletzt die vielen Kinderchöre im „Pueri-Cantores-Verband“ tun dies. 
 
Sehr gut zum heutigen Evangelium passt Ludwig van Beethovens (1770-1827) einzigartige Friedensmusik in seiner „Missa solemnis“, die er für sein größtes Werk hielt. In der Partitur steht vor den Noten eigens ein Motto: „Bitte um inneren und äußeren Frieden“. Wie aber klingt dies? Beethoven beginnt sehr sanft im Tempo Allegretto vivace. Bald wird die Musik drängender und die Vokalsolisten mischen sich ins Geschehen ein. 
 
Beethoven macht aus der Bitte ein Drama. Gegen die Friedensverheißung von oben stellt sich unten, mitten in der Welt, der Kriegslärm in Gestalt von zwei Mal anrückenden fanfarenhaften Klängen der Trompeten und Pauken. Die Bitte wird zum Schrei nach Frieden – und dann zum Dank. Aber selbst in diesen Dank mischt sich noch dumpfer Paukenklang wie eine Warnung: Der innere wie äußere Friede bleiben gefährdet. Nichts Anderes erleben die Jünger im Evangelium – und wir derzeit. Beethoven will mit seiner Messe verkündigen und aufrütteln. Sein Motto über der Partitur heißt: „Von Herzen – möge es wieder – zu Herzen gehen!“
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Aufnahme des Hessischen Rundfunks unter Leitung von Andrés Orozco-Estrada. Beginn des „Dona nobis pacem“ bei 1:11:10.
 
Sonntagsmusik zum 20. Juli  2025 (Ausgabe 29/2025)
Die ungleichen Schwestern im Konzert für zwei Bratschen von Sofia Gubaidulina
 
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Über die beiden Frauen Marta und Maria haben schon viele Leserinnen und Leser des heutigen Evangeliums nachgedacht. Die 1931 geborene und jüngst am 31. März 2025 verstorbene Komponistin Sofia Gubaidulina geht einen anderen Weg. Sie schreibt keinen Text mit Buchstaben, sondern eine Partitur mit vielen Noten. Es musizieren zwei Bratschen, die man auch Violen nennt, und ein großes Orchester. Also ein „Doppelkonzert“. Über den Noten aber steht eine Zueignung: „Marta und Maria gewidmet“. Auftraggeber war der Dirigent Kurt Masur gewesen, der 1999 die umjubelte Uraufführung mit den New Yorker Philharmonikern dirigiert hat. Der eigentliche Titel heißt übrigens „Zwei Wege“, was ja gut zu den beiden biblischen Frauen passt.

Sofia Gubaidulina war in der Sowjetunion unbeliebt, auch wegen ihres Glaubens und ihrer religiösen Werke. Seit 1992 lebte sie in einem Dorf in der Nähe von Hamburg. Mit den „zwei Wegen“ macht sie es sich nicht einfach. Sie sagt dazu: „In dieser Komposition spielt das Orchester die Rolle des Initiators, denn in ihm spielen sich eine Reihe dramatischer Episoden ab, die manchmal sehr wild sind. Für die beiden Solistinnen wirft das Fragen auf, die sie beantworten müssen.“ Das geschieht in insgesamt sieben Variationen. Die beiden solistischen Bratschen (Violen) dialogisieren miteinander und mit dem Orchester. Sie entfernen sich voneinander, um sich wieder anzunähern. Am Ende ist die erste Viola, vermutlich die kontemplative Maria ganz oben im Klangraum, fast himmlisch, während Marta die untere Klangregion aufsucht. Und das Publikum? Vielleicht sind wir in der Mitte, hin und hergerissen?
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Aufnahme mit den Solistinnen Isabel Villanueva und Marina Katarzhnova sowie dem Estonian National Symphonieorchester unter der Leitung von Andres Mustonen. 
 
Sonntagsmusik zum 22. Juni  2025 (Ausgabe 25/2025)
„,Mir nach‘, spricht Christus, unser Held“: Ein Lied zwischen Kreuz und Krone

„Mir nach“, spricht Christus, 
unser Held,
„mir nach, ihr Christen alle!
Verleugnet euch, verlasst die Welt,
folgt meinem Ruf und Schalle;
nehmt euer Kreuz und Ungemach
auf euch, folgt meinem Wandel nach.“
 
So lasst uns denn dem lieben Herrn
mit unserm Kreuz nachgehen
und wohlgemut, getrost und gern
in allen Leiden stehen.
Wer nicht gekämpft, 
trägt auch die Kron
des ewgen Lebens nicht davon.    
 
(Angelus Silesius, 1668)
 
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Ein bekanntes Lied passt zum heutigen Evangelium. Angelus Silesius (1624-1677), der schlesische Engelsbote, hat Jesu Ruf in die Nachfolge zu einem Gedicht gestaltet. Im Evangelium hören wir Jesu Stimme: „Wer mir nachfolgen will, verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ Das Lied entfaltet die biblische Botschaft aus Jesu Mund in fünf Strophen, um dann noch eine Antwort anzuschließen. Dabei bringt Silesius das ganze christliche Leben auf einen doppelten Nenner: Kreuz und Krone.

Das Lied im „Ton“ eines Gelöbnisses will eine Stärkung in der Nachfolge sein. Weil Silesius keine Kompromisse macht, gehen seine Strophen nicht so leicht von den Lippen. Zwischenfragen melden sich: Warum soll ich mich „verleugnen“ und die Welt verlassen? Da engagiere ich mich doch lieber für „die Kirche in der Welt von heute“! Das aber hat der barocke Autor ja auch getan, als er seine Lieder in die Welt schickte. Letztlich geht es darum, dass der Nachfolge nichts vorgezogen wird. Die Gemeinsame Synode der deutschen Bistümer hat das vor Jahrzehnten auf eine schöne Formel gebracht: „Nachfolge genügt!“ Wer das bedenkt, kann sich mit den kämpferischen Bildern dieses Liedes vielleicht besser anfreunden. Die schwungvolle Melodie des Leipziger Thomaskantors Johann Hermann Schein mag das unterstützen. Und ein Seitenblick auf das Bild mit Kreuz und Krone bestätigt es: Die Krone überstrahlt sogar das Kreuz.
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Aufnahme mit dem Ensemble „Stimmwerck“
 
Sonntagsmusik zum 8. Juni 2025 (Ausgabe 23-24/2025)
„Komm, Heiliger Geist“ in der Sprache der Orgelmusik
 
Komm, o Geist der Heiligkeit!
Aus des Himmels Herrlichkeit
Sende deines Lichtes Strahl!
 
Vater aller Armen du,
Aller Herzen Licht und Ruh’,
Komm mit deiner Gaben Zahl!
 
Heil’ger Geist, wir bitten dich,
Gib uns allen gnädiglich
Deiner Gaben Siebenzahl.

(Heinrich Bone nach Stephan Langton)

 
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Die Pfingstmusik führt uns in die Kathedrale Notre-Dame in Paris. Die Kirchenmusiker dort singen und spielen nicht nur, was andere geschrieben haben. Nein, sie improvisieren und komponieren auch! „Hauskomponist“ des im Advent 2024 nach dem verheerenden Brand neu eröffneten Gotteshauses ist der 1964 in Paris geborene Yves Castagnet. An den Werktagen begleitet er als Chororganist die Abendgottesdienste, das sind Vesper und Messe, an Sonntagen die Eucharistiefeier im Dialog mit einem seiner vier Kollegen an der großen Orgel. Neben dieser Hauptaufgabe gibt er Konzerte und widmet sich dem Komponieren. Bei der Einspielung seines „Veni Sancte Spiritus“ (vgl. Gotteslob Nr. 343 und 344) begleitet er die Sängerinnen und Sänger des Notre-Dame-Chors, den Henri Chalet seit 2014 leitet.

Wie klingen die vielen Bitten um den Heiligen Geist bei Yves Castagnet? Zu einem Klangteppich der Orgel hören wir ein wogendes Auf und Ab der Chorstimmen, oft in Frauen- und Männerstimmen geteilt. Beim Motiv des „Höchsten Trösters“ beruhigt sich die Musik. Es folgt ein Orgelzwischenspiel mit ruhigen Gesten und ein neuer Aufschwung beim Stichwort des Lichtes. Castagnet gelingt die musikalische Quadratur des Kreises: Wir hören viel Abwechslung, weil immer neue Geist-Themen ins Spiel kommen, fast wie bei einer Litanei. Und zugleich gibt es einen großen Bogen, der die Einheit des Stückes ausmacht. Und dann ist noch Luft für eine letzte pfingstliche Steigerung beim festlichen „Amen“.
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Aufnahme aus Paris mit der Maîtrise de Notre-Dame unter der Leitung von Henri Chalet und dem Komponisten Yves Castagnet an der Orgel.
 
Sonntagsmusik zum 25. Mai 2025 (Ausgabe 21/2025)
Himmelsklänge im Gotteslob-Lied „Jerusalem, du hochgebaute Stadt“ 

Menschliche Gedanken können die Herrlichkeit der himmlischen Stadt Jerusalem nicht erreichen. Wie Kinder müssen wir uns deshalb mit Bildern belustigen. Welche Lobgesänge dort erklingen, können wir auch nicht wissen. Dass es aber ohne Lobgesänge nicht abgehe, das ist allen Frommen bekannt.
 
nach Johann Matthäus Meyfart

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Die Zweite Lesung führt uns heute das farbenfrohe Bild einer Stadt vor Augen: mit Toren, Engeln und Edelsteinen. So sieht Johannes auf Patmos, der Autor des letzten Buches im Neuen Testament, ganz visionär die himmlische Stadt Jerusalem. Die Sonntags-Musik ergänzt das mit der Frage: Wie klingt denn diese Stadt? Um da­rauf zu antworten, haben schon viele Komponisten aller Epochen nach passenden Klangfarben gesucht. 

Zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges wirkte der Theologe Johann Matthäus Meyfart (1590-1642) in Coburg und Erfurt. Sein Lied „Jerusalem, du hochgebaute Stadt“ beschließt hymnisch eine Predigt mit dem schönen Titel „Von der Freude und Herrlichkeit, welche alle Auserwählten in dem ewigen Leben zu gewarten haben“. Dieses im Gotteslob zu entdeckende „Tongemälde“ in fünf Strophen (GL 553) ist eine poetisch-musikalische Annäherung an das himmlische Jerusalem. 

Die erste Strophe beginnt sehnsuchtsvoll und führt eilig „aus dieser Welt“. In der zweiten und dritten Strophe aber ändert sich die Richtung. Den Singenden kommt nun die Schar der Vollendeten entgegen, mit Propheten und Patriarchen. Die Melodie setzt mit Fanfarenstößen ein! Sie stammt von Melchior Franck (1579-1639), der in Coburg als Kapellmeister gewirkt hat. Geradezu bildhaft zeichnet er den Weg in Richtung Jerusalem nach. Warum aber weisen gleich die ersten Noten abwärts und nicht aufwärts wie der Blick gen Jerusalem, zur „hochgebauten Stadt“? Unser Sehnen nach der himmlischen Stadt wird dann erfüllt, wenn das ewige Jerusalem, wie es in der heutigen Zweiten Lesung heißt, „von Gott her aus dem Himmel herabkommt“ (Offenbarung 21, 10). Dazu passt bestens die absteigende Melodie, zumal sie beim Wort „hochgebaut“ bereits wieder nach oben weist.
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Aufnahme mit der Jungen Kantorei der Basilikamusik Kevelaer unter Leitung von Romano Giefer.
 
Sonntagsmusik zum 11. Mai 2025 (Ausgabe 19/2025)
Von Schafen und guten Hirten in Johann Sebastian Bachs Musik 

Schafe können sicher weiden,
Wo ein guter Hirte wacht.
Wo Regenten wohl regieren,
Kann man Ruh und Friede spüren
Und was Länder glücklich macht.
 
Salomon Franck
 
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Eines der beliebtesten Stücke von Johann Sebastian Bach passt sehr schön zum heutigen Sonntag, an dem Jesus verkündigt: „Meine Schafe hören auf meine Stimme; ich kenne sie und sie folgen mir“ (Johannes 10,27). Dieses Motiv spielt in etlichen kirchlichen Bach-Kantaten eine Rolle. Unsere musikalische Einstimmung in den „Sonntag des Guten Hirten“ stammt jedoch aus Bachs „Jagdkantate“ und hat somit einen weltlichen Ursprung. Diese Komposition erklang erstmals im Jahr 1713 an dem zwischen Halle und Jena gelegenen Hof zu Weißenfels. Zu den Geburtstagsfeierlichkeiten des Fürsten Christian gehörte damals nicht nur die große Jagd, sondern auch eine opulente Tafelmusik in 15 Sätzen. In einer der Arien ist als Sopran die Göttin der Hirten und Felder zu hören. Sie preist den weltlichen Regenten als guten Hirten, was bei Christian von Sachsen-Weißenfels im Blick auf seine Misswirtschaft und immer mehr angehäufte Schulden aber leider nicht zutraf. Das durfte der Weimarer Hofpoet Salomon Franck in seiner Textvorlage freilich nicht erwähnen.

Musikalisch zeichnet Johann Sebastian Bach ein idyllisches Bild der Natur. Zwei Blockflöten ergehen sich in den sanften Klängen, fast wie in einer Landschaft. Die parallel geführten Stimmen verweisen auf ein glückliches Einvernehmen zwischen dem Hirten und seiner Herde. Aber ist es im geistlichen Bereich denn anders? Wohl kaum. Auch hier kann es an beiden Seiten liegen, wenn die Eintracht mehr oder weniger gut gelingt. Letztlich aber geht es – neben dem weltlichen und dem geistlichen Aspekt – um einen dritten Bereich. Was kein Regent und kein Pastor sagen kann, hören wir aus dem Mund Jesu: „Ich gebe ihnen ewiges Leben. Sie werden niemals zugrunde gehen und niemand wird sie meiner Hand entreißen“ (Johannes 10,28). Daran mitarbeiten dürfen alle! Auch daran erinnert uns – in den Klängen von Bachs pastoraler Musik – der heutige Sonntag mit Priesterweihe.
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt dieses Mal eine Aufnahme vom Toronto Bach Festival mit der Sopranistin Ellen McAteer.
 
Sonntagsmusik zum 13. April  2025 (Ausgabe 15/2025)
Hosanna im Siebenachtel-Takt für Frauenchor von Knut Nystedt

Hosanna dem Sohne Davids! Gepriesen, der kommt im Namen des Herrn, der König von Israel. Hosanna in der Höhe!
(Matthäus 21,9)
 
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Wer den Palmsonntag mit einem einzigen Wort beschreiben will, greift am besten zum Ruf „Hosanna“. Das hebräische Wort stammt aus Psalm 118, 25 und bedeutet „Hilf doch!“ Bei Jesu Einzug in Jerusalem dominieren die Palmzweige optisch. Die „Klang-Kulisse“ sind die vielstimmigen „Hosanna“-Rufe. Wie das geklungen hat, wissen wir freilich nicht. Vermutlich eher ekstatisch, aber kaum wohltemperiert und geordnet. In der frühen Kirche wird „Hosanna“ immer mehr zum Jubelruf. Und viel später gibt es auch adventliche Hosanna-Kompositionen, weil es ja auch am Beginn des Kirchenjahres um Jesu Ankunft geht. 

Zur Einstimmung in den Palmsonntag wählen wir eine Vertonung des norwegischen Komponisten Knut Nystedt (1915-2014) für Frauenchor. Nystedt hat die internationale Chorlandschaft mit vielen Werken bereichert, die ebenso modern wie leicht zugänglich sind. Beim „Hosanna“ spielt er damit, dass man dieses Wort, ähnlich wie den österlichen Ruf „Halleluja“, auf jeder Silbe betonen kann. Überdies lässt Nystedt alle möglichen Rhythmen geradezu durcheinanderpurzeln. Es darf vor lauter Aufregung einfach keinen stabilen Takt geben! Deshalb müssen die Sängerinnen den Wechsel zwischen Vierer- und Dreiertakt beherrschen, aber auch den Siebenachteltakt. All das erweckt den Eindruck eines großartigen Fan-Gesangs. Immer wieder kommt es zu klanglichen Höhepunkten, wenn die Chorgruppen sich rhythmisch treffen. Gegen Ende gelingt Nystedt eine große Steigerung: aus der Tiefe bis in die höchsten Höhen. Die letzten Worte „in excelsis“ erklären uns auch, warum das so ist: Das irdische „Hosanna“ ruft sogar die sangeskundigen Engel herbei, die mitsingen sollen. Warum nicht auch schon am Palmsonntag?  
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine mitreißende Einspielung der Damen des SWR-Vokalensembles unter Leitung ihres Chefdirigenten Yuval Weinberg.
 
Sonntagsmusik zum 30. März  2025 (Ausgabe 13/2025)
Was der barmherzige Vater und der verlorene Sohn sich zu sagen haben

Sohn: Ach, mein Vater, ich hab gesündiget im Himmel und vor dir und bin nicht wert, dass ich dein Sohn heiße. Aber, o Gott, o barmherziger Vater, der du nicht Lust hast an dem Tod des Sünders, sondern dass er sich bekehre und lebe. Schone, ach schone und erbarme dich meiner.
Vater: Sei getrost, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.
Choral: Weicht! Ihr Trauergeister, denn mein Freudenmeister Jesus tritt herein … (nach Lukas 15)
 
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Haus- und Hofmusiker des Konradsblatts könnte unser heutiger Komponist sein! Liegen doch zwischen dem Ort der Redaktion heute und seiner damaligen Wirkungsstätte nur etwa sechs Kilometer. Aber der kaum noch bekannte Georg Christoph Strattner (1644-1704) hatte ja bereits einen guten Job: Er stammte aus einer Organistenfamilie und war mit 21 Jahren schon Hofkomponist in Baden-Durlach. Später zog es ihn nach Frankfurt und Weimar. 

Im Jahr 1689, als Strattner bereits Kapellmeister an der Barfüßerkirche zu Frankfurt war, entstand sein geistliches Konzert über das heutige Evangelium. Beim Text greift er auf eine Dichtung zurück, die der Barockpoet Christian Weise in seiner Sammlung „Reife Gedanken“ veröffentlicht hatte.

Viel Jammer steckt schon im ersten „Ach“, das Strattner musikalisch mehrfach auskostet. Wenn dann Vater und Sohn dialogisieren, wirkt der Satz „Sei getrost, mein Sohn, sei getrost“ wie ein väterlicher Segen. Er ist stärker als die Untreue des Sohnes: „Gott hat es mir versprochen, das Wort bleibt ungebrochen.“ Der Sohn nimmt die Versöhnung an und singt: Ich bin getröstet, auch wenn „sich mein Feind erbost“ oder „ich am Leibe leide“. Auf den innigen Dialog folgt eine abschließende Quintessenz. Diese dichtet der Textautor jedoch nicht selbst, sondern nimmt sie aus dem Gesangbuch. In der musikalischen Muttersprache der Gemeinde erklingt die letzte Strophe „Weicht, ihr Trauergeister“ aus dem bekannten Lied „Jesu, meine Freude“. Auch im Gleichnis folgen nun „Musik und Tanz“. Und der unzufriedene zweite Bruder. Aber das ist eine weitere Geschichte …

Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Einspielung mit dem Ensemble „Les Escapades“ unter Leitung von Cosimo Stawiarski.
 
Sonntagsmusik zum 16. März  2025 (Ausgabe 11/2025)
Verklärung Christi mit Geigen und Gongs, Tam-Tam und Vogelstimmen

Dein Donner dröhnt im Wettersturm, Blitze erhellen den Erdkreis, es bebt und wankt die Erde. – Jesus Christus ist
der Abglanz der Herrlichkeit Gottes und das Abbild seines Wesens.

(Psalm 77, 19/Hebräerbrief 1, 3) 
 
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Auch Musikerinnen und Musiker haben ihre Lieblingsverse in der Bibel! Der französische Organist und Komponist Olivier Messiaen (1908-1992), der auch Vogelkundler war, mochte das heutige Evangelium sehr. Er hat ihm sogar ein monumentales Werk mit dem Titel „Die Verklärung unseres Herrn Jesus Christus“ gewidmet. Dabei treten auf: Vokalsolisten und Violoncello, über hundert Chorsängerinnen und -sänger sowie ein großes Orchester mit so exotischen Instrumenten wie Gong und Tam-Tam. Messiaen will alles aufbieten. Neben vertonten Zitaten aus der Bibel und aus Schriften des Kirchenlehrers Thomas von Aquin hören wir zahlreiche Vogelstimmen. Diese emotionale und überwältigende Musik kann uns auf das Hören des Evangeliums einstimmen.

Im dritten der 14 Sätze geht es um die Herrlichkeit Jesu Christi im göttlichen Glanz. Das Grundmotiv des Lichtes erscheint im Bild des Blitzes, unter Berufung auf Psalm 77, 19: „Blitze erhellen den Erdkreis.“ Dann stimmt auch die Natur in das Ehrfurcht gebietende und überwältigende Geschehen auf dem Berg der Verklärung ein. Und da heißt Messiaens Motto: Keine Angst vor exotischen Vogelstimmen! „Zwei Vögel, die Alpendohle und die Alpenbraunelle, vereinen ihre Stimmen mit denen der Prachtsperlinge aus Afrika und des Baltimoretrupials aus Nordamerika.“ Sogar die Bereiche oben und unten sind klanglich vereint, wenn die hohen Instrumente Marimba und Xylorimba gemeinsam mit der tiefen Kontrabasstuba erklingen. Für die göttliche Majestät Christi wählt Messiaen gegen Ende einen choralhaften Duktus mit „gewaltigen Akkorden“. Doch auch die menschliche Reaktion darf nicht fehlen. Die verwunderten Jünger erholen sich und finden zur Bewunderung. Ein Vogel darf uns das näherbringen, begleitet von den Hörnern des Orchesters: „Die Louisiana-Eule drückt ehrfürchtige Bewunderung aus …“
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Aufnahme der BBC mit mehreren Chören und dem BBC National Orchestra of Wales (Satz 3 beginnt bei 10 Minuten).
 
Sonntagsmusik zum 2. März  2025 (Ausgabe 9/2025)
Wie der Komponist Carl Loewe den Apostel Paulus vertont

Es wird gesäet verweslich und wird auferstehen unverweslich! Wenn aber das Verwesliche wird anziehen das Unverwesliche, und das Sterbliche wird anziehen die Unsterblichkeit, dann wird erfüllet werden das Wort, das geschrieben steht: Der Tod ist verschlungen in den Sieg! Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch unsern Herrn Jesum Christum! Amen.
 
1 Korinther 15, 54 und 57
 
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„Denn wovon das Herz überfließt, davon spricht sein Mund.“ Der Schluss des heutigen Evangeliums bewahrheit sich in der zweiten Lesung. Paulus formuliert hier die wohl ältesten Sätze über Jesu Ostersieg, die jemals schriftlich festgehalten wurden. Zunächst spielt er auf ein Bild aus der Natur an: Das Samenkorn muss sterben, damit es als neue Frucht „auferstehen“ kann. Dann folgt ein zweiter Vergleich, nun aus der Kultur: Gott will uns Sterblichen die Unsterblichkeit wie ein Kleid „anziehen“. Und drittens die steile These mit einem nochmals neuen Bild: „Der Tod ist verschlungen in den Sieg.“ Wenn das keine gute Vorlage für eine Musik ist! 

Der Komponist Carl Loewe (1796-1869) ist bis heute durch seine Balladen bekannt. Er war in Stettin auch kirchenmusikalisch tätig. 1847 entstand seine zweistündige Passionsmusik „Das Sühnopfer des Neuen Bundes“, deren Text von Wilhelm Telschow stammt. Dieser hat hauptberuflich kaufmännische Lehrbücher verfasst und nebenberuflich geistliche Texte für Komponisten geschrieben, in denen er viele biblische Sätze zitiert.

Geheimnisvoll und leise setzen Chor und Orchester ein. Bald bahnt sich eine große Steigerung an, die zum Wort „erfüllet“ hinzielt. Die große Spannung entlädt sich in einer Doppelfuge. Das erste Thema „Der Tod ist verschlungen in den Sieg“ ist ein dichtes Gewebe aller Stimmen. Der „Sieg“ klingt wie ein aufgeregtes, immer nach oben strebendes Bekenntnis und die menschliche Antwort „Gott aber sei Dank“ kommt wie ein Choral daher. Was kann dann noch folgen? Carl Loewe krönt seinen Schlusschor mit einem feierlichen „Amen“. Der fließende Strom der vielen Stimmen fügt sich zu einem klingenden Dom. Diese Musik ist, von der Orgel begleitet, auch geeignet als Abschluss des Hochgebets nach den Worten „Durch ihn und mit ihm und in ihm …“ in der Messfeier. Diese Noten sind im Freiburger Chorbuch 2 zu finden.
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Aufnahme mit den Arcis-Vocalisten München und dem Orchester L‘Arpa Festante unter Thomas Gropper.
 
Sonntagsmusik zum 16. Februar  2025 (Ausgabe 7/2025)
Lust am Gesetz des Herrn? Mit einem neuen Lied über Psalm 1

Wohl dem, der nicht wandelt
im Rat der Gottlosen …
Wohl dem, der da Lust hat,
an dem Gesetz des Herrn …
Der ist wie ein Baum,
gepflanzt an den Wasserbächen,
der seine Frucht bringt zu seiner Zeit,
und seine Blätter verwelken nicht.
 
Peter Strauch nach Psalm 1
 
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Die Worte „Wohl denen …“ und „Selig sind …“ oder „Gesegnet der Mensch …“ hören wir an diesem Sonntag in den biblischen Texten einige Male. Das ist sozusagen der Cantus firmus, zu dem es aber auch eine Gegenstimme gibt: „Weh Euch, wenn Ihr …“. Die biblische Botschaft stellt uns vor Entscheidungen, weil von zwei Wegen nur einer der Richtige ist. So sagt es schon Psalm 1, der Antwortpsalm heute. Er entwirft nichts weniger als ein Programm für das Leben und gibt dazu gute Ratschläge. Im Mittelpunkt steht die „Tora“, die fünf Bücher Mose als „Gesetz“ oder besser als Weisung. Richtig lebt, wer diese Botschaft nicht nur kennt, sondern ihr „mit Lust nachsinnt“ (Martin Luther), und zwar Tag und Nacht. Und warum nicht auch mit Musik, heute mit einem Neuen Geistlichen Lied?

Vermutlich denken Sie, dass Sie Peter Strauch (geb. 1943), den Liedermacher der heutigen Sonntags-Musik, nicht kennen? Vielleicht aber doch! Im Gotteslob Nr. 841 findet sich sein bekanntes Lied „Meine Zeit steht in deinen Händen“. Viele kennen auch sein „Herr, wir bitten, komm und segne uns“. Strauch ist ein evangelisch-freikirchlicher Theologe. Seine Kompositionen kommen popmusikalisch daher, so auch das Psalmlied zu Psalm 1. Die eingängige Melodie wird sogleich von einer zweiten Stimme aufgegriffen: Ja, das Psalmwort will sich ausbreiten. Bei den verheißungsvollen Worten „Der ist wie ein Baum“ schwenkt die Musik in eine neue Tonart: F-Dur statt dem anfänglichen d-Moll. Und jetzt finden die beiden Stimmen zusammen.
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Aufnahme aus Eppingen.
 
Sonntagsmusik zum 2. Februar  2025 (Ausgabe 5/2025)
„Wo solche Bässe hernehmen?“ Wie Rachmaninow Simeons Lobgesang komponiert

Nun lässt du, Herr, deinen Knecht,
wie du gesagt hast, 
in Frieden scheiden.
Denn meine Augen haben 
das Heil gesehen,
das du vor allen Völkern 
bereitet hast.
Ein Licht, das die Heiden erleuchtet
und Herrlichkeit für dein Volk Israel.
(Lukas 2, 29-32)
 
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Uraufführungen musikalischer Werke haben so ihre Tücken. Bei dieser Sonntagsmusik zur Darstellung des Herrn fragte der Dirigent den Komponisten: „Um Himmels willen, wo sollen wir solche Bässe hernehmen? Die sind so rar wie der Spargel zur Weihnachtszeit!“ Immerhin müssen diese Bässe, die man „Oktavisten“ nennt, hier beim Lobgesang des Simeon gegen Ende bis zum Ton Kontra-B hinabsteigen, das einen Ganzton unter dem tiefen C liegt. Der gefeierte Pianist und Komponist Sergej Rachmaninow (1873-1943) hat jenen Dirigenten aber beruhigen können. Schließlich wusste er ganz genau, was russischen Bässen zugemutet werden darf. Zudem war er fasziniert von der orthodoxen Liturgie mit ihren himmlischen Längen, kostbaren Gewändern, Kerzen und Weihrauch.
 
In seiner „Ganznächtlichen Vigil“ verschmelzen „abendfüllend“ das kirchliche Nachtgebet und der Morgengesang. Rachmaninow folgt dienend der byzantinischen Liturgie, deren Grundregeln er von Kindheit an gut kennt: Alles außer der Predigt wird gesungen! Ja, die gesamte Liturgie ist ein einziger großer Lobgesang, oftmals mehrstimmig, sogar doppelchörig, und mit vielen Wiederholungen, jedoch ohne instrumentale Begleitung. Zu Simeons Gesang, verkörpert vom Solotenor, singen die Frauenstimmen ein Wiegenlied. Da mag einem die Liedzeile „Der Tod ist mein Schlaf worden“ in den Sinn kommen. Wenn von „allem Volk“ gesungen wird, das an der „Herrlichkeit“ des Höchsten Anteil hat, hören wir eine hymnische Aufwallung mit vielen Stimmen. Am Ende verklingt der biblische Lobgesang ganz leise. Simeon ist mit sich im Reinen. Er will als „Christusträger“ auf alles Diesseitige verzichten, um sich das Himmlische schenken zu lassen.
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine stimmungsvolle Aufnahme aus der Kölner Kirche St. Peter (Kunststation) mit dem Tenor Kwon-Shik Lee und WDR-Rundfunkchor unter der Leitung von Nicolas Fink. Der Lobgesang des Simeon beginnt bei 13:38.
 
Sonntagsmusik zum 19. Januar 2025 (Ausgabe 3/2025)
Kirche in Vielfalt und Einheit: Dieter Trautweins „Strahlen brechen viele“
 
Strahlen brechen viele 
aus einem Licht.
Unser Licht heißt Christus
Strahlen brechen viele 
aus einem Licht
und wir sind eins durch ihn.
Gaben gibt es viele, Liebe vereint.
Liebe schenkt uns Christus.
Gaben gibt es viele, Liebe vereint
und wir sind eins durch ihn.
Dieter Trautwein (GL 825)
 
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Der Apostel Paulus kannte die Gebetswoche für die Einheit der Christen noch nicht, die an diesem Sonntag beginnt. Aber er hätte diese ökumenische Initiative gewiss unterstützt! Vielleicht sogar mit Gedanken aus seinem 1. Korintherbrief, der heutigen Zweiten Lesung. Da geht es um die „polyphone“ Verschiedenheit der Gnadengaben und um deren Einheit in Christus. Ein neueres Lied dazu heißt „Strahlen brechen viele aus einem Licht“. Es stammt von dem evangelischen Theologen Dieter Trautwein (1928-2002), der hier eine schwedische Vorlage bearbeitet hat. Das Lied ist dem ökumenischen Konzept der versöhnten Verschiedenheit verpflichtet. Es geht nicht um die Einebnung der Unterschiede oder gar eine „feindliche Übernahme“, sondern darum, Einheit und Verschiedenheit recht zu gewichten.

Die Uraufführung war im Jahr 1983. Es muss ein denkwürdiger Moment gewesen sein, als das Lied bei der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Vancouver gesungen wurde. Letztlich ist der ÖRK und sein Gebäude in Genf sogar die Inspirationsquelle. Denn dort sah der schwedische Pfarrer und Lyriker Anders Frostenson (1906-2006) in der Eingangshalle die Schriftzeile „Lampades sund multae, una lux“: Strahlen gibt es viele, aber nur ein Licht. Das spiegelt sich gleichsam in der Melodie des schwedischen Kirchenmusikers Olle Widestrand.
 
Dass in einem Lied Notenwerte von kurzen Achteln bis zu langen punktierten Halben erklingen, ist ungewöhnlich und wohl als musikalisches Sinnbild der Verschiedenheit gemeint. Sie wird getragen von Christus, dem Garanten der Einheit. Und beim Singen dieses Liedes, ergibt sich – zwischen den Zeilen – fast noch eine weitere Strophe: „Töne klingen viele in einem Lied …“, dessen Vielstimmigkeit ebenso wichtig ist wie der eine Grundton.
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Einspielung aus der Franziskanerkirche St. Pölten mit Domorganist Ludwig Lusser und den Sängerinnen Maria Sodek und Michaela Lugmaier.
 
Sonntagsmusik zum 1. Januar  2025 (Ausgabe 1/2025)
Der aus Flandern stammende Maler Juan de Roelas (um 1570 bis 1625) hat die Namensgebung Jesu in der Universitätskirche von Sevilla farbenfroh ins Bild gesetzt, begleitet von vielen Musikinstrumenten.
 
Sonntagsmusik zum 22. Dezember 2024 (Ausgabe 51/2024)
Die Verkündigung des Engels in der Musik von Franz Philipp
 
Hört das Wort Gottes: In jener Zeit wurde der Engel Gabriel von Gott in eine Stadt in Galiläa namens Nazaret zu einer Jungfrau gesandt ...
(Lukas 1, 26-31. 35. 38)
 
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Als Evangelium hören wir heute einen adventlichen Abschnitt aus dem Leben Marias. Sie ist ja, neben dem Täufer Johannes, eine wichtige adventliche Gestalt, die uns oft auch musikalisch begegnet. Das gesamte Marienleben – von ihrer Erwählung und Geburt bis zur Aufnahme in den Himmel mitsamt der Marienkrönung – hat viele Künstler inspiriert. Es gibt dazu Gedichte von Rainer Maria Rilke, überaus viel Musik bis hin zu Bildern in Dorfkirchen.

Doch zur Musik. So bekannt der Freiburger Komponist Franz Philipp (1890-1972) einst war, so unbekannt ist er heute. Im Gegensatz zu dem kürzlich seliggesprochenen Märtyrer Max Josef Metzger, den er übrigens brieflich in musikalischen Fragen beraten hat, war Franz Philipp tief in den Nationalsozialismus verstrickt. Als Werk der späten Reue gilt sein etwa einstündiges musikalisches Marienleben über die Mutter Gottes mit dem Titel „Mater Dei. Ein Marienleben in lateinischen Gesängen für Bariton Solo und gemischen Chor a cappella, op. 60“ aus dem Jahre 1947. Wir hören darin die biblischen Stationen von der Verkündigung bis zur Himmelfahrt Mariens. Immer rezitiert ein Bariton, begleitet vom Frauenchor, die biblische Geschichte in lateinischer Sprache; dann schließt sich chorisch ein Hymnus an, bei der Verkündigung des Engels Gabriel passenderweise das „Ave Maria“.
 
Franz Philipps Musik orientiert sich in den solistischen Passagen am gregorianischen Gesang, was sogar schon als seine eigene „Phi­lippianik“ bezeichnet wurde. Die spätromantischen Chöre a cappella erinnern hingegen an Anton Bruckner und Max Reger. Das größte Lob erhielt der Komponist von dem Freiburger Dichter Reinhold Schneider, der in einem Brief vom 24. August 1952 schrieb: „Es war Ihnen vergönnt, das musikalische Münster Freiburgs zu erbauen.“

Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine SWR-Aufnahme aus Stegen-Eschbach mit Dominik Wörner (Bariton) und dem ensemble cantissimo unter der Leitung von Markus Utz.
 
Sonntagsmusik zum 8. Dezember 2024 (Ausgabe 49/2024)
Das Lied „Ave Maria klare“ erzählt, wie Gott Maria erwählt
 
Ave Maria klare, 
du lichter Morgenstern!
Du bist ein Freund fürwahre 
des Himmels und der Erd,
erwählt von Ewigkeit, 
zu sein die Mutter Gottes 
zum Trost der Christenheit.
Dies Lob sei dir gesungen, 
Frau hochgebenedeit.
Von dir ist uns entsprungen 
der Brunn der Seligkeit.
Empfiehl uns deinem Sohn
und bitte für uns Sünder 
allzeit an Gottes Thron.

Gotteslob 891
 
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An diesem Sonntag und dem da­rauf folgenden Montag kommt es im liturgischen Kalender zu einer „Okkurenz“. Was ist denn das? Wenn das Fest eines Heiligen oder ein Marienfest, wie zum Beispiel „Mariä Heimsuchung“ am 2. Juli, auf einen Sonntag fällt, dann wird der Sonntag gefeiert und das Fest entfällt in diesem Jahr. Kollidiert aber ein Hochfest mit einem Sonntag, so wie das „Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria“ 2024 mit dem zweiten Adventssonntag, dann wird das Hochfest bei nächster Gelegenheit nachgeholt. In diesem Fall gleich am Montag darauf, dem 9. Dezember. „Ave Maria klare“ ist ein Lied zu diesem Hochfest. Es lässt sich weit zurückverfolgen, bis etwa ins Jahr 1500. Erzählerisch „malen“ die sechs Strophen ein Marienbild: Sie ist die von Gott Erwählte (Verse 1-2), die ihr „Ja“ zu Gottes Plan gesprochen hat (3-5), worauf wir freudig mit einem Gottes- und Marienlob antworten (6).

Eine Orgelmusik zu diesem Lied führt ins Rastatter Schloss. In der wunderbaren Schlosskirche zum Heiligen Kreuz, erbaut von der Markgräfin Sibylla Augusta, wirkte ab 1715 bis zu seinem Tod der Komponist und Tastenvirtuose Johann Caspar Ferdinand Fischer (1656-1746). In einer Sammlung für Tastenspieler, die schon vor seiner Rastatter Zeit entstanden ist und die sogar den großen Johann Sebastian Bach inspiriert hat, veröffentlichte Fischer auch Liedbearbeitungen für die Feste und Festzeiten im Kirchenjahr. Gleich das erste Stück ist ein ebenso kunstvoller wie meditativer Satz über die Anfangszeile des adventlichen „Ave Maria klare“. Wer das Lied also für den 8. oder 9. Dezember „ins Ohr bekommen“ will, mag diese Musik hören!
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine eigens für diese Konradsblatt-Sonntagsmusik entstandene Aufnahme mit Bezirkskantor Jürgen Ochs in der Schlosskirche Rastatt.
 
Sonntagsmusik zum 24. November 2024 (Ausgabe 47/2024)
Vom mystischen Andachtslied zum Christkönigslied
 
Dich, König, loben wir,
dich ehrn wir für und für.
Dir, o Jesu, wolln wir geben
Ruhm, Preis, Dank und Herrlichkeit,
hier durch unser ganzes Leben
und danach in Ewigkeit

Gotteslob 824
 
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Das Hochfest Christkönig am Ende des Kirchenjahres ist ein junges Fest. Genau 99 Jahre ist es alt. Seine Grundidee ist freilich viel älter und biblisch. Auch hat das Fest viele spirituelle Wirkungen entfacht. Denken wir nur an den am vergangenen Sonntag seliggesprochenen Max Josef Metzger, der ein Christkönigs-Institut gegründet und eine Christkönigs-Messe komponiert hat. Mit Gemeindeliedern tat man sich aber zunächst schwer beim neuen Fest. Deshalb kam es zum Versuch, traditionelle Lieder einfach etwas umzudichten, um sie so für das Christkönigsfest „passend“ zu machen. Ein schönes Beispiel hierfür ist das im Original recht mystische Andachtslied „Dich Jesu loben wir“ (1657) von Angelus Silesius aus der Barockzeit. Dieser war Arzt und hieß eigentlich Johann Scheffler, bevor er sich den Namen „Schlesischer Engel“ zugelegt hat. Sein Lied zeichnet den Weg des Gottessohnes in vielen Strophen nach, wobei auch sein Königtum eine Rolle spielt.

Was lag dann näher, als den Namen „Jesus“ einfach durch den Titel „König“ zu ersetzen? So steht das Lied in vielen diözesanen Gotteslob-Eigenteilen. Immerhin schimmert noch etwas durch, dass das Original eine deutsche Bearbeitung des berühmten „Te Deum“ – Dich, Gott, loben wir – war, deshalb das dreimalige „Heilig, heilig, heilig“ in unserer dritten Strophe, das auch im Te Deum vorkommt. Die Melodie stammt von Georg Joseph (um 1620 bis 1668), der im Dienst des Fürstbischofs von Breslau stand. Besonders gut gelungen ist ihm der Wechsel vom Vierer- zum Dreiertakt. Das lässt sich deuten als komponierter Übergang vom Irdischen ins Himmlische. Mit Christus, dem König, schreiten wir zunächst auf unserem Weg, um dann, im Ziel angekommen, in einen freudigen Tanz überzugehen.

Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Aufnahme mit Alina Sauter (Gesang) und Bezirkskantor Bruno Hamm (Orgel).
 
Sonntagsmusik zum 10. November 2024 (Ausgabe 45/2024)
So klingt die Opfergabe der armen Witwe beim Komponisten Johann Nepomuk David

Und es kam eine arme Witwe, die legte zwei Scherflein ein, die machen einen Heller. Und er rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die eingelegt haben. Denn sie haben alle von ihrem Überfluss eingelegt. Diese aber; diese aber hat von ihrer Armut alles eingelegt. Wahrlich, wahrlich!        Markus 21, 41-45


 
„Wahrlich, wahrlich!“ Diese Worte Jesu prägen sich ein, wenn man die Sonntags-Musik zum heutigen Evangelium hört. Bei der biblischen Begegnung mit einer Witwe denkt man vielleicht zunächst an den Propheten Elias, von dem wir in der ersten, der alttestamentlichen Lesung hören. Im Neuen Testament wiederum begegnet auch Jesus einer Witwe. Ja, er rühmt diese Frau in den höchsten Tönen, weil sie – ganz im Gegensatz zu vielen reichen Menschen – ein für sie spürbares Opfer gegeben hat. Wie aber kann all dies zu Klang werden?

Der Komponist Johann Nepomuk David hat von 1895 bis 1977 gelebt. Er ist in Österreich geboren und hat, wie Anton Bruckner, im Knabenchor des Stifts St. Florian gesungen. Später hat er dann in Leipzig gewirkt. Gestorben ist er in Stuttgart, wo er an der Musikhochschule tätig war. Heute ist seine bisweilen herbe Chor- und Orgelmusik weithin vergessen. In der Evangelienmotette „Das Scherflein der Witwe“ vertont er den Wortlaut der Luther-Bibel. Ein „Scherflein“ ist eine kleine Münze. Am Beginn singen nur die Frauenstimmen in einem fast ärmlichen Sprechgesang. Vollstimmig, geradezu hymnisch wird es immer bei den Worten „Wahrlich, wahrlich!“ aus dem Mund Jesu. Dieses „Wahrlich“ ist ja nichts anderes als die Übersetzung von „Amen, ich sage euch“ als die feierliche Einleitung einer hoheitsvollen Rede Jesu.

Gegen Ende teilt Johann Nepomuk David den Chor in zwei Halbchöre: Nun singen die Männer vierstimmig, piano und ganz choralhaft das „Wahrlich, wahrlich!“. Dies ist die Begleitung für den Gesang der beiden Frauenstimmen, die Jesu Worte vortragen. Dass die Witwe „alles“ gegeben hat, ist dem Komponisten so wichtig, dass das Wort „alles“ dreifach erklingt. Ein sehr eindrucksvoller Effekt, bevor diese Sonntags-Musik mit einem fast geflüsterten „Wahrlich“ ganz besinnlich ausklingt.
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Aufnahme mit dem Knabenchor Capella Vocalis unter der Leitung von Eckhard Weyand.
 
Sonntagsmusik zum 27. Oktober 2024 (Ausgabe 43/2024)
Die Psalmen sprudeln: Tränen und Freude bei Johann Hermann Schein

Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und tragen edlen Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben. 

Psalm 126, 5-6


 
Neben dem berühmten Johann Sebastian Bach scheinen alle früheren und späteren Leipziger Thomaskantoren zu verblassen. Das aber ist ungerecht! Deshalb an diesem Sonntag eine Musik von Johann Hermann Schein, der etwa hundert Jahre vor Bach gelebt hat, nämlich von 1586 bis 1630. Nach einer soliden Ausbildung in Dresden und Pforta wirkt er von 1616 bis zu seinem Tod als protestantischer Thomaskantor in der Universitäts- und Messestadt Leipzig. Eines seiner Sammelwerke mit Chorstücken über vorwiegend alttestamentliche Bibelverse heißt „Fontana d’Israel“: Israels Brünnlein. Da mag einem spontan die erneuterte katholische Leseordnung in den Sinn kommen, die ja den „Tisch des Wortes Gottes“ reicher decken will. Scheins Musik reicht uns dazu noch ein Getränk aus dem musikalisch und spirituell sprudelnden Brunnen der Psalmen.

Da ist aber nicht nur eitel Sonnenschein! Spannungsvoll geht es zu, wenn das Volk Israel auf die dunklen Erfahrungen des Exils zurückblickt und sich zugleich dankbar an dessen befreiendes Ende erinnert. Und alles im „Naturbild“ von tränenreicher Aussaat und freudiger Ernte. Besonders inspirierend für den Komponisten war hier wohl ein Vers, den er gar nicht vertont hat. Unmittelbar von den vertonten Versen steht nämlich im Psalm die Bitte: „Wende doch, Herr, unser Geschick!“ Zunächst hören wir von den Tränen, wenn eine Stimme nach der anderen in engen, schmerzerfüllten Halbtonschritten herbeikommt. Bald aber wendet sich alles in eine Freude, die geradezu aus den Chorstimmen hervorquillt. Die Musik gerät nun zum ausgelassenen Freudentanz im Dreiertakt. Die Stimmen überschlagen sich fast, um sich nach einer virtuosen, fast ekstatischen Geste im feierlichen Schlussakkord zu versammeln. Eine eindrucksvolle komponierte „Wende“ ist das, wenn sich der Trauerzug mit Tränen zur Ernteprozession in Freudentanz wandelt.
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Aufnahme mit der „Lautten Compagney“ unter Leitung von Wolfgang Katschner.
 
Sonntagsmusik zum 13. Oktober 2024 (Ausgabe 41/2024)
„Lebendig, kräftig, schärfer“ – Gottes Wort in der Gospelmusik
 

Gottes Wort ist lebendig. Gottes Wort ist kräftig. Gottes Wort ist schärfer als jedes Schwert auf dieser Welt. Gottes Wort hilft dir zu sehn, wo dein Leben dir zu eng geworden ist. Gottes Wort, es lädt dich ein, lebendig zu sein. Gottes Wort verändert dich, lässt dich spüren, dass es andre Wege gibt. 
Gottes Wort schenkt Zuversicht, die Ängste besiegt.

Jutta Hager,
(nach dem Hebräerbrief 4, 12)


 
Die zweite Lesung dieses Sonntags beginnt ganz grundsätzlich, und das spricht wohl vielen Komponisten aus dem Herzen. Ja, Gottes Wort ist lebendig! Der Reformator Martin Luther hat von der „viva vox evangelii“ gepredigt, vom lebendigen Wort der Frohen Botschaft. Und deshalb schließt die gottesdienstliche Lesung mit dem Satz „Wort des lebendigen Gottes“. Vielleicht würden viele Komponisten ein Wort im biblischen Zitat jedoch leicht verändern. Etwa: Gottes Wort wird noch lebendiger mit Musik, also wenn es gesungen und gespielt oder mit musikalischen Mitteln ausgelegt wird. In allen Epochen „übersetzen“ Komponisten die biblischen Verse und Themen, Gesten und Emotionen in ihre Musik. Schade eigentlich, dass die Worte der heutigen zweiten Lesung so selten vertont wurden.  Aber es gibt eine Ausnahme – in der Gospelmusik. Die gesungenen Worte stammen von der Theologin Jutta Hager.
 
Gospels wollen eine motivierende Mischung aus Optimismus, Lebensfreude und Kirchenlied sein. So steht es auf der Homepage der Münchener „Gospelsterne“, die seit 1999 unter der Leitung des US-Amerikaners Eric Bond Gospels in deutscher Sprache singen und spielen. Was macht Gospel aus? Zunächst der Rhythmus, für den die Percussion-Gruppe zuständig ist. Dann die eingängige Botschaft, die sich im Wechsel von Vorsänger und Chor einprägt, auch mit rhythmischem Klatschen und kraftvollem Mitsingen. Der Chor macht es vor, der Funke springt über. Wichtig ist zudem der gut dosierte Wechsel von mitreißenden und meditativen Passagen. Und bevor es langweilig wird, rückt die Musik gegen Ende einfach einen Ton höher. Nicht jeder Gottesdienst muss gleich ein Gospelgottesdienst sein. Aber eine Prise davon tut gut! Um der Lebendigkeit willen: „Gottes Wort ist lebendig!“ Und die menschlichen Antworten auf Gottes Wort dürfen es auch sein. 

Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Aufnahme mit den „Gospelsternen“ unter der Leitung von Eric Bond.
 
Sonntagsmusik zum 29. September 2024 (Ausgabe 39/2024)
Starker biblisch-musikalischer Tobak in einem Chorstück
 

Ihr Reichen, weint nur und klagt über das Elend, das über euch kommen wird! Euer Reichtum verfault und eure Kleider sind von Motten zerfressen, euer Gold und Silber verrostet.
 
Jakobusbrief 5, 1-6 (Fortsetzung auf der linken Seite, zweite Lesung)



 
Die zweite Lesung dieses Sonntags nimmt kein Blatt vor den Mund! Auch kein Notenblatt mit einer vielleicht schönen Musik. Nein, es wird ernst für die Reichen, wenn sie diesen „Blauen Brief“ erhalten. Aber es geht nicht darum, dass ab einer bestimmten Grenze mit soundsoviel Euro das Unheil beginnt. Vielmehr sind es zwei Missverständnisse, die dem Verfasser des Jakobusbriefes ein Dorn im Auge sind. Was lehnt er mit seinen scharfen Worten ab? Zum einen, dass irdischer Reichtum als letztes Lebensziel gelten darf, und zum anderen das Sich-Bereichern auf Kosten der Armen. Diese drastischen Bibelworte haben den schwedischen Komponisten Thomas Jennefelt (geb. 1954), der als freischaffender Künstler tätig ist, im Juli 1977 stark angesprochen. In der großen musikalischen Tradition, die die Botschaft der Bibel in die Sprache der Klänge „übersetzen“ will, gelingt ihm ein etwa zehnminütiges Chorstück a cappella in englischer Sprache, das bald berühmt wurde: „Warning to the Rich“ – „Warnung an die Reichen“. Viele vokale Ensembles und auch Jugendchöre singen dieses Stück, weltweit.
 
Würde man die zweite Lesung am heutigen Sonntag nicht am Ambo vortragen, sondern mit Jennefelts Musik erklingen lassen, dann könnte es manchem heiß und kalt werden. Nach einem vielfach wiederholten gesummten Anfangsmotiv hören wir einen zunächst geflüsterten, dann immer vehementer gerufenen Sprechgesang. Wenn die Vorwürfe lauter werden, geht das begleitende Summen auf den Vokal „a“ über. Bei den „Motten“, die alle schönen Kleider gefressen haben, meint man das Klagen der ehemaligen Besitzer zu hören, die bald darauf verstummen. Es hat ihnen wohl die Sprache verschlagen. „Gold und Silber“ beginnt im schönem Gesang, der jedoch bald im Gelächter untergeht. Dann ändert sich nochmals die Klangfarbe: Aus dem Chor löst sich ein Solist heraus. Er ergreift das Wort, um die biblische Botschaft „mit großem Ausdruck und großer Kraft“ zur Geltung zu bringen. Ganz am Ende hören wir dann nochmals die Dreiton-Floskel des Anfangs, nun aber einen Ton höher. Soll das heißen, dass schon etwas von ihr bei den Hörerinnen und Hörern angekommen ist?
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Aufnahme mit dem Ensemble „The Moran Singers“ und Nathan Lewin (Bariton) unter der Leitung von Yuval Weinberg.
 
Sonntagsmusik zum 15. September 2024 (Ausgabe 37/2024)
Warum 16 Komponisten im Jahr 1616 den 116. Psalm vertont haben
 
Weil ein Dank-Opfer dem allmächtigen Gott so angenehm ist, habe ich wegen einer großen Wohltat und wunderbaren Errettung, die Gott mir im Jahr 1616 recht nach dem 116. Psalm aus väterlicher Gnade, Güte und Barmherzigkeit erwiesen hat, 16 Musiker mit der Komposition dieses Psalms beauftragt. Damit will ich nicht nur 16-mal, sondern so lang ich lebe und bis in Ewigkeit seiner göttlichen Allmacht Dank opfern und meine Gelübde bezahlen.

Burckhard Großmann (1575–1637)


 
Psalm 116, der heutige Antwortpsalm, wurde schon oft in Musik gesetzt. Diese Vertonung ist aber ein ganz einzigartiges Projekt! Sie füllt einen dicken Notenband und drei CDs. Und sie zeigt, wie die spirituellen, künstlerischen und existenziellen „Tonarten“ zueinander passen. Doch der Reihe nach: Burckhard Großmann war ein sächsischer Beamter und Liebhaber der Künste. Was ihm im Jahr 1616 genau widerfahren ist, weiß bis heute niemand. Gewiss ist nur, dass er „seinen“ Psalm dazu gefunden hat, weil das biblische Gebet sich auf sein persönliches Leben „reimt“, wie Luther es einmal ausgedrückt hat. Psalm 116 ist hochdramatisch: um höllische Angst geht es, die zu überstehen war, und den neu gefundenen Frieden der Seele. Vor allem geht es um den Dank mit den Worten „Ich will meine Gelübde dem Herrn bezahlen“ (Vers 14, Luther-Übersetzung).

Genau das setzt Großmann in die Tat um. Damit er die bitteren Ereignisse aus dem Jahr 1616 friedlich und dankbar abschließen kann, bittet er 16 Komponisten um eine Vertonung von Psalm 116. Alle sagen zu, darunter Heinrich Schütz, Johann Hermann Schein, Melchior Franck und Michael Praetorius, aber auch komponierende Schullehrer und Pastoren, deren Namen niemand mehr kennt. Besonders eindrücklich, ja opulent ist die Vertonung des Komponisten, Musikschriftstellers und Gelehrten Michael Praetorius (1571–1621), die kurz vor seinem Tod als eine Art „Schwanengesang“ entstand. Nach einer stimmungsvollen instrumentalen Einleitung lotet der Wolfenbütteler Kapellmeister jeden Psalmvers eigens aus: mit den Mitteln der Harmonik und der räumlichen Klangregie, mit vielen Affekten und mit Effekten wie dem Echo. Eine klangvolle Einstimmung in den Antwortpsalm des heutigen Sonntags!

Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Aufnahme aus der Kirche St. Peter, Zürich (2021) mit dem Ensemble „Cardinal Complex“ unter der Leitung von Jonas Gassmann.
 
 
Sonntagsmusik zum 1. September 2024 (Ausgabe 35/2024)
Wie Joseph Haydn sein Oratorium „Die Jahreszeiten“ mit einem Psalm beschließt
 
Chor und Terzett, im Wechsel von Frage und Antwort:
Wer darf durch diese Pforten geh’n? Der Arges mied und Gutes tat. – Wer darf besteigen diesen Berg? Von dessen Lippen Wahrheit floss. – Wer darf in diesem Zelte wohnen? Der Armen und Bedrängten half. – Wer wird den Frieden dort genießen? Der Schutz und Recht der Unschuld gab. Die Himmelspforten öffnen sich …
Gottfried van Swieten 
nach Psalm  15

 
Auch wenn die biblischen Psalmen aus dem Alten Testament stammen, werden sie doch immer wieder neu und lebendig: Im Beten und Feiern, aber auch in der Dichtung und auf Bildern, und nicht zuletzt auch in der Musik. Der katholische Wiener Komponist Joseph Haydn (1732-1809) macht den Antwortpsalm des heutigen Sonntags sogar zum großen Finale eines „weltlichen“ Oratoriums. Gemeint sind Haydns um das Jahr 1800 komponierte „Jahreszeiten“. Nach Frühling, Sommer, Herbst und Winter richtet sich der Blick schlussendlich auf das Himmlische, auf den „ewigen Frühling“. Der für den Text des abendfüllenden Werkes verantwortliche österreichische Freiherr van Swieten (1733-1803), der damals so etwas wie ein Kultusminister war, dachte sich wohl: Da passt ja Psalm 15 ganz perfekt!
 
Das Spiel von Frage und Antwort ist vielleicht einem Ritual an der Tempelpforte nachempfunden. Es kommt der Musik entgegen: Auf die Fragen des Chores antworten jeweils die Solisten. Das Ziel ist das Hineingehen, nicht in einen irdischen Tempel, sondern ins himmlische Jerusalem: „Die Himmelspforten öffnen sich, der heilge Berg erscheint“. Joseph Haydn inszeniert geradezu, wie die Menschen in den Himmel eingehen. Eine Prise Aufklärung und ein sehr positives Menschenbild ist mit dabei, wenn es heißt: „Uns leite deine Hand, o Gott! Verleih’ uns Stärk’ und Mut!“ Und ohne Gesang kann sich auch Haydn den Himmel gar nicht vorstellen: „Dann singen wir, dann geh’n wir ein in deines Reiches Herrlichkeit.“ Ein kraftvolles „Amen“ beschließt das Werk. Aber will nicht schon jedes irdisch-gottesdienstliche „Amen“ ein Vorgeschmack himmlischer Klänge sein?
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Aufnahme von den Salzburger Festspielen 2013 unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt; der Schlusschor beginnt bei 2:16:22.
 
Sonntagsmusik zum 18. August 2024 (Ausgabe 33-34/2024)
Vogelstimmen, Wüstensturm und Eucharistie in der Orgelmusik von Messiaen
 
„Das Orgelstück ,Das Manna und das Brot des Lebens‘ bezieht sich auf die große Rede über das Brot des Lebens, die Jesus in Kafarnaum hielt. Hier zitiert Jesus selber das Manna als Symbol für die Eucharistie. Das Stück vergegenwärtigt daher die Wüste, in der das Manna vom Himmel fiel. Ganz hohe Akkorde, von der Zimbel des Schwellwerks gespielt, bedeuten das Schweigen und den Frieden der Wüste.“
Olivier Messiaen
 
 
Kein Komponist im 20. Jahrhundert hat sich intensiver mit dem Thema der Eucharistie auseinandergesetzt, als der französische Organist und Ornithologe Olivier Messiaen (1908-1992). Der Pariser Kardinal Jean-Marie Lustiger nannte ihn sogar seinen „musikalischen Konzelebranten“, weil Messiaen über 60 Jahre lang Sonntag für Sonntag in Messfeiern die Orgel spielte. Neben einem Chorstück über die Messe als „Heiliges Gastmahl“ hat er ein abendfüllendes konzertantes Orgelwerk komponiert. Der französische Titel heißt „Livre du Saint-Sacrement“, was man wohl am besten mit „Orgel-Mess-Buch“ übersetzen könnte. Gleich der Beginn steht unter dem von Thomas von Aquin stammenden Motto „Adoro te“ – Ich bete dich an (vgl. Gotteslob 497). 
 
Im sechsten Satz komponiert Messiaen eine Resonanz auf das heutige Evangelium. Über den Noten steht ein Bibelzitat aus dem Johannesevangelium 6, 51: „Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben.“ Aber keine Angst vor Neuer Musik! Messiaens Klänge sind durchaus fasslich und verstehbar: Akkorde in hoher Lage beschreiben die Hitze und lange flirrende Triller ahmen den starken Wind nach, der manchmal in der Wüste bläst. Zeitlebens war Messiaen auch an Vogelgesängen interessiert, weil diese „gefiederten Boten der Freude“ das menschliche Gotteslob inspirieren können. Im Orgelstück hören wir zwei Vögel, deren Gesang Messiaen in Israel studiert hat, die Steinlerche und den Steinschmätzer. Lassen wir uns von ihrem Gesang in der Orgelmusik inspirieren und musikalisch auf den Sonntag einstimmen! 
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Aufnahme mit Winfried Bönig an der Kölner Domorgel; Satz 6 beginnt bei 18 Minuten.
 
Sonntagsmusik zum 4. August 2024 (Ausgabe 31/2024)
„Ohne den Chorleiter zu beachten“: Buchenbergs Musik vom „Brot des Lebens“
 
Wer über die Weisung des Herrn nachsinnt bei Tag und Nacht,
bringt seine Frucht zur rechten Zeit. Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr dürsten. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben.
Psalm 1, 2–3; Joh 6, 35.51
 
 
Vom „Brot des Lebens“ hören wir im Kirchenjahr nicht nur am Gründonnerstag und an Fronleichnam. Auch der heutige Sonntag kennt dieses Thema, dessen Facetten vom Manna in der Wüste über Jesu wunderbare Brotvermehrung bis hin zum himmlischen Mahl reicht. Nicht wenige Dichter, Theologen und Musiker haben sich damit befasst. Wolfram Buchenberg, geboren 1962 im Oberallgäu und tätig an der Musikhochschule München, ist derzeit einer der gefragtesten Autoren für Chormusik. Seine achtstimmige Motette „Ich bin das Brot des Lebens“ erklang erstmals 1998 in München beim Aschermittwoch der Künstlerinnen und Künstler. Der Chor singt a cappella, also ohne instrumentale Begleitung.

Mit leisen Akkorden auf „a-mmm“ summen die Frauenstimmen einen Klangteppich, fast wie die Blumenteppiche an Fronleichnam. Dann hören wir die Männerstimmen: zunächst schlicht psalmodierend und bald eindringlich deklamierend mit den Jesusworten „Ich bin das Brot des Lebens“. Diese Botschaft soll – so steht es in der Partitur – „wie aus einer anderen Sphäre“ kommen. Die choralhaften Klänge der Männer gehen auch auf einige Frauenstimmen über. Allerdings nicht so, dass der Komponist den Rhythmus genau vorschreibt. Die Frauen singen diese Worte etwa zehn Takte lang, aber „ohne den Chorleiter zu beachten“! Warum? Die ganz individuelle Gestaltung des Tempos soll ein uniformes Klangbild vermeiden. Vielleicht meint das ja, dass sich jede und jeder die Botschaft des Evangeliums ganz persönlich aneignen darf? Gegen Ende dann nochmals das Jesuswort: feierlich und achtstimmig. Wolfram Buchenberg gelingt mit diesem etwa fünfminütigen Chorstück ein Beispiel zeitgenössischer Musik als komponierte Bibelauslegung und als klangvolle Einstimmung in den heutigen Sonntag.
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Aufnahme mit dem Ensemble „The Stanford Chamber Chorale“ unter Leitung von Stephen M. Sano aus der Liebfrauenkapelle der englischen Kathedrale in Ely. 
 
Sonntagsmusik zum 21. Juli 2024 (Ausgabe 29-30/2024)
Von guten und anderen Hirten
 
Der Herr ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen. Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser. Meine Lebenskraft bringt er zurück. Er führt mich auf Pfaden der Gerechtigkeit, getreu seinem Namen. Auch wenn ich gehe im finsteren Tal, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab, sie trösten mich.
Psalm 23
 
Warum toben die Völker, warum ersinnen die Nationen nichtige Pläne? Die Könige der Erde stehen auf, die Großen tun sich zusammen gegen den Herrn und seinen Gesalbten.
Psalm 2
 
 
Das biblische Bild vom Guten Hirten ist ein biblisches und musikalisches Leitmotiv des heutigen Sonntags. Schon viele Künstler ließen sich davon inspirieren: Es gibt zu diesem Psalm Gedichte, Lieder und Bilder, oft mit einem „pastoralen Grundton“. Wenn wir die heutigen Lesungen aufschlagen, hören wir aber nicht nur Beschauliches, sondern heftige Kontrapunkte! Die erste Lesung konfrontiert uns mit einer Hirtenschelte aus dem Mund des Propheten Jeremia: „Ihr habt meine Schafe zerstreut und sie versprengt und habt euch nicht um sie gekümmert.“ Im Evangelium hat Jesus dann Mitleid mit den „Schafen, die keinen Hirten haben“. Selbstverständlich ist das Hirtenbild in der Bibel jedenfalls nicht!

Leonard Bernstein (1918-1990) ist ein Komponist und Dirigent mit jüdischen Wurzeln. In seinen „Chichester Psalms“ wendet er sich dem heutigen Antwortpsalm zu, in hebräischer Sprache. Diese Musik war eine Auftragskomposition für die Kathedrale im südenglischen Chichester. Der Clou ist: Damit es nicht zu idyllisch wird, sondern dramatisch, ergänzt Bernstein Verse aus Psalm 2. So erscheint das Verhältnis Gottes zu den Menschen nicht von innen bedroht wie beim Propheten Jeremia in der ersten Lesung, sondern von außen, von „tobenden Völkern“. 

Die pastoral anmutende Melodie will Bernstein solistisch von einem Knabensopran hören. Die aggressiven Töne singt der Chor mit den Männerstimmen als „Anführer“. Sie überfallen regelrecht die friedliche Musik! Am Ende aber wird ihr Angriff abgewehrt und das Stück schließt mit Klängen des Vertrauens und der Zuversicht – wie der berühmte Psalm 23.
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Einspielung aus Posen unter der Leitung des Komponisten; Psalm 23 beginnt kurz vor Minute 4.
 
Sonntagsmusik zum 7. Juli 2024 (Ausgabe 27/2024)
Festliche Musik von Johann Sebastian Bach mit Psalmworten
 
Gott, wie dein Name, so ist auch dein Ruhm bis an der Welt Ende.
J. S. Bach, Kantate BWV 171 
 
 
 
Wer sich auf den heutigen Sonntag einstimmen will, kann die Kantate „Gott, wie dein Name, so ist auch dein Ruhm“ von Johann Sebastian Bach (1685-1750) hören. Warum? Mit dem heutigen liturgischen Eröffnungsvers aus Psalm 48 hat Bach vor bald 300 Jahren nicht einen bestimmten Sonntag, sondern das ganze Jahr 1729 feierlich eröffnet. Auf das Motiv des Namens kommt er, weil damals im Evangelium von Neujahr die Namensgebung Jesu erzählt wird.
 
Der Leipziger Textdichter Christian Friedrich Henrici (1700-1764) hat vielleicht ein Bibel-Wörterbuch, eine Konkordanz, zur Hand genommen und das Stichwort „Name“ aufgeschlagen. So kam er zu diesem Psalmvers, den Bach dann als Eingangschor komponierte. Der Vers beschreibt die Weite des Ruhmes und des Namens Gottes. Von hier aus ist es nur noch ein kleiner Schritt zu anderen Psalmen. In Psalm 36, 6 heißt es: „Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.“ Das ist die Fortsetzung der Kantate. Aus Psalmzitaten entsteht ein schlüssiger Wortlaut, so dass Bach mit dem Komponieren beginnen kann. 
 
Dabei hebt er gleich zu Beginn ein kleines Wörtlein geradezu demonstrativ hervor: „Gott, wie dein Name so (weit) ist auch dein Ruhm …“. Mit den Stimmen des Chores und des Orchesters, die „gestaffelt“ nacheinander einsetzen, entwickelt sich eine Fuge. Sie wird von majestätischen Trompetenklängen gleichsam bekrönt. Gegen Ende seines Lebens hat Bach sich dann erneut mit dieser Musik beschäftigt. Mit lateinischem Text fügt er sie in die vermächtnishafte Messe h-Moll ein, und zwar ins Credo. Nun heißt es: „Patrem omnipotentem …“, ich glaube an „den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde“. Der festliche „Grundton“ aus der Kantate passt hier bestens zum Glauben an die weltumspannende Macht des göttlichen Schöpfers. Dass seine Stärke auch auf schwache Jüngerinnen und Jünger ausstrahlen kann, hören wir an diesem Sonntag in der zweiten Lesung vom Apostel Paulus: „Denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“ 
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Einspielung mit dem Amsterdam Baroque Orchestra & Choir unter der Leitung von Ton Koopman.
 
Sonntagsmusik zum 23. Juni 2024 (Ausgabe 25/2024)
Ein Amateur-Astronom schreibt ein Lied für die Mitte des Jahres

Das Jahr steht auf der Höhe, die große Waage ruht. Nun schenk uns deine Nähe und mach die Mitte gut, Herr, zwischen Blühn und Reifen und Ende und Beginn. Lass uns dein Wort ergreifen und wachsen auf dich hin.

(GL 465)
 
 
 
„Theologie, Verkündigung, Lyrik, Poesie, geistliches Lied und Astronomie“ – diese „polyphone“ Liste benennt, wofür sich der 1934 geborene Autor Detlev Block interessierte. Sie stand 2022 in seiner Todesanzeige. Und all diese Facetten klingen an, wenn wir in der Mitte des Jahres sein Lied „Das Jahr steht auf der Höhe“ singen. Auf die Frage, warum er die Strophen verfasste, schrieb Block, dass ihn als protestantischer Seelsorger in Bad Pyrmont eine Frage umtrieb: „Welchen Trost, welche Ermutigung gibt es für uns, wenn der Schatten des Wechsels und der Vergänglichkeit auf uns fällt?“ 

Im Hintergrund steht zudem die biblische Botschaft des Johannistags (24. Juni): „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen“ (Johannes 3, 30). So verbinden sich nicht nur die Aspekte Zeit und Ewigkeit, sondern auch ein Zitat aus dem Buch der Bibel mit dem Lesen im „Buch der Natur“. 

Was aber hat es mit der „großen Waage“ auf sich? Dieses Sternbild, das im Hochsommer am Himmel zu ruhen scheint, versteht der Amateur-Astronom Block als „Sinnbild für das Abmessen und Zeitgewähren durch den Schöpfer und seine große Schöpfung“. In der zweiten Strophe klingt noch eine berühmte biblische Einsicht aus dem Alten Testament an: „Alles hat seine Zeit“ (Kohelet). 

Und die Musik? Das Lied hatte nie eine neue Melodie. Vielmehr wurde für Block eine alte Melodie von Johann Steurlein (1546-1613) „tonangebend und motivierend“. Man kennt sie vom weltlichen Chorsatz „Mit Lieb bin ich umfangen“ oder vom geistlichen Lied „Wie lieblich ist der Maien“, das im Evangelischen Gesangbuch steht. Mit Detlev Blocks „Mittsommerlied“ haben wir im Gotteslob nun seit gut zehn Jahren ein Lied, das mit dem Motto „Mach die Mitte gut!“ zum Himmel schaut, ohne die Erde zu vergessen und das sich sowohl vom „Buch der Natur“ als auch vom „Buch der Bibel“ inspirieren lässt.
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Einspielung mit Rohat Özkaya (Gesang) und Alexander Müller (Orgel), ergänzt durch eine Betrachtung von Ansgar Franz.
 
 
Sonntagsmusik zum 9. Juni 2024 (Ausgabe 23/2024)
Von der Hütte zur Himmelsburg – musikalische Tipps für den spirituellen Hausbau
 
Wir wissen, 
so unser irdisches Haus, 
diese Hütte, 
zerbrochen wird, 
dass wir einen Bau haben, 
von Gott erbauet, 
ein Haus, 
nicht mit Händen gemacht, 
das ewig ist im Himmel.

(2 Korinther 5, 1)
 
 
Kirchen können sehr verschieden aussehen. Manche Gotteshäuser gleichen einer Trutzburg, die Schutz bietet, andere wirken wie ein Zelt, das man rasch abbauen und auf dem Weg mitnehmen kann. 

Johann Ludwig Bach (1677-1731), ein entfernter Vetter von Johann Sebastian Bach, hat vor allem in Meiningen gewirkt. In einer doppelchörigen Motette hat er den letzten Satz der heutigen zweiten Lesung sehr wirkungsvoll vertont. Der Chor singt von der irdischen „Hütte“, die abgerissen wird. Inspirierend wirkt immer wieder das Wort „zerbrechen“: Pausen zerbrechen die melodischen Linien, sogar mitten im Wort, so dass es „zer-bro-o-o-chen“ klingt. Aber auch die Sehnsucht kommt mit langen Tönen wunderbar zur Geltung.

Sind wir dann also obdachlos? Das wäre dann der Anlass für eine Trauermusik. Aber so ist es nicht! Denn jetzt kommt das ewige „Haus im Himmel“ in den Blick und ins Ohr. Johann Ludwig Bach komponiert das unnachahmlich, indem er einen zweiten Text einführt, nämlich den Choral „Ach Jerusalem, du schöne, ach, wie helle glänzest du“. In diesem Lied wird sogar aus der Perspektive der himmlisch Vollendeten gesungen: „Ach, ich habe schon erblicket diese große Herrlichkeit.“ Das irdische Haus wird also nicht einfach nur abgerissen. Aber es wird relativiert. Und am besten ist es, wenn in der irdischen „Hütte“ bereits himmlische Musik erklingt! Johann Ludwig Bachs Barockmusik lädt heute ein zu einem Ausflug gen Himmel, ohne das Irdische zu vergessen.
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Aufnahme mit den Balthasar Neumann Ensembles unter Leitung von Thomas Hengelbrock.
 
Sonntagsmusik zum 26. Mai 2024 (Ausgabe 21/2024)
Claudio Monteverdi komponiert die göttliche Dreifaltigkeit

 
Zwei Seraphim riefen einander zu: Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth. Alle Lande sind seiner Ehre voll. Drei sind es, die Zeugnis geben im Himmel: Vater, Wort und Heiliger Geist; und diese drei sind eins.
 
Jesaja 6,1; nach 1 Johannes 5,7–9
 
 
Die Dreifaltigkeit hält nicht nur Theologen und Philosophen in Atem. Dieses „Thema“ wurde auch oft komponiert. Zum Beispiel in der klanglich geradezu opulenten „Marienvesper“ von Claudio Monteverdi (1567-1643). Neben Mariengesängen und doppelchörigen Psalmen, die im Markusdom zu Venedig besonders effektvoll zur Geltung kommen, hören wir in dieser Vespermusik eine ganz besondere Huldigung an die göttliche Trinität.

Monteverdi lässt zunächst zwei Tenöre als engelsgleiche Seraphim auftreten. Sie rufen und klagen in schmerzlichen Dissonanzen. Das ist barock-musikalische Ekstase! Beim Wort „Sanctus“ werden die Noten immer kleiner und scheinen sich in heiliger Begeisterung aufzulösen. Doch dann erst folgt der Clou. Wie aus dem Nichts kommt ein dritter Sänger ins Spiel, ein Bass. Er komplettiert alles mit der Botschaft „Drei sind es!“ Dann stellen sie sich vor als Vater, Wort (Sohn) und Heiliger Geist. Die wiederum überbordenden Verzierungen sollten in den drei Stimmen genau gleich klingen, sonst wäre die musikalische Theologie der Trinität ja gefährdet. 

Der wichtigste und geheimnisvollste Satz aber heißt: „Et hi tres unum sunt“. Auf die ersten drei Worte „und diese drei …“ hören wir einen Dreiklang, der bei „… sind eins“ in den Einklang übergeht, so dass sich die drei Stimmen auf ein und demselben Ton finden. Mit diesem musikalischen Effekt komponiert Monteverdi um 1610 die göttliche Dreieinigkeit.
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt diese Aufnahme mit dem Ensemble „Apollo’s Fire“:
 
Sonntagsmusik zum 12. Mai 2024 (Ausgabe 19/2024)
Die Liebe in neuen Harmonien: „Ubi caritas et amor“ von Maurice Duruflé

 
Wo Güte ist und Liebe, da wohnt Gott. Vereint hat uns Christi Liebe, so lasst uns frohlocken und jubeln in ihm! Wir lieben ehrfürchtig den lebendigen Gott, und wir lieben einander aus lauterem Herzen.    
 
(nach dem 1. Johannesbrief)
 
 
Die Liebe! Das unerschöpfliche Thema begleitet uns im ganzen Kirchenjahr wie eine biblisch-spirituelle Grundmelodie: Aus Liebe kommt Jesus zur Welt, und liebend geht er ins Leiden. Die Liebe des Vaters lässt ihn auferstehen, sie empfängt ihn im Himmel und sie schenkt uns den pfingstlichen „Geist der Wahrheit und der Liebe“. Den Grundgedanken von der Liebe hören wir in der zweiten Lesung dieses Sonntags aus dem ersten Johannesbrief: „Geliebte, wenn Gott uns so geliebt hat, müssen auch wir einander lieben.“

Eine besonders bekannte Musik hierzu ist das „Ubi caritas et amor“ (Gotteslob 285 lateinisch, 442 deutsch, 445 Taizé). Dieser Gesang wird zur Fußwaschung am Gründonnerstag gesungen, passt aber auch zum heutigen Sonntag. Etwa in der Fassung des französischen Komponisten und Organisten Maurice Duruflé (1902-1986). Er hat in Paris an der Kirche Saint-Étienne-du-Mont gewirkt und war weltweit als Konzertorganist tätig, bevor ein Autounfall 1975 seine Virtuosenkarriere jäh beendet hat. 1960 erschien sein siebenstimmiges „Ubi caritas“. 

Die gregorianische Melodie inspiriert Duruflé zu einem ebenso meditativen wie farbigen Chorstück. Meistens singt die Altstimme die alte Melodie, die ja nichts weiter will, als die Worte mit einem „Klangleib“ zu umhüllen. Die Männerstimmen begleiten mit erlesenen Harmonien, die sich mit der Gregorianik wunderbar verbinden. Im mittleren Teil gibt Duruflé die Melodie dann dem Sopran. Das Wort „Exultemus“ – „Lasst uns frohlocken und jubeln in ihm“ wirkt so als Steigerung: Die Melodie, die im Alt gleichsam verhüllt war, offenbart ihre ganze Schönheit nun in der Oberstimme. Und ganz am Ende zeigt das „Amen“ ein letztes Mal, wie gekonnt Duruflé die alte gregorianische Melodie mit seinen neuen Harmonien verbindet.
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Aufnahme mit der Maîtrise Notre-Dame de Paris unter Leitung von Henri Chalet.
 
Sonntagsmusik zum 28. April 2024 (Ausgabe 17/2024)
Chormusik zum Weinstock und den Reben von Heinrich Schütz
 
Ich bin ein rechter Weinstock, mein Vater ein Weingärtner. Einen jeglichen Reben an mir, der nicht Frucht bringet, wird er wegnehmen, und einen jeglichen, der da Frucht bringet, wird er reinigen, dass er mehr Frucht bringe. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben; bleibet in mir und ich in euch …
(nach Johannes 15, 1-4) 
 
 
„Singt dem Herrn ein neues Lied“, heißt es in Psalm 98 und im Eröffnungsgesang des heutigen Sonntags mit dem Beinamen „Cantate“. Der frühbarocke Komponist Heinrich Schütz (1585-1672) hat diese Aufforderung oft in die Tat umgesetzt, was im Dreißigjährigen Krieg überaus schwierig war. Zum Friedensschluss 1648 ließ Schütz eine große Sammlung von Chorstücken drucken, um sie dem damals schon berühmten Leipziger Thomanerchor zu widmen. In dieser „Geistlichen Chormusik“, so der Titel, finden wir eine sechsstimmige Motette über das heutige Evangelium im Wortlaut der Lutherbibel. 
 
Worum geht es? Jesus will seine Jüngerinnen und Jünger mit bildhaften Worten aus der Natur überzeugen. Dabei kommt ihm ein schroffer Gegensatz zu Hilfe: Die fruchtbaren Trauben am „rechten Weinstock“ – und das furchtbare Schicksal der Reben, denen die Wurzeln fehlen und die am Ende weggeworfen werden. In der Klangsprache von Schütz argumentiert Jesus in immer neuen Anläufen, wobei die vielen Stimmen sich zu einer Einheit fügen. Es geht um das Höchste, was man sich denken kann: um die Einheit von Vater, Sohn und Geist – mit allen, die Jesus nachfolgen. Und besonders wichtig sind die Verben: das „Wegnehmen“ wirkt energisch, das „Reinigen“ dann ganz freudig im Dreiertakt. Wie aber klingen die Reben? Auch da findet Schütz ein Verb: Die Reben ranken sich! 
 
Gegen Ende hören wir zweimal Jesu energische Aufforderung: „Bleibet in mir!“ Hier kommt es auf die polyphone Gestaltung der Stimmen an: Sie bleiben dicht ineinander verwoben, fast wie in einer Umarmung. Der Dirigent Hans-Christoph Rademann kommentiert die Motette so: „Schütz schreibt einen Weinberg in die Partitur, mit terrassenförmigen Melodieverläufen und kleinen Motiveinheiten als Treppenstufen abwärts dazwischen. Und er komponiert Weinreben mit Achtelketten, die Tonstufen umspielen.“ So bringt Schütz uns diese gleichnishafte Rede Jesu vom Gottesreich nahe. Der Chor intensiviert musikalisch verkündigend Jesu Botschaft von Gottes „gerechtem Wirken vor den Augen der Völker“, wie es im Eingangsvers des Sonntags Cantate heißt. 
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Einspielung mit dem Dresdner Kammerchor unter der Leitung von Hans-Christian Rademann.
 
Sonntagsmusik zum 14. April 2024 (Ausgabe 15/2024)
Österliche Bibelarbeit anno 1724 mit Georg Philipp Telemann

 
Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete auf dem Wege, als er uns die Schrift öffnete?
(Lk 24, 32)
 
 
Die Emmaus-Jünger! Heute ist nochmals die längste Geschichte aus dem Lukasevangelium dran. Wir hören, wie die beiden Jünger von Emmaus zurückkehren. Mit dem Bibelvers direkt davor stimmt die Sonntags-Musik darauf ein. Die Jünger erinnern sich an den Weg, den sie mit Jesus gegangen sind: wie er zunächst „inkognito“ mit ihnen gesprochen und ihnen dann den Sinn der Heiligen Schrift erschlossen hat. In dieser Erzählung spiegelt sich sogar die Messfeier. Warum? Dass Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern ein neues Verstehen der Schrift schenkt, entspricht dem Wortgottesdienst. Dann feiert er mit ihnen und uns das Mahl, die Eucharistie. Beides gehört zusammen.

Die Musik stammt von Georg Philipp Telemann (1681-1767). Der erste Eindruck: Ja, so klingt Barockmusik! Telemann hat die Kantate „Brannte nicht unser Herz in uns“ anno 1724 als Musikdirektor der Hansestadt Hamburg komponiert. Bald darauf erklang die schwungvolle Komposition zudem in Frankfurt und Eisenach, weil der geschäftstüchtige Telemann auch mit diesen Städten in guter Verbindung stand. Obwohl diese österlichen Klänge gut 300 Jahre alt sind, wirken sie immer noch frisch und packend. 

Musikalisch ergiebig sind die Verben des Textes. Das „Brennen“ der Jüngerherzen inspiriert Telemann zu kurzen, geradezu flackernden Notenwerten. Sogar ganz rasche Zweiunddreißigstel kommen vor in diesem Duett! Alt und Tenor singen genau den gleichen Rhythmus, so einig sind sich die beiden Jünger. 

„Die Schrift öffnen“ meint das Aufschlagen des Buches, aber auch das Eröffnen des Sinns. Wohl deshalb öffnen weiträumige Melodien den Klangraum in verschiedene Richtungen. Man hört geradezu die Lust der Jüngerinnen und Jünger, sich in die Schrift zu vertiefen und ihrem Sinn nachzuspüren. Weil das ganz persönlich ist, hat jetzt jede Singstimme ihren eigenen Duktus. Aber sie bleiben im Dialog über das, was Jesus ihnen erschlossen hat. Fast wie heutiges Bibelteilen, wofür sich die Emmaus-Erzählung bestens eignet.
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Aufnahme mit Margot Oitzinger (Alt) und Georg Poplutz (Tenor) sowie dem Orchester „Kölner Akademie“ unter Leitung von Michael Alexander Willens.
 
Sonntagsmusik zum 31. März 2024 (Ausgabe 12-13-14/2024)
Mozart, Novalis, Wessenberg: drei Autoren für ein Osterlied
 
Wir singen jubelnd, dass er lebt /
und auferstanden ist, verklärt in unsrer Mitte schwebt /
und ewig bei uns ist. 
 
Hinunter in das tiefe Meer /
versank des Todes Graun, und jeder, wenn er tot auch wär, /
wird seinen Heiland schaun. 
 
Er lebt und wird auch bei uns sein, /
wenn alles uns verlässt.
Drum wollen wir im Herrn uns freun /
an seinem Siegesfest. 

(Gotteslob 803) 
 
 
Ein beliebtes Osterlied! Mit einem Verfasser und zwei Paten, was urheberrechtlich heute wohl ein Problem wäre, um 1812 aber nicht. Der Verfasser ist Ignaz Heinrich von Wessenberg (1774-1869), der letzte Generalvikar des Bistums Konstanz. Er wollte, dass die Gemeinden an Sonn- und Feiertagen deutsche Vespern singen. Und dafür braucht es eingängige Worte und Klänge, die zum Singen einladen und ins Ohr gehen. 
 
Gesagt, getan! Auf Wessenbergs Schreibtisch liegen zwei Bücher. Das eine sind die jüngst erschienenen „Geistlichen Lieder“ des Dichters Novalis. Eines seiner Gedichte beginnt so: „Ich sag es jedem, dass er lebt und auferstanden ist.“ Wessenberg macht aus dem romantischen „Ich“ sogleich ein kirchliches „Wir“, denn: „Wir singen jubelnd, dass er lebt.“ Die zweite Strophe bekräftigt, dass wirklich alles in österliches Licht getaucht ist. Sogar das Leid ist verbannt, in die Tiefen des Meeres. 
 
Auf Wessenbergs Tisch liegt auch ein Notenblatt. Darauf steht eine Arie mit Ohrwurm-Qualitäten. Sie stammt aus Mozarts Oper „Die Zauberflöte“ und war damals schon populär: „Ein Mädchen oder Weibchen wünscht Papageno sich.“ Wessenberg ist aufgeklärt und fromm zugleich. Deshalb hat er vor „weltlichen“ Opern keine Berührungsängste. Ein paar typisch solistische Wendungen in der Melodie müssen etwas geglättet werden. Da könnte ein Musiker dem Generalvikar noch geholfen haben – und fertig ist das neue Osterlied mit dem poetischen Paten Novalis und musikalischen Paten Mozart! 
 
Merkwürdig ist das allerletzte Wort. Im Original und Konstanzer Gesangbuch steht nicht „Siegesfest“ wie im Gotteslob, sondern „Weltverjüngungsfest“. Im Licht der Auferstehung scheint die Welt jünger geworden, wieder näher an ihrem guten Ursprung. Aber wie soll denn alles jünger werden, anstatt älter? Es gelingt, wenn der alte Trott in den Hintergrund rückt und sich Neues Bahn bricht. Auch das ist eine Facette von Ostern, die in diesem alten Lied so schwungvoll erklingt, wenn wir es heute neu entdecken. 
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine neue Einspielung aus dem Chorraum der Pfarrkirche Münstertal, die Lust machen will auf die Konstanzer Oster- und Sonntagsvesper im Gotteslob.
 
Sonntagsmusik zum 17. März 2024 (Ausgabe 11/2024)
Der schweigsame Heilige: Josef im Lied „Träumen gehorchen, die Stille verstehn“
 
Träumen gehorchen, die Stille verstehn,
warten und schweigen und hören wie du.
Heiliger Josef, führ du uns zu Jesus,
teile mit uns deinen Glauben an ihn.
 
Aufbrüche wagen, der Furcht widerstehn,
Zuversicht leben, Vertrauen wie du.
Heiliger Josef …
 
Da sein und treu sein und gut und gerecht,
schützen und trösten und lieben wie du.
Heiliger Josef …

(Helmut Schlegel, GL 907)
 
 
Diese Musik ist eine „Hochfest-Musik“. Sie passt zum Dienstag der fünften Fastenwoche. Denn da feiern wir – mit Gloria und Credo sowie in der liturgischen Farbe weiß! – das Hochfest des heiligen Josef als „Bräutigam der Gottesmutter“. Viele kennen auch einen weiteren Ehrentitel für ihn: Dieser Zimmermann ist der „Nährvater“ Jesu.

Wäre das Neue Testament eine Oper, hätte Josef darin wohl eine „stumme Rolle“. Denn in der Bibel spricht er kein einziges Wort. „Zwischen den neutestamentlichen Zeilen“ erfahren wir jedoch manches über ihn, was sich im Lied gleichsam spiegelt. Viele Verben, etwa 20, klingen in den drei Strophen an. Von „Träumen gehorchen“ bis zum „Teilen“ im Refrain. Die Worte hat der Franziskaner Helmut Schlegel (geb. 1943) verfasst. Er schätzt Josef, weil dieser „die Sprache des Schweigens“ spricht. Vor allem aber handelt Josef. Er „ist kein Mensch des Stillsitzens, er steht auf und geht – auf Gottes Geheiß. Allein die Zuversicht und der feste Glaube leiten ihn“ (Helmut Schlegel). 
Wie aber vertont man eine solche Aufzählung? Michael Meuser (geb. 1958), früher Bezirkskantor in Tauberbischofsheim, hat sich dieser Aufgabe gestellt. Seine fließende Melodie öffnet sich am Ende der Abschnitte meistens harmonisch: wie wenn jemand das Ziel noch nicht erreicht hat, aber schon danach Ausschau hält. Auch der Refrain schließt zunächst offen, um ganz am Ende den Grundton zu erreichen, was Gewissheit ausstrahlt. „Gehen und bleiben – Aufbruch und Zuversicht“, so beschreibt es Helmut Schlegel. Auch wenn er schweigt, zeigt Josef „die Stärke eines Menschen, der aus seiner Gottverbundenheit Kraft schöpft“. Grund genug für ein Hochfest. Mit dieser Musik.
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Aufnahme dieses Josefslieds mit Alina Sauter (Gesang) und Bruno Hamm (Orgel).
 
Sonntagsmusik zum 3. März 2024 (Ausgabe 9/2024)
Eine packende Chormusik: Jesus und die Krämer
 
„ ... wie da rennt und rummelt alles Rind und Schaf! Wie die Menge wirbelt, Mensch und Vieh in Haufen drängt sich durcheinander …“

(nach Johannes 2,13; Markus 11,17; Lukas 19,47)
 
 
Tumult im Sonntagsevangelium! Da ist die Musik in ihrem Element. Der ungarische Komponist Zoltán Kodály (1882-1967) hat sich für die Bibel ebenso interessiert wie für die Volksmusik seines Landes. Das etwa sieben Minuten dauernde Chorstück zum heutigen Evangelium ist a cappella, also ohne Orgel- oder Orchesterbegleitung, und zeichnet die im Evangelium erzählte Tempelaktion Jesu überaus plastisch nach. Gleich die ersten Takte öffnen einen Klangraum, der Ehrfurcht gebietet. Jerusalem, der Name der Heiligen Stadt, erklingt in langen Notenwerten und mit einer harmonischen Entwicklung, als ob sich das Stadttor feierlich öffnet. Dann hören wir, was äußerlich passiert: wie Jesus eine Geisel zur Hand nimmt und die Händler fortjagt, was ein großes „Getümmel“ zur Folge hat. Das letzte „fort“ wird in einer schwungvollen Bewegung erreicht und mündet effektvoll in eine Generalpause. Endlich kehrt Ruhe ein! Kodály komponiert nicht nur die äußeren Ereignisse. Er lässt uns auch in die Seele des aufgebrachten Jesus blicken: wie er mit den Worten „Mein Haus ist Stätte des Gebetes“ seine hebräische Bibel zitiert und wie er die Händler direkt angreift: „Ihr jedoch, was macht ihr daraus? Gottlos! Räuberhöhle!“ In den Chorstimmen hallt das Wort „gottlos“ noch vielfach nach, vom entrüsteten fortissimo bis ins fassungslose piano. Ganz am Schluss öffnet sich dann aber eine helle Perspektive, nämlich die der Nachfolge Jesu. Die Menge folgt ihm nach: mit einem strahlenden D-Dur-Akkord, zehnstimmig und doch wieder leise verklingend.
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Aufnahme mit dem Rundfunkchor Stockholm unter der Leitung des berühmten Chordirigenten Eric Ericson.
 
Sonntagsmusik zum 18. Februar 2024 (Ausgabe 7/2024)
Musikalischer Auftakt zur Fastenzeit – im Zeichen des Regenbogens
 
Regenbogen, Friedenszeichen, Gott reicht uns seine Hand.
Regenbogen, Lebenszeichen, Segen für jedes Land!
Regenbogen, Friedenszeichen, Gott lässt uns nicht allein.
Regenbogen, Lebenszeichen, Gott will die Welt befrein!
Regenbogen, Friedenszeichen, Gott schließt nun einen Bund.
Regenbogen, Lebenszeichen, 
tut seine Liebe kund.
Hanni Neubauer, 

Gotteslob 864
 
 
Zum heutigen Sonntag gehören eine Zahl und ein Symbol. 40, das ist die Zahl. Warum? Am ersten Sonntag der 40-tägigen Fastenzeit hören wir im Evangelium nach Markus, dass Jesus 40 Tage in der Wüste verbracht hat. Und in der ersten Lesung aus dem Buch Genesis geht es um die 40 Tage und 40 Nächte der großen Flut, die Noah und alle Menschen und Tiere, die mit ihm in der Arche waren, überlebt haben. Das Symbol ist der Regenbogen als Zeichen des Bundes Gottes mit allem, was lebt. Oft schon wurde dieses Naturschauspiel in bunten Farben gemalt. Das hier zu sehende Kinderbild ist ein schönes Beispiel, weil es Arche, Taube und Musik verbindet. 

Auch im heutigen Antwortpsalm klingt der Regenbogen an, wenn wir im Kehrvers vom „Bund“ Gottes mit seiner Schöpfung singen und von den „Taten deiner Gnade“ die „seit Ewigkeit“ bestehen (Psalm 25, 6). Im Gotteslob findet sich überdies ein schlichtes Lied hierzu! Es ist ein Kinderlied, bei dem auch Erwachsene mitsingen können. Autorin der Worte und Musik ist die Religionspädagogin Hanni Neubauer (1905-2003), die viele Entwürfe für Kinder- und Familiengottesdienste verfasst hat. Vielleicht lassen sich die drei Strophen sogar mit einer knappen Strichzeichnung vergleichen, die jede und jeder beim gemeinsamen Singen mit eigenen Erfahrungen gleichsam ausmalen kann.

Die Melodie bleibt durchweg schlicht und die Harmonien öffnen sich bogenförmig. Kindgemäß deutet Hanni Neubauer den Regenbogen in drei Schritten: „Gott reicht uns seine Hand“ zum „Segen für jedes Land“ (1); aus dem „Land“ wird in Strophe 2 dann die ganze „Welt“. Der letzte Vers wendet das gnadenhafte Handeln Gottes in eine neue „Tonart“: Was sollen wir jetzt tun? Die Antwort heißt „Tut seine Liebe kund!“ – im Singen und Feiern, im Handeln und Nachfolgen. Genau dazu ruft Jesus im heutigen Evangelium auf: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ Wie schön, dass das Bild vom Regenbogen und das Lied uns daran erinnern. Vielleicht klingt beides ja noch weiter nach in diesen 40 Tagen.
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Aufnahme mit Michaela Ortlieb-Steffe, Evelyne Pfefferle und Heidrun Gutmann, die von Bezirkskantorin Karin Karle, Münstertal, an der Orgel begleitet werden.
 
Sonntagsmusik zum 4. Februar 2024 (Ausgabe 5/2024)
 
Fragezeichen oder Punkt – in der Musik von Johannes Brahms

Mühseligen, und das Leben den betrübten Herzen, die des Todes warten und kommt nicht? 
(Ijob 3, 20)
 
Siehe, wir preisen selig, die erduldet haben. Die Geduld Hiob habt ihr gehöret, und das Ende des Herrn habt ihr gesehen; denn der Herr ist barmherzig und ein Erbarmer. 
(Jakobusbrief 5, 11)
 
Mit Fried und Freud ich fahr dahin in Gottes Willen. Getrost ist mir mein Herz und Sinn, sanft und stille. Wie Gott mir verheißen hat: Der Tod ist mir Schlaf worden.
(Martin Luther nach Lukas 2, 29-33)
 
 
 
Hiob und Simeon sind zwei sehr gegensätzliche Gestalten! Sollte man diesen beiden biblischen Personen passende Satzzeichen zuordnen, dann bekäme Hiob das Fragezeichen und Simeon den Punkt. Ja, alle Fragen Hiobs, von denen wir an diesem Sonntag einige in der ersten Lesung hören, münden in die oft verzweifelte Frage: Warum? 

So hat es auch der Komponist Johannes Brahms verstanden. Deshalb nennt er seine Motette über Worte des Hiob eine „kleine Abhandlung über das große Warum“. Immer wieder hören wir in der Musik das entscheidende Fragewort „Warum?“. Fast wie die Säulen einer komponierten Architektur. Aber diese Säulen tragen nicht. Die Stimmen des Chores wenden sich bei der „Warum?“-Frage resigniert abwärts – statt aufwärts, wie es für eine Frage typisch wäre. Anstelle einer Antwort gibt das Echo nur die Frage zurück. Bleiben die Rätsel also ungelöst?

Erst am Ende seiner Motette findet Brahms zu einer Antwort auf Hiobs Fragen. Er formuliert sie aber gar nicht selbst. Vielmehr „leiht“ er sich Martin Luthers Choral über das Lied des Simeon, dessen Fest vor wenigen Tagen, am 2. Februar, gefeiert wurde. Mit dem Jesuskind auf dem Arm gelingt Simeon der „Punkt“, indem er zu seiner Sterblichkeit Ja sagt. Brahms kleidet diesen Choral „Mit Fried und Freud ich fahr dahin“ in farbig-romantische Harmonien. Zur gelingenden Lebens- und Sterbekunst gehört wohl beides, je nach der persönlichen Situation: Hiobs Fragen und Simeons Antwort.
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt eine Aufnahme mit dem WDR-Rundfunkchor unter Leitung von Peter Dijkstra.
 
Sonntagsmusik zum 21. Januar  2024 (Ausgabe 3/2024)
 
Wie ein altes Lied uns neu macht:
„Cantate Domino“ von Claudio Monteverdi

Singt dem Herrn ein neues Lied,
singt dem Herrn,
preist seinen Namen,
denn Wundertaten
hat er vollbracht.
Jubelt dem Herrn, alle Lande,
freut euch, frohlockt und singt!
Lobt ihn mit Zither
und Psalmengesang.

(Psalm 96, 1-2 und 98, 1. 4. 5) 
 
 
 
„Neu ist das Lied, das den Menschen neu macht“, weil es „nach Dunkelheit, Sorge und Angst hervorbricht zu neuer Hoffnung, neuem Glauben, neuem Vertrauen.“ So hat der Theologe und Widerstandkämpfer Dietrich Bonhoeffer im April 1934 in London gepredigt. Das biblische „Neue Lied“, von dem wir in Psalm 96 und 98 hören, prägt auch den Gesang zum Einzug (Introitus) am heutigen Sonntag.
 
Als Vertonung wählen wir einen schwungvollen Chorsatz von Claudio Monteverdi (1567-1643), der am Markusdom in Venedig gewirkt hat. Seine Musik beginnt im tänzerischen Dreiertakt, der die Worte mit sich reißt. Langsam und andächtig folgt ein staunendes Innehalten vor den „Wundertaten“ Gottes. Virtuos wird es dann beim „Frohlocken“, bevor sich Instrumente und Stimmen zu den Worten „Zither und Psalmengesang“ vereinen. Im Gesang meint man sogar zu hören, wie die Saiten der Zither kraftvoll angerissen werden. 
 
Dass diese Musik schon gut 400 Jahre alt ist, merkt man nicht, wenn sie frisch gesungen wird. So wie vor wenigen Wochen auf einer Baustelle in Paris! Da erklang Monteverdis „Cantate Domino“ in der Kathedrale Notre-Dame, die nach dem verheerenden Brand gerade wieder neu aufgebaut wird. Dirigent und Organist sowie der Chor mussten Schutzhelme tragen. Aber entmutigen lassen sie sich nicht! Sie wollen Zukunft gestalten. 
 
Die Bilder vom Baugerüst in der Kathedrale und von den Arbeiten außen gehen eine stimmige Symbiose mit der Musik ein. Das gibt zu denken: Immer geht es um Erneuerung; in der Musik des „Neuen Liedes“, beim Restaurieren, an jedem Sonntag. Und das war auch Dietrich Bonhoeffer wichtig. In seiner Predigt über das „Neue Lied“ sagt er: „Das neue Lied ist das Lied, das Gott selbst neu in uns erweckt.“ Es kann auch „ein uraltes Lied“ sein. Wichtig ist die Kraft, mit der Gott „sich Lobgesänge schafft mitten in der Nacht“. 
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt diese „Baustellen-Aufnahme“ mit dem Vokalensemble an Notre-Dame, Paris. Die Leitung hat Henri Chalet, an der kleinen Orgel begleitet Yves Castagnet.
 
Sonntagsmusik zum 7. Januar  2024 (Ausgabe 52-53/2023 - 1/2024)
„Et incarnatus est“: Mozart staunt über die Menschwerdung Gottes
 
Drei Kön‘ge wandern 
aus Morgenland,
ein Sternlein führt sie 
zum Jordanstrand.
In Juda fragen und 
forschen die drei,
wo der neugeborne König sei.
Sie wollen Weihrauch, Myrrhen 
und Gold
zum Opfer weihen 
dem Kindlein hold.
 
O Menschenkind, 
halte treulich Schritt,
die Könige wandern, 
o wandere mit!
Der Stern des Friedens, 
der Gnade Stern
erhelle dein Ziel, 
wenn du suchest den Herrn.
Und fehlen dir Weihrauch, 
Myrrhen und Gold,
Schenke dein Herz 
dem Knäblein hold!

(Peter Cornelius)
 
 
 
Der in Mainz geborene Peter Cornelius (1824-1874) sagte über sich selbst: „Die einzige virtuose Anlage, die ich habe, ist das Versemachen.“ Aber eigentlich war er ein Multitalent: Schauspieler und Violinist, Komponist und Poet, der Hausmusik ebenso zugetan wie der großen Opernwelt, die er mit seiner Oper „Der Barbier von Bagdad“ bereichert hat.

Den Dezember des Jahres 1856 verbrachte Cornelius bei der Familie seiner Schwester Elise in dem kleinen Ort Bernhardshütte im Thüringer Wald, um die erwähnte Oper zu vollenden. Hier erlebt er eine familiäre Weihnacht mit Tannenbaum und Geschenken, mit Chorälen in den Gottesdiensten und Hausmusik am Klavier. Von all dem inspiriert, komponiert er wunderbare weihnachtliche Miniaturen. Eines dieser Stücke setzt die Geschichte der drei Könige aus dem Morgenland in berührende Klänge. 

Ein Erzähler tritt auf und deklamiert in Reimen die biblische Geschichte von den drei Königen, wie eine Legende. Die dritte Strophe fordert zur persönlichen Aneignung auf: „… o wandre mit!“ Denn wer mitwandert zur Krippe, dem leuchtet der Stern durchs Leben. 

Genau dies geschieht in der Musik. Statt einer bewegten oder gar virtuosen Begleitung auf den Tasten des Klaviers hören wir im langsamen Tempo das alte Lied „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ (Gotteslob Nr. 357) von Philipp Nicolai. Die Solostimme führt uns von außen nach innen, vom Damals ins Heute. Dazu ergänzt die Begleitung – im Original für Klavier, oft aber auch gesungen – die Perspektive „von oben“, wie ein klingender Stern.
 
Unser Autor Meinrad Walter empfiehlt diese Aufnahme mit dem englischen Ensemble VOCES8 und Gastsängern.